Forschung

Zehntausende Tiere sollen der Forschung im Südwesten helfen

TÜBINGEN/KARLSRUHE (dpa/lsw) - Tierversuche an den Universitäten stehen immer wieder in der Kritik. Zuletzt machte der tierschutzpolitische Sprecher der Grünen im Landtag, Reinhold Pix, gegen Experimente mit Affen an der Universität Tübingen mobil. Allerdings sind die Forschungen an und mit Tieren an sämtlichen Universitäten gang und gäbe, wie eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa ergab. Dabei fällt auf, dass die Zahl der Versuchstiere steigt, wenn an den Hochschulen in den Bereichen Medizin und Pharmazie gearbeitet wird.

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In TÜBINGEN kämpfen Tierschützer schon seit vielen Jahren gegen die Versuche mit Affen - immer wieder gibt es Demonstrationen. An drei Instituten wird vor allem an Rhesus-Affen geforscht. Die Tiere bekommen nach Angaben des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik bei einer Operation unter Vollnarkose Implantate in den Kopf eingesetzt. Dann werden sie über Monate hinweg für die Versuche trainiert - vor allem müssen sie sich daran gewöhnen, dass sie während der Versuche lange Zeit mit fixiertem Kopf ausharren müssen. Die Affen müssten sich wohlfühlen, sonst funktionierten die Experimente nicht, betonen die Wissenschaftler. Tierschützer halten das für Schönfärberei. Die Affen bekämen vor den Versuchen lange Zeit nichts zu trinken. Bei den Experimenten geht es den Wissenschaftlern um Grundlagenforschung, weshalb sich schwer sagen lässt, was die Versuche konkret bringen. Nach Angaben der Universität stehen neurobiologische Versuche im Vordergrund, also die Frage, wie genau das Gehirn funktioniert. Solche Versuche seien wichtig, um etwa Parkinsonpatienten oder psychisch kranken Menschen eines Tages besser helfen zu können, argumentieren die Forscher. Das Protest-Bündnis hält diese Argumente für vorgeschoben. Den Patienten könne auch geholfen werden, ohne das Affen derart leiden müssten.

Auch an der vor allem auf naturwissenschaftliche Fächer konzentrierten Universität ULM mag man auf Tierversuche nicht verzichten. Nach Angaben von Sprecher Willi Baur hält das zentrale Tierforschungszentrum bis zu 30 000 Mäuse und mehrere hundert Ratten. »Anders als an anderen Hochschulen hat nicht jedes Institut seinen eigenen Bestand, sondern wir haben dafür eine zentrale Stelle«, sagt Baur. Auch Frösche sowie Zebrafische würden an der Hochschule eingesetzt - sowie zwei Schweine. Letztere würden allerdings nicht für Probeoperationen von Medizinstudenten verwendet, sondern für den Test medizinischer Präparate. In speziellen Kursen hatten die Mediziner bislang jedes Semester an mehreren lebenden Schweinen operiert. Das hatte die Tierrechtsorganisation Peta heftig kritisiert. Die Praxis ist nun eingestellt worden. Die Universität hatte sich zu Unrecht als Tierquäler dargestellt gefühlt.

Tierversuche gibt es am KARLSRUHER Institut für Technologie (KIT) im Rahmen eines Forschungsprogramms der Helmholtz-Gemeinschaft. Die Untersuchungen zur Entstehung von Krebstumoren sollen etwa bei der Entwicklung von Therapien helfen. »In diesem Bereich ist es erforderlich, die Untersuchungen an Mäusen und Ratten durchzuführen«, teilte das KIT mit. Zudem werde an Fischen - etwa an den aus der Aquarienhaltung bekannten Zebrabärblingen - auf den Gebieten der Geweberegeneration und der adulten Stammzellen geforscht. Die Wissenschaftler beobachten auch die Embryonal- und Organentwicklung an Fisch- und Froscheiern. Das soll Erkenntnisse zu neuronalen und muskulären Erkrankungen bringen. »Untersuchungen in diesen Entwicklungsstadien gelten nicht als klassische Tierversuche«, so das KIT. »Bestimmte Fragestellungen in der Forschung und Lehre erfordern die Organentnahme an toten Tieren - ebenfalls kein Tierversuch im klassischen Sinn.«

Die Universität HEIDELBERG berichtet auf ihrer Internetseite, dass für die Forschung der Kinderchirurgen das Experimentieren mit Hunden »in geringem Umfang« erforderlich sei. »Denn einige Krankheitsbilder, wie Fehlbildungen des Darmes, sind nur bei diesen Tieren so simulierbar, dass man lernen kann, wie eine erfolgreiche Behandlung beim menschlichen Patienten durchgeführt werden könnte.«

Bei den Tierversuchen an der Universitätsmedizin MANNHEIM liegt der Schwerpunkt auf Tumorerkrankungen, wie Sprecher Klaus Wingen sagte. »Da sind Untersuchungen an Tieren ein Muss - aber selbstverständlich nur dann, wenn es sich nicht anders machen lässt.« Unter anderem beherbergt das Klinikum in einem Forschungszentrum genveränderte Nagetiere wie Mäuse und Ratten. Aber auch Exemplare der durchsichtigen Zebrafische gehören zu den Forschungstieren. Zahlen dazu nannte Wingen nicht.

Nutzer der Tierforschungsanlage der Universität KONSTANZ sind derzeit Biologen und Physiker. Ihre Arbeiten dienen nach Angaben der Hochschule vor allem der Grundlagenforschung. Seltener gehe es auch darum, Krankheiten und Körperschäden vorzubeugen, zu erkennen oder zu behandeln sowie Umweltgefährdungen zu erkennen. In der Anlage leben nach aktuellen Zahlen zu fast zwei Dritteln (62 Prozent) Fische, wie Goldfische, Zahnkarpfen und Buntbarsche. Mäuse machen mit 37 Prozent den zweiten großen Anteil aus. Hinzu kommen einige Ratten, Kaninchen, Tauben, Krallenfrösche, Krebstiere und Insekten. Insgesamt waren im vergangenen Jahr 13 581 Tiere im Versuch. Überlebende Ratten, Kaninchen, Tauben und Buntbarsche werden laut Universität nach den Bestimmungen des Tierschutzgesetzes entweder weiter in der Zucht verwendet oder an Privatleute vermittelt. Tiere, bei denen das nicht klappt, werden schmerzfrei getötet. Die Uni bezifferte die Kosten für die Tierforschungsanlage im vergangenen Jahr mit rund 780 000 Euro. Den größten Teil machten mit 620 000 Euro Personalkosten aus. Die Mittel kommen überwiegend aus dem Landeshaushalt. Etwa 100 000 Euro tragen die Nutzer bei, die teils aus Haushalts-, teils aus drittmittelgeförderten Forschungsprojekten finanziert sind.

Die Forscher an der Universität FREIBURG halten rund 26 400 Mäuse, 4630 Ratten, 700 Fische, 210 Vögel - darunter Hühner vor allem zur Eigewinnung sowie Enten -, 80 Kaninchen, 60 Meerschweinchen und 30 Frösche, ebenfalls vor allem zur Eigewinnung. »Alle Versuchstiere müssen nach geltenden Bestimmungen nach Beendigung des Versuches schmerzlos getötet werden«, teilte die Hochschule dazu mit. »Ein entscheidender Schritt ist die Gewebeuntersuchung nach der schmerzlosen Tötung, die jeder Forscher vornimmt.« Einige Tierschützer hätten in den vergangenen Jahren Parolen an Wände gemalt. Konflikte mit Tierschutzorganisationen habe es aber nie gegeben, heißt es von der Uni. Allerdings waren sogar Schweizer Aktivisten gegen Versuche mit Makaken-Affen auf die Straße gegangen.

An der Universität Hohenheim wird nach Angaben von Sprecher Florian Klebs etwa das Sozialverhalten von Schweinen erforscht. In einem anderen Projekt werde getestet, bei welchen Futtermischungen Kühe möglichst wenig klimaschädliches Methan ausstoßen. Getötet würden in einer Versuchsreihe zahlreiche Zecken, erklärte Klebs. »Und wir haben einen Geißbock, dessen einzige Aufgabe es ist, die Zecken vorher zu füttern.«

Vor allem wegen der technisch orientierten Forschungsschwerpunkte spielen Tierversuche an der Universität STUTTGART nur eine sehr geringe Rolle. In einigen Projekten gibt es nach Angaben der Hochschule Versuche mit Kleinnagern wie Mäusen und Ratten. Die Experimente dienten sowohl der Grundlagenforschung als auch dem Verständnis von Krankheitsursachen und der Entwicklung von Therapien, zum Beispiel, um neue Hemmstoffe gegen Tumorwachstum zu entwickeln und ihre Wirksamkeit zu prüfen. Das Geld für die Forschung komme zumeist von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Auch die EU fördere einige Projekte. Kritik von Tierschutzorganisationen habe es - zumindest in den letzten 15 Jahren - nicht gegeben.


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