Umwelt - Der Hohenheimer Tierökologe Johannes Steidle plädiert im Biosphärenzentrum für eine schnelle Agrarwende

Tierökologe: »Ohne Insekten geht's gar nicht«

VON CHRISTINE DEWALD

MÜNSINGEN. Wie viel Zeit noch bleibt? Nicht mehr viel, fürchtet Professor Dr. Johannes Steidle: »Sechs Jahre, sieben Jahre? Ich hoffe, dass dies pessimistisch ist. Wir haben aber bestimmt keine 20 oder 30 Jahre mehr.«

Die Fahrzeugfront voll mit  Fliegen und Mücken nach einer sommerlichen Autofahrt: Das war einmal. Auch Allerweltsarten unter den Insekten gehen zurück.
Die Fahrzeugfront voll mit Fliegen und Mücken nach einer sommerlichen Autofahrt: Das war einmal. Auch Allerweltsarten unter den Insekten gehen zurück. FOTO: dpa
Wenn in dieser Zeit nicht grundlegend gegengesteuert wird, um den gewaltigen Rückgang der Insektenpopulation zu stoppen, dann könnte es zu spät sein, sagt der Leiter des Fachgebiets Tierökologie an der Uni Hohenheim. Auf Einladung von Biosphärengebiet und Volkshochschule sprach Steidle jetzt im Biosphärenzentrum über das Insektensterben - das Interesse war groß.

Nein, das Insektensterben ist kein Märchen, keine Panikmache. Für Johannes Steidle gibt es »gar keinen Zweifel« daran, dass die Ergebnisse der Krefelder Studie, die Deutschland aufgeschreckt ha-ben, verlässlich sind: Innerhalb von zwanzig Jahren ist dort die Gesamt-Menge an Insekten um 76 Prozent zurückgegangen. Erfasst wurden dabei nicht einzelne Arten, sondern die gesammelte Insekten-Biomasse in den Fallen in einem Naturschutzgebiet.

Wildbienen, Schmetterlinge, Fliegen, Ameisen: Dass viele Insektenarten zurückgehen, bedroht oder sogar schon ausgestorben sind, ist nicht neu, wie der Ökologe aus Hohenheim sagt. Und mit den Insekten werden auch diejenigen weniger, die in der Nahrungskette eine Stufe weiter unten oder weiter oben angesiedelt sind: Pflanzen und Vögel.

Die Suche nach den Ursachen legte Johannes Steidle in seinem Vortrag groß an. Der Flächenverbrauch? Das sei natürlich ein Problem, reiche aber nicht aus, um ein derart massives Insektensterben zu erklären: »Wir suchen nach einer großen Ursache.« Der Klimawandel? Den schließt der Tierökologe eher aus, weil gerade die Wärme liebenden Insektenarten stark zurückgegangen sind.

Jede Menge »Luftplankton«

Die Lichtverschmutzung? Kostet zweifellos viele Nachtfalter und andere Insekten das Leben, kann aber keine zentrale Ursache des dramatischen Rückgangs sein, so die Einschätzung Steidles. Gleiches gilt für Windkraftanlagen: Bis 220 Meter Höhe seien als »Luftplankton« zwar massig kleine Insekten unterwegs, jedoch kaum Rote-Liste-Arten, die vom Schwund am stärksten betroffen sind.

Bleibt die Landwirtschaft, die bundesweit 52 Prozent der Flächen nutzt. »Wir suchen ja nach einer großen Ursache«, sagt der Wissenschaftler: »Und gerade die Arten in landwirtschaftlichen Flächen nehmen am stärksten ab.« Steidle zitierte eine Untersuchung, die bereits vor Jahrzehnten den drastischen Rückgang von Insekten in verschiedenen landwirtschaftlichen Kulturen dokumentierte: »Das nimmt die Krefelder Studie lange vorweg.«

Inzucht auf der Insel

Überdüngung, Pestizide, der Verlust an struktureller Vielfalt: Dieses »tödliche Trio« benannte Johannes Steidle als ausschlaggebend. Blütenpflanzen sind auf intensiv genutzten Flächen immer weniger geworden, und mit ihnen verschwinden diejenigen Insekten, die von und mit diesen Pflanzen leben. Wirkstoffe in Pestiziden - die Neonicotinoide - töten zwar nicht, beeinträchtigen aber die Fortpflanzung und schwächen so viele Insekten- Arten. Ackerrandstreifen und andere Rückzugsflächen gehen immer weiter zurück - und den auf Inseln verbliebenen kleinen Insektenpopulationen geht es wie früher den europäischen Königshäusern, so Steidles Vergleich: Inzucht, Instabilität.

»Das Insektensterben ist sehr wahrscheinlich durch nicht nachhaltige Landwirtschaft verursacht«, so das Fazit des Wissenschaftlers. Dafür jetzt aber allein die Landwirtschaft verantwortlich zu machen, greife zu kurz: »Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.« Wer eine naturgerechtere Landwirtschaft möchte, der müsse bereit sein, für Lebensmittel mehr auszugeben. Neben der Veränderung seines Einkaufsverhaltens könne jeder Einzelne zum Insektenschutz beitragen, indem er beispielsweise seinen Garten naturnah gestaltet: Die Fläche der Gärten in Deutschland ist fast halb so groß wie die der Naturschutzgebiete.

Weniger Düngung, mehr mechanischer oder biologischer Pflanzenschutz, mehr Rückzugsgebiete in der Agrarlandschaft: Das sind die für Johannes Steidle nötigen Maßnahmen. Er hofft, dass richtige und wichtige Schritte mit dem vom Land aufgelegten Sonderprogramm gegangen werden, das 30 Millionen Euro für den Insektenschutz und weitere 6 Millionen Euro fürs Monitoring umfasst. Der Hohenheimer Tierökologe ist Mitglied des Fachgremiums, das über die vorgeschlagenen Maßnahmen befinden wird: »Das erste Treffen ist im März.« Und was wäre, wenn alles nichts nützt? Steidle fürchtet Schlimmes für Bodengesundheit, Wasserqualität, Bestäubung. »Insekten sind die größte Tiergruppe überhaupt. Ohne die geht's gar nicht.« (GEA)

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