Tübingen
Bildung

Wieso Schulpsychologen jede Menge zu tun haben

Von Marc Herwig, dpa

TÜBINGEN. So schrecklich der Anlass auch war: Die wichtige Arbeit der Schulpsychologen im Südwesten hat der Amoklauf von Winnenden stärker ins Blickfeld gerückt. Im Rekordtempo werden im Moment zusätzliche Stellen geschaffen, und zum ersten Mal in Deutschland werden sich an der Universität Tübingen bald Professoren und Studenten ausschließlich mit Schulpsychologie beschäftigen.

FOTO: dpa
Der Bedarf ist da - nicht nur nach extremen Ereignissen wie einem Amoklauf. Der Alltag werde für Schüler und Lehrer immer stressiger, und das sorge für immer mehr Konflikte in den Schulen, sagt der Vorsitzende des Schulpsychologenverbands, Wolfgang Ehinger.

Viele Jahre lang haben die Schulpsychologen in Baden-Württemberg ein Nischen-Dasein geführt. Im Bundesländervergleich belegte der Südwesten regelmäßig hintere Ränge. Um 39 000 Kinder habe sich jeder Schulpädagoge rein rechnerisch vor einigen Jahren noch kümmern müssen, erzählt Ehinger. Dabei sind sich Schulen und Wissenschaftler längst einig, welche Bedeutung den Fachleuten zukommt.



»In den Schulen werden Probleme von Kindern und Jugendlichen am ehesten auffällig, weil dort alle Kinder sind«, sagt der Tübinger Psychologie-Professor Martin Hautzinger. Nirgendwo sonst sei es so leicht, Kinder zu identifizieren, die verhaltensauffällig sind, Leistungsstörungen oder Probleme in der Familie haben.

In der Landespolitik habe es deshalb schon viele Jahre lang Pläne zum Ausbau der Schulpsychologie gegeben, sagt Ehinger. Doch aus Kostengründen holte sie niemand aus der Schublade. Aber dann kam der Nikolaustag 2006. Wenige Jahre nach dem blutigen Amoklauf von Erfurt versetzte eine Amokdrohung alle Schulen im Südwesten in Aufregung.

Obwohl es sich dabei wohl um die leere Drohung eines Schülers handelte, verdoppelte das Land daraufhin die Zahl seiner Schulpsychologen auf 100 und schulte sie alle in Krisenintervention. Dann kam Winnenden. »Da war es sehr viel wert, dass in den Monaten zuvor so viel passiert war. Da wussten wir Schulpsychologen, was zu tun war«, erzählt Ehinger. Viele Tage lang waren alle Fachkräfte an der Albertville-Schule, sprachen mit Schülern, Lehrern und Eltern.

2010 beschloss der Landtag deshalb, die Zahl der Schulpsychologen noch einmal zu verdoppelt. Ende 2012 sollen 200 von ihnen in Baden-Württemberg arbeiten. »Das wäre ein Schulpsychologe für 8600 Schüler. Damit wären wir im Bundesländervergleich schon unter den besten fünf«, betont Ehinger. Allerdings: Im Durchschnitt der OECD-Staaten gebe es einen Schulpsychologe für 2500 Kinder, in den Siegerländern bei der Pisa-Studie liege das Verhältnis sogar bei 1 zu 1000. »Um diese Relation zu erreichen, müssten in Baden-Württemberg noch etwa 1600 Psychologen eingestellt werden.«

Arbeit hätten sie wohl genug. Die Schüler müssten mit ständig wachsendem Druck und schwindenden Zukunftsperspektiven fertig werden. »Auch die Belastung für die Lehrer übersteigt immer mehr die Grenze des Erträglichen«, sagt Ehinger. »Das führt auch zu einem erhöhten Konfliktpotenzial an den Schulen. Der Ruf nach Konfliktmoderation oder Unterstützung in Mobbing-Fällen wird immer häufiger.«

Das Land will den gestiegenen Anforderungen an die Schulpsychologen auch mit einer besseren Ausbildung gerecht werden. An der Universität Tübingen wird gerade das bundesweit erste Zentrum für Schulpsychologie eingerichtet. Vom kommenden Herbst an soll es den ersten Master-Studiengang für Schulpsychologie geben. Die Arbeit der Experten müsse fundierter werden - und dafür komme es darauf an, Erkenntnisse aus der Forschung für die Schulen nutzbar zu machen, sagt Kultus-Ministerialdirektorin Margret Ruep.

Verbandschef Ehinger hat für die Zukunft vor allem einen Wunsch: Dass er und seine Kollegen mehr präventiv arbeiten können. »Wir verstehen uns nicht als Reparaturbetrieb, bei dem man unliebsame, nicht funktionierende Schüler oder Lehrer zur Instandsetzung abgibt«, sagt er. Doch für die wenigen Schulpsychologen sei das kaum zu leisten. Große Hoffnung setzen alle Experten deshalb auf die Lehrer. Sie sollen stärker auch für psychologische Fragen geschult werden. (dpa)

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