Aktion - Ein geheiltes Habicht-Weibchen wird hinter dem Nabu-Vogelschutzzentrum in Mössingen freigelassen

Zweite Chance für jungen Greifvogel

VON MICHAEL MERKLE

MÖSSINGEN. Eine dramatische Verfolgungsjagd im Flug. Ein Habicht ist hinter einer Taube her. Sie gehört wie Krähen und Elstern zur natürlichen Beute des Greifvogels. Die Jagd, oft verbunden mit ziemlich akrobatischen Flugmanövern, endet für die zwei Vögel am Sonntag, 11. Januar, fatal. Sie krachen beide gegen eine Scheibe einer Halle in Bisingen im Zollernalbkreis. Die Taube stirbt. Der Habicht hat enormes Glück, bricht sich bei der Kollision mit dem Glas nicht das Genick. Die stabile Scheibe mit Doppelglas geht zu Bruch, der Vogel fliegt in die Halle, verletzt sich dabei am Flügel.

Kaum war die Sichtschutzhaube vom Kopf des Habichts entfernt, flog der Vogel vom Mössinger Vogelschutzzentrum zurück in die Freiheit. Als Entlassungs-Helfer nach der Heilung einer Schnittverletzung durch Glas dabei: (von links) Andre Baumann, Vorsitzender des Nabu im Land sowie Daniel Schmidt-Rothmund, Leiter des Mössinger Vogelschutzzentrums.  FOTO: NABU
Kaum war die Sichtschutzhaube vom Kopf des Habichts entfernt, flog der Vogel vom Mössinger Vogelschutzzentrum zurück in die Freiheit. Als Entlassungs-Helfer nach der Heilung einer Schnittverletzung durch Glas dabei: (von links) Andre Baumann, Vorsitzender des Nabu im Land sowie Daniel Schmidt-Rothmund, Leiter des Mössinger Vogelschutzzentrums. FOTO: NABU
Im Dunkeln bergen Hausmeister Andreas Zapp und ein Bekannter von ihm, der den Erfahrungsschatz eines Jägers und Falkners hat, den Habicht aus dem Deckengebälk. Der Vogel hat am Flügel eine tiefe Schnittwunde. Diese klafft so weit auf, dass Knochen zu sehen sind. Das berichtet Daniel Schmidt-Rothmund, Leiter vom Nabu-Vogelschutzzentrum in Mössingen bei einem Pressetermin. Dorthin haben die beiden Männer den verletzten Vogel gebracht. Und sie haben ganz vorbildlich gehandelt, alles richtig gemacht. Sie haben den Vogel nicht nur ganz behutsam im Dunkeln eingefangen, sie haben ihn für den Transport auch dunkel verpackt. Das beruhigt die Vögel.

Ein einjähriges Weibchen

Ein Reutlinger Tierarzt, zu dem ihn dann Mitarbeiter des Vogelschutzzentrums gebracht haben, hat die Wunde genäht, die das Tier sonst wohl nicht überlebt hätte. Der Habicht kurierte seine Verletzung im Nabu-Vogelschutzzentrum aus. Gestern wurde er nun geheilt nach 14 Tagen hinterm Vogelschutzzentrum wieder in die Freiheit entlassen.

Bei dem Vogel, so erörtert Daniel Schmidt-Rothmund vor dem ergreifenden Moment, handelt es sich um ein etwa ein Jahr altes Jungtier, was sich am Gefiedermuster auf der Brust erkennen lässt. Das höhere Gewicht deute auf ein Weibchen hin. Der Vogel hat altersüblich noch kein Revier, wird noch etwa ein Jahr vagabundierend durch die Gegend ziehen. Deshalb ist für ihn der unfreiwillige Ortswechsel kein Problem. Mit zwei Jahren wird das Habicht-Weibchen einen Partner und ein Revier suchen, das zwei bis drei Quadratkilometer groß ist.

Der Habicht ist 2015 Vogel des Jahres. Die Greifvögel sind sehr selten. In ganz Baden-Württemberg liege die Zahl der Brutpaare laut Nabu zwischen 1 200 und 1 600. Wesentlich häufiger sind Mäusebussarde oder Rotmilane zu sehen. In den 1960er- und 1970er-Jahren waren es nur noch 100 Brutpaare im ganzen Land gewesen. Da der Vogel am Ende einer Nahrungspyramide steht, haben etwa das in Beutetieren sich anreichernde Insektenschutzmittel DDT den Bestand dezimiert. Habichte sind extrem scheu, haben ihre Nester abgeschieden in Altbaumbeständen in Wäldern. Der Nabu setzt sich für den Erhalt des Habichts ein, fordert eine Verankerung des Horstschutzes im Landes-Naturschutzgesetz.

Der in Mössingen frei gelassene Vogel fliegt nach dem Entfernen eines ledernen Augenschutzes begleitet vom Geschrei von sofort auf ihn aufmerksam werdenden Krähen über die verschneiten Streuobstwiesen hoch in Richtung Wald am Trauf des Farrenbergs. Er wird auch in Zukunft gefährlich leben. Unfälle bei der Jagd in freier Natur kommen zwar auch vor, enden aber meist nicht so schlimm wie bei der Kollision mit Glas. Außerdem ist da noch die illegale Jagd durch Brieftaubenzüchter und durch Jäger. (GEA)



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