Altes Lager - Der ehemalige Nudelfabrikant Franz Tress aus Münsingen will als neuer Besitzer der militärischen Hinterlassenschaft hier seinen »albgut«-Traum verwirklichen

Altes Lager Münsingen: Ein historischer Tag

VON ULRIKE OELKUCH

MÜNSINGEN. Zum Schluss ging‘s dann ganz schnell. Gemessen daran, dass sich mögliche Kaufinteressenten am Alten Lager in Münsingen zehn Jahre lang bei Verhandlungen mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben die Zähne ausgebissen haben, kam der ehemalige Nudelhersteller Franz Tress jetzt in der Rekordzeit von zweieinhalb Jahren zum Zug.

Die 130 Gebäude im Alten Lager mitsamt 90 Hektar Fläche gehören seit Freitag einem Privatmann: Franz Tress.
Die 130 Gebäude im Alten Lager mitsamt 90 Hektar Fläche gehören seit Freitag einem Privatmann: Franz Tress. FOTO: Gerlinde Trinkhaus
In unmittelbarer Nähe zu seiner von ihm und seiner Frau Annegret, die in diesen Tagen Nachwuchs erwartet, bewohnten Traum-Immobilie »Schloss Albgut« hat der 65-Jährige am Freitag – und damit einen Tag vor der 25. Wiederkehr des Tags der Deutschen Einheit – die unter Denkmalschutz stehende, frühere Militäranlage erworben. Das Areal umfasst insgesamt rund 90 Hektar mit 130 ganz unterschiedlichen Gebäuden, das Tress unter dem Begriff »albgut« zu einer gelebten und erlebbaren Biosphäre verwandeln möchte, einem »Leuchtturmprojekt« innerhalb des im Mai vor sechs Jahren entstandenen Biosphärengebiets Schwäbische Alb.

Drei Stunden lang dauerte die Vertragsunterzeichnung im Notariat im Münsinger Rathaus zwischen dem neuen Eigentümer Franz Tress und der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, für die Michael Scharf, Leiter im Verkaufsteam der Bima in Stuttgart, und dessen Mitarbeiterin Angela Gänzle die Unterschrift unter den 60-seitigen Dokument mit zahlreichen Anhängen leisten durften: Wort für Wort verlesen von Notariatsvertreter Werner, dem dieser Marathon innerhab von immerhin drei Stunden ohne Pause geglückt ist.

Notunterkunft bis April 2016

Danach traten die Beteiligten im »OF 1«, dem Noch-Büro der Bima im Alten Lager, vor die Öffentlichkeit. Und sagte Franz Tress schlicht: »Ich freue mich.«

Noch vor wenigen Wochen hatte der ehemalige Nudelhersteller, der seinen 1969 gegründeten Betrieb vor drei Jahren an seinen Sohn Markus Tress übergeben hat, deutlich weniger glücklich gestimmt einen Auftritt vor Münsingens Gemeinderäten. Gemeinsam mit Landrat Thomas Reumann informierte er das Gremium darüber, dass Teile des Alten Lagers zumindest bis Ende April 2016 als Not-Unterkünfte für bis zu 220 Flüchtlinge aus Afghanistan und dem Irak belegt werden müssen. Und genau dadurch sah der sich bereits »einen Meter vor dem Tor« wähnende Tress sein »albgut« und folglich seinen Lebenstraum in ernsthafter Gefahr.

Jetzt aber kann der 65-Jährige wieder aufatmen und von einem »historischen Tag« sprechen. Und durchstarten. Was zunächst einmal heißt: Zusammen mit der Stadt Münsingen soll jetzt schnellstmöglich das Bebauungsplanverfahren auf den Weg gebracht und – sofern es die Witterung noch zulässt – noch vor der Winterpause mit den umfangreichen und längst fälligen Instandsetzungs- und Sanierungsmaßnahmen im Alten Lager begonnen werden. Denn sie sind mit eine Voraussetzung für eine Realisierung des »albgut«-Projekts, nachdem alle bisherigen nachmilitärischen Nutzungen von den Behörden – voran der Stadt Münsingen und dem Landratsamt Reutlingen – lediglich »übergangsweise« geduldet worden sind. In sicherer Erwartung, dass der Verkauf irgendwann mal klappt, hat Franz Tress vorab bereits mit der ihn unterstützenden Stadt Münsingen einen städtebaulichen Vertrag für die Realisierung seines Konzepts »albgut« unterzeichnet. Wobei die Umsetzung in zwei, jeweils vier bis fünf Jahren dauernden Bauabschnitten erfolgen soll.

Tress holt Mitstreiter ins Boot

Zusammen mit von ihm nicht näher genannten »Mitstreitern überwiegend aus der Region« will der ehemalige Nudelfabrikant die bis zum Abzug des Militärs aus Münsingen im Dezember 2005 von Generationen von Soldaten genutzten Offiziers- und Mannschaftsunterkünfte, aber auch die zahlreichen Lagerhallen mit Flächen zwischen 50 und 500 Quadratmetern (in denen Ende Oktober auch wieder die Messe »schön & gut« ausgerichtet wird) und die sonstigen insgesamt 130 Gebäude umgestalten. Sie sollen zu einer Biosphären-Erlebniswelt werden, die Nachhaltigkeit ausstrahlt. Neue Impulse gibt. Besucher anlockt. Und die Biosphärengebiets-Kommunen zu noch mehr Zusammenarbeit motivieren könnte.

Konkret steht hinter »albgut« die Idee, neue touristische Angebote in Münsingen zu schaffen. Also Ferienwohnungen, gastronomische Einrichtungen, Tiergehege und Schwimmteiche. Aber auch Manufakturen mit »gläsernen Produktionen«, Musterbauernhöfe, verschiedene Museen und anderes mehr. Als neuer Eigentümer im Alten Lager wird Franz Tress zunächst mit ein bis zwei Mitarbeitern in der Verwaltung starten und parallel dazu eine Art Bauhof mit drei Mitarbeitern aufbauen. Langfristig rechnet der 65-Jährige sogar mit weit über 100 Arbeitsplätzen, die sein »albgut« einmal zu bieten haben wird.

Zimmer für über 130 Schlüssel

Sobald Franz Tress die Schlüssel in Händen halten wird für all seine frisch erworbenen Liegenschaften innerhalb des 1895 zunächst für das XIII. Königlich Württembergische Armeekorps geschaffenen Alten Lagers (Bima-Teamleiter Michael Scharf: »Dafür haben wir hier ein extra Schlüsselzimmer«), kann sich der neue Hausherr auch die zahlreichen alten Mietverträge vornehmen. Denn nicht nur Asylbewerber gehen auf dem Areal ein und aus. Hier tummeln sich bislang auch Museums-Vereine, die Kreisverkehrswacht Reutlingen-Münsingen, die auf dem Place de France ihre Fahrsicherheits-Kurse absolviert, und viele Nutzer mehr. So auch Daimler und Liebherr, die seit Jahren zu Events ins Alte Lager kommen und die 38 Kilometer lange Panzerringstraße als Teststrecke nutzen dürfen, die mitten durchs Unesco geschützte Biosphärenreservat verläuft.

Das, sagt Bima-Verkaufsleiter Michael Scharf, sei mit ein Grund dafür gewesen, dass sich sein Arbeitgeber von dieser Betonpiste auch nicht habe trennen wollen. Besser gesagt: trennen dürfen. »Eine Forderung von Landesseite war es, dass die Ringstraße mit Blick auf die Einhaltung des Naturschutzes in öffentlicher Hand verbleibt.« Auch die beiden historischen Friedhöfe – wegen der letzten Ruhestätte für russische Soldaten auf dem Areal des Alten Lagers mussten jetzt gar das Außenministerium und die sowjetische Botschaft aktiv werden – bleiben bei dem Verkauf an Franz Tress außen vor. (GEA)



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