Windatlas - Die Alb hat Potenzial für Windkraft-Anlagen. Kommunen wollen von der Energiewende profitieren

Gute Standorte in der zweiten Reihe

Von Petra Schöbel

MÜNSINGEN/ SONNENBÜHL. Von Hellblau über verschiedene Schattierungen von Grün, Gelb, Orange bis hin zu flammendem Rot und Violett: Der neue, vom TÜV Süd erstellte baden-württembergische Windatlas leuchtet in den schönsten Farben. Eindrücklich macht er deutlich, wo im Ländle der meiste Wind weht und mit welcher Geschwindigkeit: je kräftiger die Farben, desto heftiger die Luftbewegung. Und desto ergiebiger die Ausbeute, sollte diese Windenergie zur Stromgewinnung genutzt werden.

Von Hellblau bis Violett: Der neue Windatlas des TÜV Süd. Je kräftiger die Farbe, desto heftiger weht in diesem Bereich der Wind.  WINDKARTE: LUBW
Von Hellblau bis Violett: Der neue Windatlas des TÜV Süd. Je kräftiger die Farbe, desto heftiger weht in diesem Bereich der Wind. WINDKARTE: LUBW
Im Zeichen der von der Politik forcierten Energiewende sind die Bereiche mit großer Windhöffigkeit - so der Fachausdruck für das durchschnittliche Windaufkommen an einem bestimmten Standort - zunehmend interessant. Der Regionalverband Neckar-Alb arbeitet bereits an neuen Empfehlungen für Windkraft-Standorte in den drei Landkreisen Reutlingen, Tübingen und Zollernalb.

»Es wäre sträflich, die guten Windverhältnisse hier nicht zu nutzen«
 

»Die Hinwendung zur dezentralen Stromversorgung hat inzwischen Charme«, erklärt Roland Heinrich, Projektentwickler beim Willmandinger Unternehmen Sowitec, das deutschlandweit bereits 30 Windparks realisiert hat und noch viele mehr in Lateinamerika und Russland. Wirtschaftlich nutzbar sind seinen Angaben zufolge alle Flächen im Windatlas »von hellgrün aufwärts«. Rund einhundert Standorte im Bereich des Regionalverbands hält er für geeignet und konkretisiert: »In Burladingen und Sonnenbühl allein könnten an 15 Stellen Windkraft-Anlagen gebaut werden.« Da die neue Landesregierung das Ziel ausgegeben habe, den Anteil der regenerativen Energiequellen an der Stromversorgung innerhalb kurzer Zeit von 0,7 auf zehn Prozent zu erhöhen, hält er es für »sträflich, die guten Windverhältnisse hier nicht zu nutzen.«

Die größten Windgeschwindigkeiten werden in 140 Meter Höhe über Grund naturgemäß am Albtrauf gemessen. Doch gerade für diesen Bereich gilt ein striktes Verbot für den Bau von Windrädern. »Diese Regelung wird nicht fallen«, vermutet Heinrich. Doch damit kann er leben: »Es gibt auch in der zweiten Reihe ausreichend geeignete Flächen.«

Hinter den Kulissen hat der »Run« auf die besten Standorte, die keinerlei Ausschlusskriterien unterliegen, längst begonnen. »Mindestens einmal pro Woche« geht bei Münsingens Bürgermeister Mike Münzing eine Anfrage nach einer Fläche für Windkraft-Anlagen ein. Investoren, Unternehmen, aber auch Stadtwerke seien an geeigneten Plätzen auf Münsinger Markung interessiert. Bislang hat die Stadt in ihrem Flächennutzungsplan drei Standorte ausgewiesen, zwei davon sind seit zehn Jahren bebaut.

Die insgesamt sechs Windkraft-Anlagen bei Böttingen und Auingen sind bisher die einzigen im gesamten Landkreis Reutlingen. Sie tragen mit rund sechs Millionen Kilowatt pro Jahr zur Münsinger Stromversorgung bei. Das ist etwa ein Viertel der gesamten Ausbeute aus regenerativen Energien, die in Münsingen inzwischen zur Versorgung aller Privathaushalte ausreicht.

Und die Nutzung nachhaltiger Energiequellen soll weiter ausgebaut werden, betont Münzing. Für ihn ist es klar, dass - sobald der neue Regionalplan vorliegt - weitere »Positivstandorte« für Windkraft-Anlagen ausgewiesen werden. Der Bürgermeister setzt zudem auf die Möglichkeit, die vorhandenen Standorte effektiver zu nutzen, zum Beispiel, indem dort größere Anlagen mit neuester Technologie errichtet werden könnten.

»Es wäre blauäugig, jetzt zu sagen, das Thema betrifft uns nicht«
 

Wichtig wäre ihm, dass die Stadt wirtschaftlich davon profitiert. »Ich könnte mir vorstellen, neue Windräder über ein Bürger-Anlage-Modell zu verwirklichen oder aber dass die Stadtwerke GmbH mit ihren Partnern Fair-Energie und EnBW sich daran beteiligt«, erklärt er. Vielleicht sogar gemeinsam mit den Stadtwerken von Kommunen, die selbst keine geeigneten Standorte haben, aber dennoch ihren Strom möglichst ortsnah produziert wissen wollen. Münzing: »Vielleicht schlägt das grüne Herz Tübingens ja demnächst auf der Alb.«

Pikant ist das Thema Windkraft in Sonnenbühl. Es ist gerade drei Jahre her, dass der geplante Bau von drei Rotoren auf Erpfinger Markung nach Bürgerprotesten und dem Veto des Gemeinderats verhindert worden ist. Die Fläche wurde sogar aus dem Flächennutzungsplan wieder herausgenommen. Dementsprechend mag Bürgermeister Uwe Morgenstern keine Stellungnahme über mögliche Windenergie-Standorte abgeben, bevor er nicht mit dem Gremium darüber beraten hat. Allerdings schätzt er die Lage realistisch ein: »Es wäre illusorisch und blauäugig, jetzt zu sagen, das Thema betrifft uns nicht.«

»Keine Berührungsängste« mit Windkraft-Anlagen auf Trochtelfinger Markung hat Bürgermeister Friedrich Bisinger. Zwar erinnert auch er sich an »heiße Diskussionen« im Gemeinderat vor einigen Jahren. Doch grundsätzlich habe das Gremium positiv entschieden und dem Standort »Bargen« an der Grenze der Gemarkungen von Steinhilben und Trochtelfingen zugestimmt. Einziges Kriterium jedoch sei seinerzeit schon gewesen, dass nicht ein Großinvestor von einer solchen Anlage profitiere, sondern auch die Stadt etwas davon habe. Deshalb bleibe diese Fläche auf jeden Fall im kommunalen Besitz.

Bessere Standorte als Trochtelfingen selbst habe aber nach dem neuen Atlas der Gewerbepark Haid, betont Bisinger, zum Beispiel auf dem Gebiet des ehemaligen Lagers »Golf« auf Hohensteiner Markung. Das hätte zudem den Vorteil, dass es bereits erschlossen sei. Dort könne er sich auch einen Windpark mit vier bis fünf Anlagen vorstellen. »Es empfiehlt sich, die Windräder an einigen ergiebigen Standorten zu konzentrieren und nicht alle fünf Kilometer eine Anlage zu bauen«, betont er. Allerdings könnten weder der Zweckverband Gewerbepark Haid noch die Haid-Energie GmbH eine solche Investition allein schultern. »Da geht es ja um Millionenbeträge«, erklärt Bisinger.

»Windräder sollten an ergiebigen Standorten konzentriert werden«
 

Mitgesellschafter und, wie Bisinger betont, »gleichberechtigter Partner« ist die Stadt Trochtelfingen bei der Gammertinger Energie- und Wasserversorgung GmbH (GEW). 35 Prozent gehören der Stadt an der Seckach, 65 Prozent hält Gammertingen. Die Lauchertstadt liegt im Landkreis Sigmaringen, der wiederum dem Regionalverband Bodensee-Oberschwaben angehört. Dieser Verband hat seine Windkraft-Empfehlungen bereits veröffentlicht, darunter Standorte bei Gammertingen und Kettenacker,

GEW-Geschäftsführer Manfred Schaller hat tatsächlich »mehrere Ordner« interner Vorplanungen im Regal stehen, äußerst sich aber nicht dazu, was das kleine Energieversorgungs-Unternehmen wo verwirklichen will. »Das muss zunächst durch die zuständigen Gremien«, betont er. Danach werde es alsbald eine Bürgerinformations-Veranstaltung geben, denn das ist ihm wichtig: »Die Bürger müssen beteiligt werden.« (GEA)



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