MÜNSINGEN/ENGSTINGEN. Schneenachschlag fürs Land. Schneeflöckchen statt Schneeglöckchen. Dabei hatten unlängst die Märzenbecher im lauwarmen Sonnenschein den Vorfrühling eingeläutet. Im Weinbauklima des Ermstals freilich. »Auf der Alb ist der Winter um diese Zeit doch an der Tagesordnung«, ruft Marc Wörz, Kartoffelanbauer aus Hohenstein-Oberstetten den Kalender in Erinnerung und zitiert alte Bauernweisheiten: »Was schon im März wächst, sollte man mit dem Schlegel wieder reinschlagen.«
Eine Regel, an die sich auch Elisabeth Gorzelany aus dem Hayinger Ortsteil Kochstetten hält. »Was jetzt in den Boden kommt«, erklärt die Gemüsegärtnerin, »das verhockt nur.« Frühestens ab Mitte April werden bei ihr Kürbisse, Pastinaken und Haferwurzeln gesät und die Zwiebeln gesteckt. »Die Feldarbeit spielt doch jetzt noch gar keine Rolle«, winkt Elisabeth Gorzelany ab. Später in den warmen Boden gebracht, hole die Vegetation den scheinbar verzögerten Saat-, Steck- und Pflanztermin schnell auf. **
»Was schon im März wächst, sollte man mit dem Schlegel wieder reinschlagen«
»Lieber den Winter jetzt am Stück und später kann es wachsen«, bekundet auch Marc Wörz, bei dem Annabell bereits in Keimstimmung ist, aber erst in den Boden gelegt wird, wenn das Wetter mitmacht. Von den ersten warmen Tagen habe er sich nicht zum Kartoffelstecken verführen lassen, so wie seine Heilbronner Kollegen, bei denen die Frühkartoffeln, die zu Pfingsten erntereif sein sollten, jetzt im frostigen Boden schlottern. »Der Schnee, der mit der Sonne geht, kommt wieder«, zitiert der Experte eine weitere Regel der Natur, die in diesem Jahr einmal mehr bestätigt worden ist. »Wenn Winter ist, ist Winter. Das wissen wir hier auf der Alb und deshalb gibt's hier keine Probleme.«
Allenfalls bringt der Schneenachschub die Tierhalter in die Bredouille, deren Güllebehälter nach der Sperrzeit (für Ackerland von 1. November bis 31. Januar) randvoll sind. »Die Sperrzeit ist jetzt zwar vorbei«, erklärt Pflanzenbauberater Helmut Länge vom Kreislandwirtschaftsamt in Münsingen. Die Düngeverordnung verbietet aber das Ausbringen von Festmist und flüssigem Dung bei geschlossener Schneedecke und Bodenfrost.
Im Tal hätten zwar schon einige Landwirte Dünger gestreut. »Aber da ist keine Gefahr im Verzug«, mahnt Länge zur Geduld. Wenn das Getreide oder die Linsen Ende März gesät werden könnten, wäre das schön. Im vergangenen Jahr sei es aber auch Mitte April geworden, dennoch habe es gute Erträge gegeben. »Da hat halt alles zusammengepasst.«
Nicht einmal den Schädlingen mache der strenge Winter zu schaffen. Kuscheln sich Mäuse unter der Schneedecke für Feinde aus der Luft unsichtbar in ihre Nester, könne der Frost den in Larvenstadien im Boden überdauernden Rapsglanzkäfern und anderen Schadinsekten nichts anhaben. Von Dezimieren der Populationen keine Spur. Helmut Länge befürchtet eher das Gegenteil.
»Bislang habe ich nur die Zaubernuss schon blühen sehen, das war in Pliezhausen«, kommentiert Axel Rieber, Kreisfachberater für Obst- und Gartenbau, die bisherige Entwicklung der Pflanzenwelt in diesem Winter. Aber die sei ja auch ein winterfestes Ziergehölz. Auch er betont, dass die lange Ruhezeit nicht ungewöhnlich sei.
»Das bleibt vorerst so. Kaltluft ist standhaft«
»Es könnte allerdings sein, dass Obstbaumbesitzer Probleme mit dem Baumschnitt haben werden, wenn es dann plötzlich warm wird und alles zu knospen und zu blühen anfängt«, vermutet er. Denn der Schnitt sollte natürlich vor der Blüte erfolgen. Dafür könnte aber in diesem Frühjahr die Zeit knapp werden. Denn wenn die Sonne erst einmal richtig zu wärmen beginne, würden sich auch die Knospen in Windeseile öffnen. »Da geht es dann Schlag auf Schlag«, sagt er. Wer dennoch alle seine Bäume fachgerecht stutzen möchte, sollte genügend Helfer parat haben. Oder bis zum Spätsommer warten, wenn sich die Prozedur bei angenehmeren Temperaturen erledigen lasse.
»Wir haben erst März. Spätwinter«, erklärt auch Roland Hummel vom Stockholmer Flughafen. Von Schweden aus, wo Hummel auf einer 50 bis 80 Zentimeter mächtigen Schneeschicht am Wasa-Lauf teilgenommen hat, begleitet die polare Kaltluft den Engstinger Meteorologen nach Süden. Mit reichlich Schnee. »Das bleibt vorerst so. Kaltluft ist standhaft.«
Das sei für die Jahreszeit auch ganz normal, auch wenn bereits die ersten Bienen unterwegs waren, betont Hummel. »Das wechselt jetzt das ganze Frühjahr hindurch«, stellt der Klimaexperte die Abfolge kalter Polarluftmassen und mediterraner Strömungen in Aussicht. Bis zum krönenden Abschluss der winterlichen Intermezzi, der Schafskälte im Juni, sollten die dicken Winterpullis in greifbarer Nähe bleiben. (GEA)