Kulturwissen - Jürgen Meyer mit Details über zugrunde gegangene Herrschaftssitze in der Region

Als Adel in Höhlen hauste

Von Ingeborg Kunze

REUTLINGEN. So vergeht der Ruhm der Welt. Die einst oben saßen und auf frondienstverpflichtetes »leibeigenes« Fußvolk herabschauten von ihren Rittersitzen und Felsennestern, sind unter dem Boden. Ihre Burgen auch. Was in der Region noch da ist an Resten solcher Herrschaftssitze, hat der Mössinger Autor und GEA-Fotograf Jürgen Meyer mit wissenswerten Details in Bild und Text festgehalten in seiner jüngsten Publikation.

Burghügel und Graben der Burg Hohenlittstein am alten Albaufstieg von Seeburg nach Münsingen. Die Mauern sind verfallen.
Burghügel und Graben der Burg Hohenlittstein am alten Albaufstieg von Seeburg nach Münsingen. Die Mauern sind verfallen. FOTO: Jürgen Meyer
»Geschichte erleben und genießen«. Mit diesem Untertitel seines in die Jackentasche passenden Begleitbuchs »Rittersitze, Festungen und Felsennester«, soeben erschienen im Reutlinger Verlag Oertel + Spörer, animiert der in regionaler Archäologie bewanderte Autor die Freizeit-Abenteurer, auch Familien mit Kindern, loszuziehen und den Blick selbst zu schärfen in dieser Landschaft, die so viele Geschichten hergibt.

Mal was anderes. Wer schließlich hat bisher gewusst, dass Adel auch in Höhlen hauste? Meyer schürt die Neugier, führt in die Gegend, in das Gebiet bei Bad Urach und ins Obere Donautal, um solche ungewöhnliche Wohnorte zu zeigen. Das Felsloch im Ermstal zwischen Bad Urach und Seeburg auf Markung Sirchingen ist allerdings nicht für jeden erreichbar und schon gar nicht zugänglich: Die Höhlenburg steht unter Denkmalschutz und darf nicht betreten werden. Gut für das Monument und für Eltern, die im freien Gelände abenteuerlustige Kids in Schach halten müssen.

Lebensorte und Schicksale

Doch schon der Anblick des namengebenden Schorrenfelsens mit dem fast sechzig Meter tiefen »Venedigerloch« in vier Meter Höhe lässt der Fantasie freien Lauf. Meyer liefert die Geschichte dazu. Schon Jungsteinzeitmenschen hinterließen hier Spuren.

Massiv präsent mit Hunderten Scherbenteilchen war hier jedoch die Burgenbau-Epoche, die zweite Hälfte des 12. bis zum Ende des 13. Jahrhunderts, mit Resten typischen Burg-Inventars dieser Zeit. Balkenlöcher weisen laut Meyer auf eine umfangreiche hölzerne Auskleidung der Höhlenräume.

Bearbeitungsspuren in der Höhle haben ihr den Namen gegeben: Man glaubte, dass die sagenumwobenen antiken Veneter am Werk waren. Die mittelalterlichen adligen Bewohner lebten gut hundert Jahre hier, wird vermutet. Ein 1402 genannter »Schorrenhof« unterhalb der Felsgruppe könnte der Wirtschaftshof ihrer Burg gewesen sein. Genauso spannend die Geschichten um andere Felsennester und Raubritterburgen in den Landkreisen Reutlingen, Esslingen, Biberach, Sigmaringen, Tuttlingen und dem Zollernalbkreis.

Schicksale, die mit Kaiserglanz, Krieg, Zerstörung zusammenhängen, mit bescheidenen Lebensverhältnissen auch solcher Menschen, die sich als Adel von anderen Schichten abgesetzt und ihre spezielle Rolle im Bevölkerungsgefüge gespielt haben. An ihren verlassenen, verfallenden Lebensorten auf Felsen, in Wäldern, alles Ruinen mit Ausnahme von Schloss Uhlenfels, der romantisch nachempfundenen Ritterburg bei Seeburg, lässt sich, so Meyer, »Geschichte erleben«. (GEA)

Das Begleitbuch


»Rittersitze, Festungen und Felsennester in der Region Alb-Donau - Geschichte erleben und genießen« ist erschienen im Verlag Oertel + Spörer Reutlingen. Der handliche Begleiter, broschürt, 96 Seiten, 78 Farbbilder und Übersichtskarte, kostet 9,90 Euro. (em)

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