Quartett - Jeden Sonntag spielen vier Blechbläser der Münsinger Stadtkapelle einen Choral vom Turm der Martinskirche

Die Trompeter haben leichtes Spiel

VON JULIE-SABINE GEIGER

MÜNSINGEN. Jeden Sonntag spielt ein Blechbläser-Quartett der Stadtkapelle Münsingen den Tageschoral vom Turm der Martinskirche. Die Tradition des Turmblasens, die schon im Jahr 1879 in der Chronik der Stadtkapelle erwähnt wird, nehmen die Musiker sehr ernst. Zwei Trompeten, ein Tenorhorn und die Tuba müssen es sein, damit es klingt vom Turm in knapp 50 Meter Höhe, wo die vier Blechbläser die Fenster in alle vier Himmelsrichtungen der Reihe nach öffnen, um »Ein feste Burg ist unser Gott« über Münsingen zu schicken. Zur Freude vieler Zuhörer, die diesen ehrenamtlich erbrachten Dienst schätzen.

Ganz früher sei jeden Tag vom Turm gespielt worden, berichtet Tenorhornist Harald Leyher. Nach dem Ersten Weltkrieg dann nur noch an den Sonn- und Feiertagen. »Wir haben ein Anwesenheitsbuch für die Zeit von 1919 bis 1927 gefunden«, erzählt Heinz Kurz. Der zweite Trompeter ist der dienstälteste Bläser des Ensembles. Seit 1972 ist er Turmbläser. Harald Leyher macht den Job seit 17 Jahren, zur Stammbesetzung gehört des Weiteren Frank Bob als erster Trompeter und dann hängt im Turm eine Liste von Musikern, die ebenfalls Choräle spielen können. Das kirchliche Repertoire unterscheidet sich doch vom Weltlichen der Stadtkapelle.

Unterschiedliche Stimmungen

»Die Instrumente der Stadtkapellen, die sich von der Militärzeit und ihren Märschen herleiten, sind in der Tonart B gestimmt, die Sinfonieorchester und auch das Kirchengesangbuch in C«, erklärt Trompeter Leyher den Unterschied, der bedacht werden muss. Auch bei der Stadtkapelle sind die Freiwilligen knapp. Aber an Heilig Abend, »da sind wir schon mal 15 Bläser«, erzählt Heinz Kurz. »Da kommt auch das Holz und dann ist da oben voll.« Mehr gehen bei bestem Willen nicht auf den schmalen Holzbrettergang um die Kirchenglocken herum.

Im flotten Tempo steigen die vier Männer mit ihren Instrumenten die 117 Stufen im Kirchturm nach oben. Dabei haben die Trompeter noch leichtes Spiel. Ihre Instrumente wiegen nur um die drei Kilogramm. Das größere Tenorhorn, auch Kaiserbariton genannt, bringt es mit seinen vielen Windungen auf 4,5 Kilo, das meiste hat Matthias Brändle zu schleppen. Seine Tuba, das dicke Bass-Instrument, die stattliche 6 bis 7 Kilo auf die Waage bringt, will auf der schmalen Stiege durch die enge Öffnung bugsiert werden. Die Musiker sind darin geübt.

Bei den Glocken angekommen pfeift der Wind durch die Fensteröffnungen, der wenn er von Westen oder Norden bläst, schon mal Dissonanzen ins Spiel bringt. »Der Nordwind bläst unsere Töne zurück«, beschreibt Kurz erschwerte Bedingungen. Dabei lassen die Turmbläser nicht einmal bei Minusgraden ihren Choral ausfallen, auch wenn es ab minus zehn Grad für Blechbläser richtig ungemütlich wird. »Viele tragen dann Handschuhe«, erzählt Heinz Kurz. Gegen die dann irgendwann eingefrierenden Ventile helfen Handschuhe allerdings auch nicht. Ab einem gewissen Punkt nehmen's auch robuste Blechblasinstrumente übel.

Von Hand geschriebene Noten

In den fünfziger Jahren bekamen die Turmbläser vom Dirigenten der Stadtkapelle Oskar Scheck, der das Turmblasen nach Kriegsende wieder eingeführt hatte, jeden Sonntag die von Hand geschriebenen Choralnoten an die Kirchentüre gepinnt. »Die waren mit Tusche geschrieben und dem Vernehmen nach nicht immer so einfach zu lesen«, berichtet Heinz Kurz. Eines Tages haben die Noten mit samt Schlüssel zur Kirche gefehlt und seien nie wieder aufgetaucht. »Die hat jemand geklaut«, mutmaßt Kurz. Ob die Bläser an diesem Tag ihren sonntäglichen Dienst verrichten konnten, ist nicht überliefert. Wohl aber, dass noch 1879 jeden Morgen um 6 Uhr vom Turm der Martinskirche geblasen wurde. Im Winter um halb zwölf. Und dass »die wackeren Musiker beim Turmumbau 1887 auch noch die Glockenstimmen ersetzen mussten.«

»Wir haben auch einen Kritiker«, berichtet Tuba-Spieler Matthias Brändle. Das sei Ernst Krehl, der immer ganz genau zuhöre und den Musikern dann sage, wenn es mit dem Tempo gehapert hat. »Er lobt uns aber auch, wenn es ihm gefallen hat.« Und an Weihnachten lasse er einen Schnaps für die unermüdlichen Turmbläser springen. (GEA)

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