Abschied - Ewald Raidt hat mehr als 25 Jahre dafür gesorgt, dass die Öffentlichkeit mitbekam, was sie wissen durfte

Was nie im Polizeibericht stand

VON JOACHIM KREIBICH

TÜBINGEN. Unfallflucht in Mössingen. Totalschaden beim Abbiegen an der Eckbergkreuzung. Nächtliche Einbrecher in Kusterdingen erwischt. Prügelei vor dem Hauptbahnhof in Tübingen. Solche Meldungen waren für ihn Alltag. Seit 1987 war Ewald Raidt Sprecher der Polizeidirektion Tübingen und hat viele der Berichte verfasst, die den Redaktionen auf den Tisch flattern. Künftig bekommt er dies nur noch als Zeitungsleser mit. Am heutigen Freitag geht er in den Ruhestand.

Streifenbeamter, Kriminaltechniker, EDV-Spezialist oder klassischer Ermittler: Es gibt viele spannende Tätigkeiten im Polizeidienst, doch dem 1953 in Rottenburg-Kiebingen geborenen Schwaben nimmt man es ohne Weiteres ab, wenn er sagt, dass er sich sehr gerne für Öffentlichkeitsarbeit entschieden hat. Kein Beamter bekommt mehr mit: vom Fall des ertappten Kleinkriminellen bis zu den schwierigen Ermittlungen im Mordfall. »Das ist sehr vielseitig. Man hat über alles Bescheid gewusst« – weil der Job genau dies verlangt.

Raidt war sich immer im Klaren, dass Journalisten und Leser möglichst präzise Schilderungen wollen – was schon nicht immer einfach ist, auch bei manchem Unfall-Hergang. Aber um Ermittlungen nicht zu gefährden, darf ein Polizeisprecher manchmal nur einen Teil preisgeben. Und gelegentlich muss er Pressemenschen auch erklären, dass sie besser keine Zeile veröffentlichen: Zum Beispiel weil die Suche mit dem Hubschrauber jemandem galt, der sich spektakulär das Leben nehmen wollte, und in solchen Fällen oft Nachahmungstäter erst auf die Idee gebracht werden.

Streifendienst schwieriger

Gleichzeitig darf nichts verschwiegen werden, was in einer Angelegenheit von Bedeutung ist. »Das wäre fatal.« Bekommt die Öffentlichkeit den Eindruck, die Polizei habe etwas Wesentliches verheimlicht, ist schnell die Rede von Ermittlungs-Pannen, falscher Einschätzung oder sogar Fehlverhalten. Auch das hat Raidt immer wieder erlebt: dass er den eigenen Kollegen hartnäckig erklären musste, warum er so viele Informationen rausgibt.

Generell sagt der Sprecher: »Die Arbeit der Polizisten ist schwieriger geworden. Die Kollegen müssen einiges aushalten.« Früher habe oft eine Doppelstreife ausgereicht, um einen Streit zu schlichten. Heute rückten die Beamten besser gleich mit mehreren Autos aus. Außerdem mischten sich oft Beobachter ein. »Manche glauben, wir könnten alles mit den Mitteln der Bergpredigt regeln. Doch der Beamte kann nicht einfach ›tschüss‹ und ›danke‹ sagen, wenn der Verdächtige sich weigert, seinen Namen anzugeben.« Dabei wirkt Raidt selbst so, als müsste er nur einem Delinquenten ein Viertelstündchen ins Gewissen reden und der werde von allen krummen Dingern in Zukunft die Finger lassen.

Erfreut hat der 60-Jährige registriert, dass bei einer Umfrage die Bürger im Landkreis Tübingen hohe Wertschätzung der Polizeiarbeit gezeigt und erklärt haben, sie fühlten sich sicher. Das deckt sich mit seiner Einschätzung dessen, was die Kollegen leisten. »Wir haben sehr gute Leute. Die sind sehr engagiert – auch wenn sie in der Freizeit geholt werden.«

Lob hat Raidt auch für sein ganzes Team. Mit dem Kollegen Josef Hönes hat er sich nach Möglichkeit nicht nur ausgetauscht. Beide haben häufig auch gegenseitig ihre Texte gelesen. Ganz nach dem Prinzip: Vier Augen sehen mehr als zwei.

42 Medien statt vier

Verändert hat sich in seinen zweieinhalb Jahrzehnten als Leiter der Öffentlichkeitsarbeit auch die Zahl der Medien. »1987 hatte ich vier auf dem Verteiler. Heute sind es 42. Und bei manchen geht Schnelligkeit vor Genauigkeit.« Meldungen sind im Netz zu lesen, bevor die Fakten richtig geprüft wurden. Bei manchen werde »aus jeder Schneeflocke ein Schneechaos gemacht«. Und Letztere wollten dann alle zehn Minuten wissen, ob sich inzwischen ein neuer Unfall irgendwo im Kreisgebiet ereignet habe.

Raidts Ausscheiden hat nichts mit der Polizeireform zu tun, sondern mit dem Erreichen der Altersgrenze. »Polizisten hören mit 60 Jahren auf. Und ich bin überzeugt: Es gibt nach der Arbeit auch ein Leben.« Was die Reform angeht, zeigt sich der erfahrene Beamte, der in seiner letzten Position sechs Chefs an der Spitze der Polizeidirektion erlebt hat, skeptisch. »Wir haben viele Reformen erlebt. Aber diesmal war die Abriss-Birne zu groß.«

Im Gebäude in der Konrad-Adenauer-Straße herrscht Abschieds- und Umzugsstimmung. Viele bereiten sich im Zuge der Reform auf ihren bevorstehenden Wechsel zum Jahresende vor. Bei »Ö« geht jetzt einer, dessen Name irgendwie auch zum Job passte, wie die Kollegen bemerkt haben: »Ö« steht im Polizeijargon für Öffentlichkeitsarbeit. Wenn dessen Leiter mit Vornamen Ewald heißt, liegt es nahe, daraus einen »Öwald« zu machen, wie es die Tübinger getan haben.

Konsequent ist er täglich von Rottenburg-Kiebingen nach Tübingen und zurück geradelt. 20 Kilometer, bei Wind und Wetter. »Das werd’ ich sehr vermissen. Da muss ich mir noch was überlegen«, sagt er und verrät, dass er zweimal böse gestürzt ist. »Auf Glatteis. Da muss gar nicht die ganze Strecke vereist sein. Da reichen zwei Quadratmeter.« Komisch: Davon stand nie was im Polizeibericht. (GEA)



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