Über die Alb
Abschied - Eva Glonnegger begleitet bei der Bruderhaus-Diakonie Familien, die einen Angehörigen verloren haben

Auf dem Weg durch die Trauer

Von Christine Dewald

ENGSTINGEN/REUTLINGEN. Viele Kinder schweigen. Lange. Vor allem ihrer eigenen Familie gegenüber fällt es ihnen schwer, ihre Gefühle in Worte zu kleiden. Manche Kinder wollen ihre Angehörigen schonen, tun deshalb so, als ob sie ganz gut klarkommen würden mit dem, was in Wirklichkeit ihr ganzes Leben verdüstert - mit dem Tod der Mutter, dem Tod des Vaters.

Einer fehlt. Für betroffene Familien will die Trauerbegleitung der Bruderhaus-Diakonie eine Anlaufstelle sein. Der Bedarf ist groß. FOTO: BRUDERHAUS-DIAKONIE
Einer fehlt. Für betroffene Familien will die Trauerbegleitung der Bruderhaus-Diakonie eine Anlaufstelle sein. Der Bedarf ist groß. FOTO: BRUDERHAUS-DIAKONIE
Wenn in einer Familie ein Elternteil oder ein Kind stirbt, leiden alle. Und in ihrem eigenen Schmerz, ihrer Angst oder Hilflosigkeit erkennen die erwachsenen Familienmitglieder manchmal nicht, was Eva Glonnegger immer wieder beobachtet: »Kinder trauern ganz anders.« Die Sozialarbeiterin und Diakonin hilft betroffenen Familien dabei, die Kinder in diesen Ausnahmesituationen nicht ins Abseits geraten zu lassen. Trauerbegleitung nennt sich das Angebot, für das die Bruderhaus-Diakonie eine Fünfzig-Prozent-Stelle eingerichtet hat. An der Finanzierung beteiligt sich im Rahmen eines fünfjährigen Modellprojekts die Evangelische Landeskirche.

Der Tod eines nahen Angehörigen kann ganze Lebensgeschichten bestimmen. Und wenn es nicht gelingt, mit der Trauer umgehen zu lernen, kann die Erschütterung von Dauer sein. Eva Glonnegger weiß von Erwachsenen, die nicht wieder arbeiten konnten, von Kindern, die in der Schule völlig den Anschluss verloren: »Ein Todesfall kann traumatisieren.«

Hilfe ist wichtig. Und gefragt, wie die Zahl der betroffenen Familien zeigt, die sich bei Eva Glonnegger melden. Manchmal weisen die Pfarrer, die das Familienmitglied beerdigt haben, auf das Angebot hin. Manchmal sind Krankenhäuser oder Jugendhilfeeinrichtungen als Vermittler tätig. In jedem Fall aber kommt die Diakonin zu den Familien nach Hause, zu einem ersten Gespräch mit dem verbliebenen Elternteil, dann auch zu Treffen mit den Kindern. Entscheidend ist immer, was die Familien brauchen oder wünschen. Das reicht von wenigen Gesprächen bis zu einer jahrelangen Betreuung, von lebenspraktischer Unterstützung bis zu seelsorgerlicher Begleitung. Und immer geht es darum, die Familie in die Lage zu versetzen, ihre nächste Lebensetappe wieder gemeinsam gestalten zu können.

Kinder trauern anders. Deshalb sieht Eva Glonnegger ihre Aufgabe darin, jedem Einzelnen zu einem individuellen Ausdruck seiner Trauer zu verhelfen, sie nach außen zu tragen, statt im Inneren damit allein zu sein. Einer Jugendlichen kann vielleicht die Fotoausstellung helfen, die traurige und fröhliche Bilder vereint. Für ein Kind kann es möglicherweise die Schatzkiste sein, in der es alles sammelt, was es dem toten Vater gerne zeigen würde. »Kindern hilft, wenn jemand Verständnis signalisiert, der selbst nicht aktiv trauert«, weiß die Sozialarbeiterin. Jemand der zuhört, auf keinen Fall aber in sie dringt. Kindern fällt es oft viel leichter, mit Gleichaltrigen über das schwere Thema zu reden. »Da ist es dann wichtig, ihre Freunde zu ermutigen.« Bei Jugendlichen hat Eva Glonnegger gute Erfahrungen damit gemacht, sich per E-Mail auszutauschen - die Distanz macht es leichter, sich zu öffnen.

In ihrem viel unmittelbareren Umgang mit Gefühlen können Kinder ihre Familien oft auch führen. »Sie gehen voran im Trauerprozess«, beobachtet die Diakonin vielfach, dass Kinder dem Trauerweg trauen, während ihre Eltern verharren. »Die Kinder hoffen dann, dass die Eltern nachkommen werden.«

Lebensfreude zulassen

Spontane Lebensfreude lassen Kinder auch mitten in tiefer Trauer zu. Umgekehrt ist es ihnen ein Trost, dass die verlorene Mutter oder der tote Vater auch in Zukunft in ihrem Alltag vorkommen wird. Hilfreich sind hier Rituale, das Erinnerungs-»Plätzle« in der Wohnung, das Innehalten beim Familienfest, das den Verstorbenen in der Form der Liebe dabei sein lässt.

Eva Glonnegger verweist betroffene Familien auch weiter zu hilfreichen Angeboten anderer Träger, die sich in einem Netzwerk zur Trauerbegleitung zusammengeschlossen haben. Sie berät Kollegen in der Sozialarbeit über den Umgang mit Trauernden, hält Vorträge zum Beispiel für Kindergartenteams. Wichtig ist, bewusst zu machen, dass das Thema Trauer in jedem Leben präsent ist: »Das trifft einfach jeden.« (GEA)


Begleitung in der Trauer


Trauerdiakonat heißt das Angebot der Bruderhaus-Diakonie für Familien, die einen Angehörigen verloren haben. Die Sozialarbeiterin und Diakonin Eva Glonnegger begleitet Eltern und Kinder auf dem Weg durch die Trauer. Wer ihre Hilfe sucht, der kann telefonisch oder übers Internet Kontakt aufnehmen. Spenden sollen die Trauerbegleitung bei der Bruderhaus-Diakonie auf Dauer sichern helfen (Konto 4006, Evangelische Kreditgenossenschaft). (dew)

0 71 21/2 78-3 66

www.familien-in-trauer.de


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