Filme - Im einstigen Truppen-Tonfilm-Theater am Alten Lager laufen immer montags Klassiker. Sonntags-Special im Advent

Nostalgie-Kino mit Herz

VON MARION SCHRADE

MÜNSINGEN. Mehrere Diskotheken, Kneipen und Kinos: Früher mal hatte Münsingen ein echtes Nachtleben. Für eine doch eher kleine Stadt war da ziemlich viel geboten. Denn die Soldaten - nicht nur von der Bundeswehr, sondern auch Franzosen, Amis oder Kanadier auf Manöver - waren weit weg von zu Hause. Abwechslung war hochwillkommen, Gastronomie und Unterhaltung waren florierende Wirtschaftszweige in der Garnisonsstadt, die inzwischen keine mehr ist.

FOTO: Marion Schrade
Die letzte verbliebene Disco hielt sich noch eine Weile, die Kinos machten schon viel früher dicht. So auch das Truppen-Tonfilm-Theater, das Eugen Schwarz am 31. Januar 1936 eröffnet und bis zu seinem Tod 1965 betrieben hatte. »Bis zu 12 000 Soldaten waren damals in den Kasernen in und um Münsingen untergebracht«, weiß Hans-Jochen Kraft. Vor drei Jahren hat er mit seiner Frau Sandra das alte Kino im Auinger Vorlager gekauft. Eigentlich, um eine Motorrad-Ausstellungshalle daraus zu machen.

Filme, die älter als 50 Jahre sind

Das war das Gebäude dann tatsächlich auch eine Weile - bis die Krafts vor gut einem Jahr ein Experiment wagten, das so gut gelang, dass aus einer Ausnahme inzwischen die Regel geworden ist: Die »Kultur-Tage« im Oktober 2016 mit den Film-Klassikern »Casablanca« (1943) und »Moby Dick« (1956) kamen beim Publikum damals so gut an, dass sich die Krafts nach einer kleinen Pause entschlossen, das Projekt zu vertiefen. Seit Juli ist seitdem jeden Montag Kino-Tag, am 10. Dezember gibt's erstmals ein Sonntags-Special zum Advent mit drei Filmen für die ganze Familie (siehe Box).

Nach 50 Jahren Dornröschen-Schlaf ist das Truppen-Tonfilm-Theater wieder zum Leben erwacht. Trotzdem scheint die Zeit dort stehen geblieben zu sein - und das ist gut so. Die Krafts haben das Kino so wiedereröffnet, wie es der Besitzer von damals am letzten Tag hinterlassen hat. Die blauen Vorhänge und die sich trichterförmig nach oben öffnenden Wandleuchten sind von 1964, die hölzernen Sitzreihen wurden seit der Eröffnung 1936 bis heute nie verändert.

Auf die Leinwand projiziert Hans-Jochen Kraft, der fürs Technische zuständig ist, das, was das Publikum will: Im Kino liegen Wunschlisten aus, ausgefüllt werden sie von Besuchern, unter denen inzwischen etliche »Stammkunden« sind. Nach und nach nehmen die Krafts die Vorschläge in ihre Monatsprogramme auf. Ein verbindliches Auswahlkriterium gibt es allerdings: Die Filme müssen mindestens 50 Jahre alt sein. »Inzwischen stehen so viele auf der Wunschliste, dass wir schon die Programme für die nächsten fünf Jahre machen könnten«, sagt Hans-Jochen Kraft.

Zu seinen Glanzzeiten, als nicht nur die Soldaten, sondern auch die Münsinger Jungs ihre Freundinnen ausführten, hatte das Kino 595 Sitzplätze - inklusive großer Empore. Eine Goldgrube, um die sich in der Genehmigungsphase sogar die beiden damals noch selbstständigen Gemeinden Böttingen und Auingen stritten, wie aus einem Ratsprotokoll von 1935 hervorgeht: Jede hätte das Kino gerne auf ihrer Gemarkung gehabt, der Bauherr wählte die für ihn strategisch günstigste Lage in nächster Nähe zur Kaserne, aber auch zur nächsten Kneipe. Das Grundstück seiner Wahl lag - auch wenn's nur um ein paar Meter hin oder her ging - auf Böttinger Terrain, selbst mit dem Versprechen, ihm mehrere Jahre Steuerfreiheit zu gewähren, konnten die Auinger Eugen Schwarz nicht mehr umstimmen.

Casablanca war der Renner

Heute ist aus Gründen der Organisation und Sicherheit nur noch das Parkett für Besucher geöffnet. Einsame Spitze sind nach wie vor die 101 Zuschauer, die während der Kultur-Tage im Oktober 2016 »Casablanca« sehen wollten, gefolgt von den 65 Heinz Erhardt-Fans, die kürzlich die Komödie »Der letzte Fußgänger« sahen. 22 Leute kommen im Schnitt pro Film. Aber auch dann, wenn, wie etwa bei der Spätvorstellung mit einem John-Wayne-Western nur vier Leute zusehen wollen, werden sie nicht nach Hause geschickt. Obwohl die Eintrittsgelder in solchen Fällen noch nicht einmal die Kosten für das Gas decken, mit denen die Heizpilze befeuert werden. Warum? Weil das etwas andere Programm-Kino mehr Herzensangelegenheit und Hobby denn Haupteinkommensquelle für seine privaten Betreiber ist.

Ihr Lieblingsfilm? Sandra Kraft, im Hauptberuf Erzieherin, nennt nach kurzem Nachdenken »Harry und Sally«. Wobei der Titel und die Schauspieler letztlich gar nicht so wichtig sind: »Ich brauch' in der Hauptsache was fürs Herz.« Ihr Mann Hans-Jochen ist derweil eher fürs Handfeste zu haben. Action à la »Terminator« ist ganz nach dem Geschmack des ehemaligen Polizisten. Die Liebe zu den Klassikern kam mit alten Western, Edgar Wallace, Elvis und Winnetou - und sie wuchs noch weiter mit dem Militärdrama »Verdammt in alle Ewigkeit« und der legendären »African Queen« Katharine Hepburn.

IMMER MONTAGS IST KINO-TAG MIT ZWEI FILMEN

Jeden Montag werden im ehemaligen Truppen-Tonfilm-Theater zwei Filme gezeigt - der erste immer um 19, der zweite um 21 Uhr. Dazu gibt's Popcorn und Getränke. Am 21. November läuft »Winnetou I«, bevor Heinz Rühmann »Feuerzangenbowle« serviert. Am 27. November gibt's Dick und Doof in »Zwei ritten nach Texas«, danach wird's mit Alfred Hitchcocks »Psycho« nervenaufreibend. Am Montag, 4. Dezember, streiten sich »Don Camillo und Peppone« auf der Leinwand, in der Spätvorstellung läuft der Science-Fiction-Klassiker »Die Zeitmaschine« von 1960, der zu Hans-Jochen Krafts Lieblingsfilmen zählt. Am Sonntag, 10. Dezember, gibt's zum ersten Mal einen Familien-Kino-Tag im Advent: Er beginnt um 15 Uhr mit Walt Disneys Klassiker »Dumbo«, um 17 Uhr kommt nostalgisches Ponyhof-Feeling mit den »Mädels vom Immenhof« auf. Um 19 Uhr lässt Heinz Erhardt dann den »Haustyrann« raus. Am Montag, 11. Dezember, ist wieder Normalbetrieb mit Heinz Rühmann in »Es geschah am helllichten Tag« und dem unvergesslichen »Blauen Engel« Marlene Dietrich. Am 18. Dezember wird's mit dem »Zauberer von Oz« magisch, danach ist James Dean »Jenseits von Eden« unterwegs. Über die Weihnachtsfeiertage und voraussichtlich auch noch im Januar ist dann erst mal Winter-Pause. Aktuelle Infos zum Programm gibt es auch im Internet auf Krafts Homepage sowie übers Facebook-Profil des Truppen-Tonfilm-Theaters am Alten Lager. (GEA)

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