Braukunst

Bier-Express: Ein Hoch aufs Bier und die Eisenbahn

VON MARION SCHRADE UND JOACHIM BAIER

Bierexpress 2016
FOTO: Joachim Baier
Unter Dampf. Kurz nach 9 Uhr steigen die ersten Passagiere in den Dampfzug am Münsinger Bahnhof und machen es sich in den nostalgischen Waggons gemütlich. Lokführer Stefan Däuber hat Schweiß und Ruß auf der Stirn: Spuren von sechs Stunden Arbeit. Um drei Uhr morgens haben er und sein Heizer Frank Wennagel begonnen, die Lok T3, Baujahr 1905, fit für die erste Fahrt zu machen. Wasser in den Kessel füllen, mit ein paar Spächele und Putzwolle ein Feuer entfachen, die ersten Kohlen auflegen – die alte Dame wird behutsam auf Betriebstemperatur gebracht. Um 183 Tonnen Gesamtgewicht auf der Schiene zu bewegen, braucht es ordentlich Dampf im Kessel. Und jede Menge Kohle. Zwei bis drei Tonnen, sagt Däuber, wird er am Ende des Tages auf der Strecke zwischen Münsingen und Trochtelfingen verheizt haben.



Auf der Kanzel. Sowohl für die Alb-Bahn als auch für die evangelische Kirchengemeinde eine Premiere: Gottesdienst im Lokschuppen. Pfarrer Thomas Lehnhardt nimmt die Herausforderung an, steigt auf einen Zugwaggon statt auf die Kanzel und spricht über 500 Jahre Reinheitsgebot. Nicht nur das des Bieres, sondern auch das des Glaubens. Der Brückenschlag ist die historische Nähe: 1517 – nur ein Jahr nach dem Erlass des Reinheitsgebots fürs Bier – schlug Luther seine berühmten 97 Thesen an.



Von Hand. Jede Flasche einzeln. So hat man Bier früher abgefüllt. Wie's geht, zeigt Björn Gaiser den Besuchern in Offenhausen. Eigens für den Bier-Express haben sich die drei kleinsten Partner-Brauereien – Böhringer, Blank und Speidel – ein besonderes Souvenir ausgedacht: von Hand abgefülltes Export in der Bügelflasche mit Sonderetikett. »Zum Mitnehmen«, sagt Björn Gaiser. Auf dem Fest im Grünen rund um die Klosterkirche, findet der Fachmann, schmeckt das Blonde aus dem Glas definitiv besser. »Man sieht und riecht das Bier, die einzelnen Aromen entfalten sich freier.« Ein leidenschaftliches Plädoyer für stilvollen Biergenuss, der selbst eingefleischte Aus-der-Flasche-Trinker überzeugen dürfte.



Mit Geduld. Jürgen Heiss heißt der Mann, der die Handabfüllmaschine nach historischem Vorbild gebaut und mit nach Offenhausen gebracht hat. Und nicht nur die. An seiner Anlage zeigt der Tüftler aus Emmingen ob Eck, wie früher gebraut wurde. Malz und Wasser im Kessel, drunter ein Feuer. Mehr braucht's nicht. Außer Zeit. Heiss wartet, bis das Thermometer 72 Grad zeigt. »Dann ist die Malzstärke in Zucker umgesetzt«, sagt er. Die Gärung erledigt den Rest: aus süß wird herb.

Mit Pepp. Für jedes Jahr des Reinheitsgebots eine: 500 Bierflaschen aus ganz Baden-Württemberg hat Brauer Wolfgang Speidel zusammengetragen und in der Klosterkirche Offenhausen ausgestellt. Unter die Traditionalisten mischen sich immer mehr junge Wilde aus der Craft-Beer-Szene. Die »Bitter Single Lady« ist eine Allgäuerin mit poetischem Namen. Was für harte Kerle dürfte der »Bourbon Barrel Bock« sein: ein fassgereifter Bockbier-Cuvée, drei Monate in Bourbon-, Rum- oder Tequila-Fässern gelagert.



Mit Krone. Gleich vier gekrönte Häupter reisen mit der Schienen-Kutsche von Audienz zu Audienz. Während Gomadingens Wacholder-Königin Jasmin Strohm als Alleinherrscherin auf sich gestellt ist, hat die Tettnanger Hopfenhoheit Regina Mack gleich zwei Prinzessinnen im Schlepptau. 90 Prozent ihres Hopfenbedarfs deckt die Berg-Brauerei mit Gewächsen aus den Tettnanger Gärten. Was Brauer Ulrich Zimmermann und seine Mitarbeiter in Berg draus machen, dürfen die Gäste im Münsinger Lokschuppen genießen. Jasmin Strohm indes hat was in ihrem Korb dabei, das ohne »importierte« Rohstoffe auskommt: das »Wacholderle« ist ein echtes Alb-Produkt. Hundertprozentig. Und hochprozentig. Morgens im Zug wird die Wacholder-Königin deshalb eher nach Autogrammen und Fotos gefragt. Der Vorrat der kleinen Fläschchen im Korb fängt erst nach dem Mittagessen an zu schrumpfen.



Am Limit. Mehr, sagt Alb-Bahn-Chef Bernd-Matthias Weckler, geht fast nicht mehr. 2 500 Passagiere kutschieren seine Mitarbeiter am Sonntag von Bahnhof zu Bahnhof. Vier Züge sind im Einsatz, drei davon nostalgische Gespanne aus dem SAB-Stall. Besonders beliebt: der Dampfzug, bei jeder Fahrt bis auf den letzten Stehplatz gefüllt. Dahinter steckt ein immenser logistischer und personeller Aufwand. Schon Monate vorher und erst recht am großen Tag. 40 Mann und Frau stark ist das SAB-Team in den Zügen, an den Stationen und hinter den Kulissen. Fahrzeuge müssen gecheckt, und gewartet, Dienst- und Fahrpläne ausgeklügelt werden. »Die Alb-Bahn leitet heute den gesamten Bahn-Betrieb zwischen Gammertingen und Ulm«, sagt Weckler. Stolz und Stress liegen an solchen Tagen nahe beieinander.



Zur Begrüßung. Zur Einfahrt der Dampflok feuert die Trochtelfinger Bürgerwehr mit ihrer Kanone »Theres« Salut. »Wir haben sie 50 Meter weiter weg gestellt, weil es den Leuten beim letzten Mal etwas zu laut war«, erklärt Bürgerwehrhauptmann Berthold Hirrlinger. Geladen wird die Dänische Kanone von 1834, Kaliber 90 Millimeter, mit 400 Gramm Schwarzpulver, einem Knäuel aus Zeitungspapier – »dr GEA isch für älles guat« – und Sand. An der Begrüßung der Fahrgäste beteiligt sich auch der Fanfarenzug mit klingendem Spiel.



Zum ersten Mal. Sebastian und Mirjam Groß aus Engstingen genießen mit ihrem einjährigen Sohn Jakob und den Freunden Frieder Speidel und Isabel Wagner den Sonntagsausflug. »Für Jakob ist es die erste Zugfahrt überhaupt und er hat im Abteil gleich Freundschaft mit den anderen Kindern geschlossen«, erzählen die Eltern bei ihrer Zwischenstation im Trochtelfinger Bräuhaus. Braumeister Lambert Schmid bietet mit Blasmusik, Bierkrug-Museum und Sammlerbörse ein abwechslungsreiches Programm. Mit dem Geschichts- und Heimatverein dürfen die Fahrgäste zudem das Städtle erkunden. Von Trochtelfingen wollen Groß und seine Begleiter nach Offenhausen, Münsingen und wieder retour nach Hause. »Wir nehmen alles mit«, erklärt der Engstinger.



In gemütlicher Runde. Michael Bückle ist mit zehn Kumpels von der Trailfinger Scheune im Bier-Express unterwegs. »Ein schönes Angebot: wundervolle Alblandschaft, Bier-Vielfalt und die tolle Zugfahrt«, schwärmt der 30-Jährige. »Wir wollten eigentlich den Dampfzug um 12.20 Uhr nehmen, aber das schaffen wir nicht, sonst müssten wir unsere gemütliche Runde hier im Bräuhaus unterbrechen«, erklärt Bückle. Irgendwann später geht es wieder zurück über Engstingen, Offenhausen und Münsingen – die letzten drei Kilometer nach Trailfingen wird gelaufen.



Bei der Arbeit. Während sich die Besucher an den Haltestationen amüsieren, verkauft Simon Niemann Tickets und wird nicht müde, den vielen Interessierten die technischen Details der Dampflok zu erklären. Der ehrenamtliche Mitarbeiter der Alb-Bahn, stilvoll in 70er-Jahre-Uniform der Deutschen Bundesbahn gekleidet, genießt den langen Arbeitstag. »Die Fahrgäste haben Spaß und entlang der Strecke stehen die Leute und winken, wenn unsere Lok vorbeifährt.«



In ungewohntem Ambiente. Der ansonsten eher schmucklose Kleinengstinger Bahnhof hat sich am Sonntag in eine quicklebendige Flaniermeile verwandelt: Gaukler, Drehorgelspieler, Oldtimerschau und jede Menge regionale Produkte kommen gut an bei den Gästen. Koordiniert hat das Programm die Zwiefalter Klosterbräu, die auch ihre kleine Schaubrauerei dabei hat. »Es ist sehr angenehm heute, wir haben viele interessierte Besucher, alle sind sehr entspannt unterwegs«, freut sich Brauereichef Peter Baader. Die Klosterbrauerei bietet ihren Gästen auch einen Vorgeschmack auf das nächste Highlight: Vom 23. bis zum 26. September wird in Zwiefalten wieder das »Historische Bierfest« gefeiert.



Zur Feier des Tages. Zu seinem 50. Geburtstag hat Heinz Petersen aus Reutlingen 22 Freunde zu einer kleinen Albrundreise eingeladen. Gestartet ist die Runde im Oldtimerbus. In Gammertingen sind alle in den Zug umgestiegen und über Trochtelfingen nach Engstingen gefahren, wo der Bus wartet. »Es ist alles einwandfrei und bislang mein schönster Geburtstag«, freut sich der Reutlinger.



Im Jackpot. Wie viele Kronkorken haben die sechs beteiligten Brauereien in den Glaswürfel geworfen? Diese Frage stellte der GEA beim Schätzwettbewerb. 750 waren's. Es gewusst und gewonnen haben Willy Henzler aus Bempflingen (Hauptpreis: Bier-Seminar bei Speidel's Brau-Manufaktur in Ödenwaldstetten), Thomas Oechslin und Ute Klose, beide aus Metzingen, die Gomadinger Dieter Trost und Marion Grimberg sowie Armin Thum aus Engstingen. Sie dürfen sich über je einen Kasten Bier freuen. (GEA)


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FOTO: Thomas Warnack
 
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