Bildung - Münsinger Familie streitet um das Recht, ihre Kinder außerhalb des Schulsystems lernen zu lassen

Die Schule und das Grundgesetz

Von Christine Dewald

MÜNSINGEN. Kinder müssen in die Schule? Christiane Ludwig-Wolf und Andreas Jannek aus Münsingen stellen diese Aussage grundsätzlich in Frage. Jetzt streitet das Ehepaar vor Gericht um die Möglichkeit, mit seinen zwei Söhnen einen Bildungsweg außerhalb des Schulsystems zu gehen.

Christiane Ludwig-Wolf und Andreas Jannek streiten vor Gericht um die Möglichkeit, ihre Söhne außerhalb der Schule lernen zu lassen. FOTO: Christine Dewald
Kinder wollen lernen. Und sie brauchen Freiraum für eigene Entdeckungen, der nicht laufend von Regeln und Zwängen eingeschränkt werden darf. Solche Aussagen würde auch eine erfahrene Pädagogin wie die frühere Dottinger Grundschulrektorin Elke Kaden unterschreiben. Sie setzte sich deshalb »mit sehr großem Interesse und in großen Teilen Verständnis« (so die ehemalige Schulleiterin als Zeugin vor dem Münsinger Amtsgericht) mit der Entscheidung einer Familie auseinander, ihren Sohn außerhalb des festen Rahmens der Schule lernen und sich entwickeln zu lassen. Als Rektorin war sie trotzdem verpflichtet, den Verstoß gegen die Schulpflicht den Behörden zu melden.

Inzwischen wäre Jaromir Drittklässler. Die Dottinger Grundschule hat er nur bei der Einschulungsveranstaltung vor über zwei Jahren besucht. Und auch sein jüngerer Bruder, der eigentlich seit September hier zur Schule gehen sollte, ist nicht erschienen. Laut Schulgesetz haben sich seine Eltern deshalb einer Ordnungswidrigkeit schuldig gemacht. Sie haben »vorsätzlich unterlassen«, ihre Kinder an der Dottinger Schule anzumelden, wie es in der Anklageschrift heißt, die am Mittwoch vor Gericht verlesen wurde.

»Wir beabsichtigen daher, die Schulpflicht zwangsweise durchzusetzen«


Denn die Behörden hatten nach einigem Briefwechsel beschlossen, nicht länger abzuwarten. »Es gibt eine verbindliche Schulpflicht«, sagte Horst Erdmann vom Staatlichen Schulamt in Tübingen, der als Zeuge in der Münsinger Verhandlung gehört wurde. Die argumentativen Möglichkeiten habe er ausgeschöpft gesehen, weshalb »Sanktionen jetzt angezeigt« seien. Das Regierungspräsidium Tübingen hat der Familie in einem Brief angekündigt, »die Schulpflicht zwangsweise durchzusetzen«, hat Zwangsgeld oder Zwangshaft angedroht und sich die Einschaltung des Familiengerichts vorbehalten, das den Entzug des Sorgerechts prüfen soll.

Auf die Vorschläge der Familie, die Schulpflicht durch die Partnerschaft mit einer anerkannten Schule oder durch die Gründung einer eigenen Schule erfüllen zu wollen, war aus dem Schulamt eine knappe Antwort gekommen: Beides sei nicht vereinbar mit dem baden-württembergischen Schulgesetz. Statt des erbetenen Gesprächstermin erhielt die Familie einen Bußgeldbescheid: Je zweihundert Euro sollten beide Elternteile wegen Verletzung der Schulpflicht zahlen. Beide haben Einspruch eingelegt, weshalb die Sache jetzt vor dem Münsinger Amtsgericht verhandelt wird.

Zum Auftakt haben Christiane Ludwig-Wolf und Andreas Jannek versucht, dem Gericht die Beweggründe für ihre Entscheidung zu schildern. Das deutsche Schulsystem habe »undemokratische Strukturen«, schränke Grundrechte wie das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit ein: »In einem System von Zwang und Kontrolle ist die volle Entfaltung nicht möglich.« Die Unterschiedlichkeit der Menschen werde in der Schule nicht genügend berücksichtigt: »Es ist gut, wenn nicht alle das Gleiche machen wollen. Aber es wird zum Problem, wenn alle das Gleiche machen müssen.«

Auf die Entwicklungsphasen der Kinder und die Ergebnisse moderner Gehirnforschung gehe die Schule zu wenig ein. Die dort vorherrschende theorielastige Methode sei »Lernen zweiter Klasse«. Kinder, die damit nicht zurecht kommen, seien deutlich benachteiligt - was wieder ein Grundrecht tangiere, nämlich das Recht auf Bildung. Auswirkungen auf ein anderes Grundrecht werden im baden-württembergischen Schulgesetz ausdrücklich zitiert: »Das Grundrecht der körperlichen Unversehrtheit wird nach Maßgabe dieses Gesetzes eingeschränkt«, heißt es in Paragraf 117.

Mehrere Stunden lang hat das Ehepaar an den ersten beiden Verhandlungstagen dann versucht, mit einer Fülle von Beweisanträgen »Mosaiksteinchen« für das Versagen des deutschen Schulsystems zusammenzutragen. Als Zeugen haben sie Polizeipräsidenten oder Psychologen benannt, die über Gewalt an Schulen Auskunft geben könnten, Schulleiter, die sich über Fehler ihrer Lehrer geäußert haben oder Schüler, die unter Schulstress oder Schulangst litten.
++»In einem System
von Zwang und Kontrolle ist Entfaltung nicht möglich«++
Andere der beantragten Zeugen sollten Belege dafür beisteuern, dass nicht nur die klassische Präsenzschule, sondern auch eine Fernschule Kinder und Jugendliche zu erfolgreicher Bildung und einem offiziellen Abschluss führen kann. An einer solchen Fernschule - die allerdings in Baden-Württemberg nicht anerkannt ist - hatte das Paar seine beiden Söhne zunächst angemeldet.

Bislang hat Amtsrichter Thomas Rainer alle Beweisanträge abgelehnt, weil sie zur konkreten Schule nichts aussagten und für seine Entscheidung deshalb nicht relevant seien. Ihnen gehe es um eine grundsätzliche Kritik an der Schulpflicht durch Belege für das Versagen des Schulsystems, argumentierten Ludwig-Wolf und Jannek. Ihn interessiere der konkrete Fall und damit das, was sich auf die Dottinger Grundschule bezieht, antwortete Rainer.

Die Selbsteinschätzung des Ehepaars stellte der Richter nicht in Frage: »Wir sind Eltern, die mit hohem Aufwand gucken, dass es ihren Kindern gut geht und sie die beste Bildung bekommen.«

Mit weiteren Beweisanträgen wird die Verhandlung am kommenden Mittwoch um 8.50 Uhr im Münsinger Amtsgericht fortgesetzt. (GEA)

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