Tübingen
CDU - Nominierung als Richtungsentscheidung. Horst Schuh wird Tübinger Landtagskandidat. Lisa Federle unterliegt

Wahlkrimi bis nach Mitternacht

Von Brigitte Gisel

TÜBINGEN. Draußen vor der Tür, lange nach Mitternacht wird es emotional. Ein älterer Herr nimmt die unterlegene Kandidatin in den Arm. »Es tut mir leid, Mädle.«. Lisa Federle antwortet tapfer: »Ich kann damit leben.« Ihren Tröster hat's schlimmer erwischt. »Aber ich nicht«, jammert dieser.

Horst Schuh (links) mit Kreisvorsitzendem Klaus Tappeser.
Horst Schuh (links) mit Kreisvorsitzendem Klaus Tappeser. FOTO: Brigitte Gisel
Es war der letzte Akt im Wahlkrimi, zu dem die Kandidatenkür der CDU für den Kreis Tübingen am Donnerstagabend geworden war. Nach fünf Stunden mit fünf Kandidaten setzte sich im dritten Wahlgang schließlich Horst Schuh gegen Lisa Federle durch. Der Traditionalist aus Rottenburg-Baisingen zog in der Stichwahl 161 CDU-Mitglieder auf seine Seite, Lisa Federle, der Shooting-Star der Tübinger Kommunalwahl, brachte es auf 146.

Die Abstimmung, von beiden Seiten zur Entscheidungsschlacht zwischen Reformern und Traditionalisten aufgewertet, entschieden somit Letztere für sich. Zweitkandidatin wurde kurz vor 1 Uhr in der Frühe die Tübinger Stadtverbandschefin Sandra Ebinger, die gegen die stellvertretende Rottenburger CDU-Vorsitzende Christine Jerabek kandidiert hatte. Die Urwahl, zu der 333 Mitglieder in den zu kleinen und zu heißen Bühler Schloss-Saal gekommen waren, zog sich auch deshalb in die Länge, weil der erste Wahlgang wiederholt werden musste, nachdem einige Wähler Stimmkarte und Stimmzettel verwechselt hatten.



Zwei ziehen zurück

Schuh, Ortsvorsteher in Baisingen, Vorsitzender des CDU-Ortsverbands Oberes Gäu und Fraktionschef im Rottenburger Gemeinderat, war schon im ersten Wahlgang vorn gelegen. Kreisrat Andreas Braun (30 Stimmen) und Unterjesingens Ortsvorsteher Michael Rak (35) zogen danach zurück. Nur Arnold Oppermann, Vize des Tübinger Stadtverbands, machte mit 37 Stimmen weiter.

Es folgte die Stunde der Polit-Orakel und Strippenzieher. »Lisa müsste es schaffen«, kalkuliert Kreisrätin Gretel Schwägerle. Wähler-Bataillone werden ausgerichtet. Spaltet Oppermann die Tübinger Stimmen, um Schuh zum Durchmarsch zu verhelfen? Doch dann liegt im zweiten Wahlgang plötzlich Federle vorne. Sie hat 138 Stimmen, Schuh nur 136. Oppermann scheidet mit 36 Stimmen aus. Um 0.05 Uhr hat Schuh gewonnen.

Horst Schuh jubelte inmitten der Rottenburger. Er nennt hinterher zwei Gründe für seinen Sieg. »Ich bin mehr der Vertreter des klassischen CDU-Spektrums«, sagt er. Und Rottenburg sei sehr stark vertreten gewesen. Jetzt komme es aber darauf an, dass man sich mit den Anhängern Federles zusammensetze.

Lisa Federle ist enttäuscht, freut sich aber über ihr gutes Ergebnis. »Ich find' das sagenhaft, egal wie's ausgeht«, verkündete sie schon vor dem dritten Wahlgang. Danach klingt's dann doch etwas anders. »Die CDU konnte sich zwischen etwas Altem und etwas Neuem entscheiden und sie hat sich für das Alte entschieden.« Auf ihre Arbeit im Kreistag und im Tübinger Gemeinderat werde sich die Niederlage nicht auswirken, verspricht sie. Aber bei der nächsten Landtagswahl werde sie es wohl nicht noch einmal versuchen. Enttäuscht zeigt sie sich von Oppermann. »Das war nicht fair von ihm, dass er mich verhindern wollte«. Oppermann selbst bestreitet, taktisch agiert zu haben. Er habe sich durchaus noch Chancen ausgerechnet.

Bezug auf Helmut Kohl

Federle hatte sich als »Brückenbauerin zwischen Tradition und Innovation« präsentiert. Die CDU müsse Wähler von der FDP zurückholen und dürfe den Grünen nicht das Feld überlassen. Ihre Schwerpunkte setzte sie auf Sozialpolitik, Bildung, die Stärkung der Wirtschaft und den Ausbau der Infrastruktur.

Horst Schuh, 52, Leiter des Staatlichen Rechnungsprüfungsamts in Tübingen, will die Stammwähler mobilisieren und zitierte Altkanzler Helmut Kohl: »Wichtig ist, was hinten rauskommt.«. Auch er hält Bildung für wahlentscheidend und setzt Schwerpunkte auf Wirtschaft und Familienpolitik.

Zuspruch erhielt Andreas Braun. Der 27-jährige Student und Kreisrat aus Wolfenhausen, der nach einem Unfall bei einem Feuerwehreinsatz im Rollstuhl sitzt, punktete mit seinem Plädoyer für eine Bildungsoffensive, die Stärkung des Hochschulstandorts, Dorfentwicklung und Behindertenpolitik. Zum Schluss ermunterte ihn Gerhard Schmid aus Ofterdingen, doch als Zweitkandidat anzutreten. Doch Braun sagte Nein.

Monika Bormann, die den Wahlkreis in Stuttgart vertritt und nicht mehr kandidierte, wirkte nach der Wahl regelrecht erlöst, wollte den Ausgang aber nicht kommentieren. Andreas Gammel, CDU-Chef in Mössingen, zeigte sich enttäuscht. »Ich hätte es mir anders gewünscht. Schuh muss jetzt zeigen, was er kann.« (GEA)



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