Cyberneum - Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik kann auf neue Weise in die virtuelle Realität eintauchen

Wenn das Ich ein anderes wird

VON ARNFRIED LENSCHOW

TÜBINGEN. Um sich selbst zu erkennen, muss man manchmal Umwege gehen, die Perspektive wechseln. Der Fachbereich Wahrnehmung, Kognition und Handlung des Tübinger Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik taucht dazu in die virtuelle Realität ein, um das, was in der »normalen« Realität geschieht, besser zu verstehen.

Cyberneum in Tübingen 2013
Prunkstück im Cyberneum: Der aufgerüstete Cyber-Motion-Simulator kann dank Fortbewegung auf Schienen bei Fahrsimulationen die virtuelle Realität noch echter erscheinen lassen. FOTO: Markus Niethammer
Jetzt hat das Institut neue Möglichkeiten, weil das sogenannte Cyberneum erweitert wurde. Das war nötig, um dem Prunkstück des Instituts, dem Cyber-Motion-Simulator, neuen Bewegungsraum zu verschaffen. In dessen Kopf, der an das außerirdische Monster im Film »Alien« oder einen Insektenschädel erinnert, kann man einsteigen, und die Simulation einer Autofahrt und eines Flugs über Amsterdam oder den Grand Canyon erleben. Jetzt noch realistischer, weil der aus einem normalen Industrieroboter entwickelte Simulator sich auch auf Schienen bewegen kann.

Wie weit das Ganze noch von der Realität entfernt ist, dafür gibt es einen zuverlässigen Indikator. Professor Heinrich Bülthoff, der das Institut leitet, gibt zu, dass er »empfindlich für Simulationskrankheiten« ist. Auf den Magen schlagen würde es aber nicht, wenn man im Cyber-Motion-Simulator sitzt, versichern die Wissenschaftler. Bei der Neueröffnung des Cyberneums am Donnerstag, an dem gleichzeitig eine zweitägige Tagung startete, stellten sich die Wissenschaftler anderer Universitäten und Forschungseinrichtungen brav in eine Reihe, um den Cyber-Motion-Simulator hautnah zu erleben.

Solche Forschung hat durchaus praktische Konsequenzen. So erzählte der Niederländer Dr. Eric Groen von den Möglichkeiten, Piloten zu trainieren für Gefahrensituationen, die sonst nur selten auftreten. »Bisher werden sie nur trainiert, solche Situationen zu vermeiden.« Dr. Hans-Peter Schömer von Daimler berichtete, dass der Bremsassistent entwickelt wurde aufgrund der Erfahrungen bei Fahrsimulationen.

Untersucht wird im Cyberneum auch, wie bessere Displays aussehen könnten, indem geschaut wird, wie diese wahrgenommen werden. Grundlagenforschung, die nicht nur nach dem »Wie«, sondern auch nach dem »Warum« fragt, wie es IHK-Präsident Christian Erbe, zugleich Vorstand des Unterstützerkreises, von der Wissenschaft forderte.

Warum wir sind, wie wir sind: Dieser Frage kann man auch dadurch nachgehen, dass man in eine andere Rolle schlüpft. Doktorandin Ekaterina Volkova tut dies, in dem sie an ihrem Körper 16 Sensoren angebracht hat. Das reicht aus, um sich per Computer als Avatar auf dem Bildschirm zu materialisieren, der alle ihre Bewegungen dupliziert. Wer sich ein Headset überzieht, taucht mit in diese Avatar-Welt ein und erlebt sich als Ich, das zu einem anderen wird. Eine Erfahrung außerhalb des eigenen Körpers. Nächster Schritt wird sein, dass der Avatar auch Gesichtsausdrücke repliziert, sodass dadurch die Körpersprache verfeinert wird.

Auf die Modellierung des Körpers hat es Jeanine Stefanucci abgesehen. Wer sich bei ihr das Headset überstreift, sieht die Wissenschaftlerinnen in der virtuellen Realität zehn Kilo zu- oder abnehmen. Diese Erfahrung, so hofft Stefanucci, könnte dazu dienen, dass Menschen motiviert werden, abzunehmen. (GEA)




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Virtuelle Realität im Cyberneum in Tübingen

Cyberneum in Tübingen 2013
FOTO: Markus Niethammer
 
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