Gesundheit - 43-Jährige erzählt von ihren Erfahrungen als Übergewichtige und ihrem Weg zur Genesung

Wenn Essen das Leben bestimmt

Von Ines Stöhr

KREIS TÜBINGEN. Ihre Suchtmittel sind Zucker und Mehl. An Kuchen und Süßigkeiten konnte Brigitte (Name von der Redaktion geändert) nicht vorbeigehen. Die damit verbundenen Gewichtsprobleme hat die 43-Jährige aus dem Kreis Tübingen auf verschiedene Weise versucht, in den Griff zu bekommen. Doch erst als sie sich zu ihrer Essstörung bekannte und professionelle Hilfe suchte, änderte sich ihr Leben.

Dank der Selbsthilfegruppe der Anonymen Esssüchtigen hat Brigitte ihre Sucht seit einem halben Jahr im Griff.  GEA-FOTO: STÖHR
Dank der Selbsthilfegruppe der Anonymen Esssüchtigen hat Brigitte ihre Sucht seit einem halben Jahr im Griff. FOTO: Ines Stöhr
Esssucht ist eine Krankheit. Wie die Sucht nach Alkohol oder Zigaretten. »Ich war fixiert auf Süßigkeiten«, sagt Brigitte, die aus einer kinderreichen Familie stammt, wo es Süßes nur zu besonderen Anlässen und zur Belohnung gab. »Als Kind war ich kräftig, aber nicht dick.« Wegen ihres stämmigen Körperbaus und ihres »Mondgesichts« wurde sie aber oft gehänselt. Von ihren älteren Schwestern erhielt sie den »Tipp«, mal den Finger in den Hals zu stecken, um Platz fürs Weiteressen zu machen.

So wurde Brigitte während der Pubertät zur Bulimikerin. »Immer, wenn es mir nicht gut ging, wenn ich unter Druck stand oder um die innere Leere zu füllen, habe ich Unmengen an Kuchen und Süßigkeiten gegessen«, erzählt sie. Heimlich natürlich. Übergeben hat sie sich dann hinterher auf öffentlichen Toiletten. »Es ist sehr schwierig, eine Essstörung zu verheimlichen. Alles andere tritt in den Hintergrund, man ist nur noch mit Essen beschäftigt.«

Beten um Beistand

Selbst gekocht hat sie in den 15 Jahren, in denen sie an Bulimie litt, selten. Sie habe vor allem von Fertigprodukten gelebt, die meist zu viel Zucker enthalten. »Es gibt einen Zusammenhang zwischen industriellen Produkten und Esssucht«, weiß Brigitte. Den Kreislauf aus Essen und Erbrechen konnte sie im Alter von 29 Jahren durchbrechen, hat stattdessen angefangen zu rauchen.

Als sie das wieder aufgab, nahm sie kontinuierlich zu. »Nach dem dritten Kind wog ich über 100 Kilo«, erzählt sie. Bei einer Körpergröße von 1,76 Metern. Mittlerweile zeigt die Waage nur noch 65 Kilo an. Mithilfe des Programms der Anonymen Esssüchtigen, denen sie sich im April anschloss, hat sie innerhalb eines halben Jahres 30 Kilo abgenommen.

Natürlich habe sie vorher etliche Diäten ausprobiert und Ernährungsratgeber konsultiert. Das Eingeständnis, dass ihr Essverhalten nicht normal ist, war ein wichtiger Schritt. »Wie bei Alkoholikern«, sagt Brigitte. Zu denen gebe es überhaupt viele Parallelen. Solange man nicht erkennt, dass man ein Problem hat, ist keine Heilung möglich. »Natürlich hatte ich vorher Schuldgefühle, wusste, ich mache was Falsches. Ich wollte aber auch keine Schwäche zugeben, war nach außen hin die, die alles hinkriegt.«

Übers Internet fand sie eine auf Essstörungen spezialisierte Therapeutin und erkannte nach etlichen Gesprächen, dass sie auch ein spirituelles Programm brauchte, um das Problem in den Griff zu bekommen. »Mir war klar: Ich kriege es alleine nicht hin, und auch die Weisheit der anderen hilft nicht.«

Eine Veranstaltung der Anonymen Esssüchtigen (Food Addicts in Recovery Anonymous) brachte schließlich die Wende. Dort sprach sie zum ersten Mal über ihre Essstörung, und dann gab es kein Zurück mehr. Das FA-Programm beinhaltete eine Neuordnung des Lebens. Nicht nur, was das Essen angeht. Dort wird alles aufs Gramm genau vorgegeben. So setzt sich Brigittes Mittagessen aus 200 Gramm gekochtem Gemüse, 200 Gramm gemischtem Salat, einem Esslöffel Öl, 120 Gramm Eiweiß bestehend aus Fisch, Fleisch oder Käse und Obst zusammen. Bei kleinsten Verstößen beginnt das Programm von vorne.

Neben dem strikten Essensplan ist die seelische Begleitung durch ein gefestigtes Gruppenmitglied, eine Sponsorin, mit der sie jeden Morgen eine Viertelstunde telefoniert, sehr wichtig. Jeder Tag beinhaltet außerdem eine halbe Stunde »stille Zeit«, eine Art Meditation, sowie drei Telefonate mit anderen Frauen der Organisation, um sich auszutauschen. »Das ist eine ganz große Stütze«, sagt Brigitte. Außerdem achtet sie viel mehr als früher auf sich selbst, dass sie sich nicht überfordert und das dann in irgendeiner Form kompensieren muss. Und wenn es sie doch mal wieder nach Süßigkeiten gelüstet, dann betet sie um Beistand. »Das klappt«, stellt sie erstaunt fest. Die Zeiten, in denen sie losfahren und gleich einen ganzen Korb voll Süßigkeiten kaufen möchte, sind selten geworden. (GEA)

Anonyme Esssüchtige in Genesung


Anonyme Esssüchtige in Genesung (FA) ist eine Zwölf-Schritte-Gruppe, die auf den Prinzipien der Anonymen Alkoholiker (AA) beruht. Viele ihrer erwachsenen und jugendlichen Mitglieder waren übergewichtig, manche wogen über 100 Kilogramm, andere waren gefährlich untergewichtig oder kontrollierten ihr Essen zwanghaft durch Hungern, Bulimie oder übermäßiges Sporttreiben. Dank des Programms führen viele von ihnen ein erfülltes Leben, ohne Essen zu missbrauchen. Der Ursprung von FA liegt in den USA. Eine Infoveranstaltung für die Region Tübingen/Reutlingen gibt es am Freitag, 8. November, um 19.30 Uhr in der Volkshochschule Tübingen, Katharinenstraße 18. Sie richtet sich an alle, die an Esssucht, Überessen oder Bulimie leiden oder ihr Gewicht durch Hungern kontrollieren und diejenigen, die sich für betroffene Menschen informieren möchten. Mitglieder der Selbsthilfegruppe erzählen von ihrer Krankheit und Genesung. (GEA)

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