Trochtelfinger Museum - Trochtelfinger Heimatverein zeigt den dritten Teil seiner Reihe, die den Ortsteilen im Wandel gewidmet ist

Dorf-Geschichte im Moment gebannt

VON MARION SCHRADE

TROCHTELFINGEN. Zeiten ändern sich. Wie sehr, führen die Momentaufnahmen, die der Trochtelfinger Geschichts- und Heimatverein zusammengetragen hat, schlagartig vor Augen. Ein Foto - es muss um das Jahr 1920 entstanden sein - zeigt eine Ziegenherde mitten auf der Linkstraße in Mägerkingen. 40 Jahre später haben die Vierbeiner längst Platz für die Vierräder gemacht: Der mobile Individualverkehr hat 1958 auch die Alb erobert.

Da musste man noch für den Fotografen stillhalten: Musiker und Sportler aus Steinhilben posierten um 1900 vor der Kamera. FOTO: GESCHICHTSVEREIN
Da musste man noch für den Fotografen stillhalten: Musiker und Sportler aus Steinhilben posierten um 1900 vor der Kamera. FOTO: GESCHICHTSVEREIN
In Ortsansichten aus vielen Jahrzehnten, aber auch in Schnappschüssen von geselligen Ereignissen, Portraits ehemaliger Bewohner, Gruppenbilder von Konfirmanden und Schulklassen vertiefen können sich Besucher im Museum am Hohen Turm: Am Sonntag, 25. Februar, eröffnet der Geschichtsverein den dritten Teil seiner Ausstellung »Die Geschichte der Stadtteile Trochtelfingens im Wandel der Zeit«. Erneut setzt der Verein für jeden der vier Teilorte eigene Schwerpunkte.

Lehrer in Uniform auf der Haid

Hausener Dorfansichten dokumentieren, wie sich Gebäude im Laufe der Zeit völlig verändert haben oder inzwischen sogar gänzlich verschwunden sind. Auch den geselligen Zentren des Orts von damals, den Gasthöfen Adler, Sonne und Hirsch, sind Schautafeln gewidmet.

Auf der Haid steht die Schulgeschichte im Mittelpunkt: 1921 bauten die Bewohner der abgelegenen Siedlung ihre eigene Schule, um ihren Kindern die weiten Wege zu ersparen. Kaum mehr als ein Dutzend Schüler hatten die Lehrer auf der Haid zu unterrichten. Ein Foto, das einen Mann in Uniform inmitten der kleinen Kindergruppe zeigt, fällt ins Auge: »Zur Zeit des Zweiten Weltkriegs haben Soldaten aus der Muna Haid als Lehrer ausgeholfen«, berichtet Bernhard Klingenstein, der die Geschichten hinter den Bildern kennt und den Besuchern erzählen kann. Mitte der 1960er-Jahre wurde die Schule geschlossen.

Die Land- und Forstwirtschaft ist ein ergiebiges Thema, wenn man es auf Wilsinger Terrain beackert. Der Ort stand dereinst, wie Klingenstein erläutert, unter Oberaufsicht des Klosters Zwiefalten. Anders als in vielen anderen Dörfern auf der Alb gab es dort deshalb keine württembergische Realteilung - die stattlichen Gehöfte gingen also immer komplett an einen einzigen Erben über. Entsprechend wohlhabend waren die Wilsinger Bauern, die, so Klingenstein, auch »beim Fortschritt vorausmarschiert sind«. Fotos aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, auf denen die Landwirte stolz vor ihren neuen Maschinen posieren, die das Pferde- und Ochsengespann ersetzten, zeugen davon.

»Die Leute sehen ihre eigene Vergangenheit«, beschreibt Volker Preuß, Pressewart im Geschichtsverein, die Faszination der Exponate. »Viele verweilen mehr als eine Stunde.« Weil sie Orte, aber auch Menschen und vielleicht sogar ihr eigenes Gesicht auf den Fotos wiederentdecken.

Aber auch für historisch Interessierte, die nicht aus Trochtelfingen sind, lohnt sich ein Besuch im Museum. Fotos wie beispielsweise das vom Musikverein Steinhilben um das Jahr 1900 sind Zeitzeugnisse von ästhetischem Wert. Sieben Herren im Sonntagsstaat posieren mit ihren Instrumenten vor der Kamera. Daneben hängt eine weniger gestellte Momentaufnahme aus Steinhilbens Straßen: Eine Gruppe Männer sitzt vor einem Haus auf dem Feierabendbänkle. Jeder hat das Musikinstrument in der Hand, das er beherrscht - eine bunte Besetzung mit Blas-, Streich- und Zupfinstrumenten, sogar ein Akkordeon ist dabei. Auch aus der Geschichte des Sport- sowie des Obstbauvereins haben Bernhard Klingenstein und seine Mitstreiter zeitgeschichtliche Dokumente zusammengetragen. Und die Szenen von den Besuchen in der ungarischen Partnergemeinde Mariahalom dürften in vielen Betrachtern Erinnerungen wecken.

Kein großes Fest ohne Umzug

Welchen Stellenwert die Gemeinschaft einst hatte, dokumentieren die vielen Fotos von Umzügen: Noch in den 1960ern zogen die Menschen zu allen möglichen feierlichen Anlässen durchs Dorf - heute tun sie das fast nur noch an der Fasnet oder allenfalls zu großen Jubiläen. Hochzeitszüge beispielsweise sind aus dem Alltag völlig verschwunden - wie so vieles andere, an das der Verein mit seiner Ausstellung erinnert. Die Ziegelhütte in der Reutlinger Straße, die stattliche Sägemühle, das Gasthaus Krone mit eigener Brauerei, das Rössle: Gebäude, die einst das Mägerkinger Ortsbild prägten und inzwischen alle abgerissen wurden. Geblieben ist der See, dessen Umgestaltung diesen Sommer abgeschlossen sein wird. Einen Blick in seine Anfangszeiten werfen die Geschichtsfreunde mit ausgewählten Bildern: 1973 machten Bagger und Bauarbeiter aus einer grünen Wiese ein Gewässer, an dessen Ufer in den 1980er-Jahren Tausende Festival-Besucher campten und feierten.

Mit dem dritten Teil, der bis Ende April zu sehen sein wird, wollte der Geschichtsverein seine Ausstellungsreihe eigentlich beschließen. Allerdings ist der Platz im Haus am Hohen Turm so knapp, dass Klingenstein, Preuß und ihre Helfer gar nicht alles untergebracht haben - weshalb es von Mai bis Juli noch einen vierten Teil geben wird. Geöffnet ist das Museum immer am zweiten und vierten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr - das nächste Mal also zur Eröffnung von Teil drei am 25. Februar. (GEA)

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