Kultur - Bei dem Rundgang in der Reihe »Kennen Sie Tübingen?« ging es um den Tübinger Komponisten Silcher
Vom Monument zur Liedertafel
Von Veit Müller
TÜBINGEN. Am Ende flossen alle Brünnlein und der Lindenbaum stand wieder am Brunnen vor dem Tore. Zumindest chormusikalisch. Mit Inbrunst sangen weit über hundert Silcher-Freunde im Schlosshof die alten Volkslieder. Zuvor waren sie auf den Spuren des bekannten deutschen Komponisten und Musikpädagogen durch die Tübinger Innenstadt gepilgert - angeführt und informiert von Ulrich Narr und Dagmar Waizenegger.
In der Reihe »Kennen Sie Tübingen?« wandelten die Teilnehmer, die sich für den Komponisten Philipp Friedrich Silcher interessierten, bei einem Rundgang von dessen imposanter Statue auf der Neckarinsel quer durch die Tübinger Altstadt, angeführt und informiert von Dagmar Waizenegger und Ulrich Narr.
FOTO: Veit Müller
»Kennen Sie Tübingen?« hieß die Frage von Narr und Waizenegger. Und wer sie mit einem fetten Ja beantworten will, der sollte auch einmal von Philipp Friedrich Silcher gehört haben.
Geboren 1789 in Schnait im Remstal, übernahm der weit über Württemberg hinaus bekannte Komponist am 1. Oktober 1817 die vom König neu geschaffene Stelle des Universitätsmusikdirektors in Tübingen. Hier am Neckar fand Silcher nicht nur sein berufliches, sondern auch sein privates Glück. 1822 heiratete er Luise Rosine Enßlin, eine Sängerin im Kirchenchor. Silcher starb vor genau 150 Jahren und liegt auf dem Stadtfriedhof in Tübingen begraben.
Narr, persönlicher Referent von OB Palmer, und Waizenegger vom Tübinger Kulturamt sammelten die Silcher-Interessierten für den »Kennen Sie Tübingen?«-Rundgang am Monument auf der Neckarinsel ein. Dort sitzt der große Künstler in Stein gemeißelt und blickt auf seine Schäfchen herab. Ein Riesen-Denkmal haben sie ihm damals gebaut, insgesamt 460 Zentner schwer und aus 13 Blöcken heimischen Steins gefertigt.
Monument und Mahnmal
Das monumentale Denkmal stammt von den Nazis, die, wie andere zuvor, Silcher für ihre Zwecke vereinnahmt haben. Sie nutzten ihn als Symbol für den deutschen Volksgedanken und das deutsche Volksgut jener Zeit aus. Zu diesem Volksgut gehörte »das ganz populäre wie viel missbrauchte Lied« vom »guten Kameraden«, wie Waizenegger erzählte. Um das Denkmal herum haben die Nazis einen Platz für Aufmärsche und Inszenierungen eingerichtet, doch zu solchen Veranstaltungen kam es gar nicht mehr. Noch nicht mal offiziell übergeben wurde das Denkmal, wahrscheinlich war der Krieg damals schon zu weit fortgeschritten, vermutet Waizenegger.
Nach dem Krieg gab es immer wieder Forderungen, das Monument oder zumindest die steinernen Soldaten um Silcher herum zu entfernen, doch nichts wurde weggemeißelt. Einmal war der Bildhauer dagegen, ein anderes Mal die Verwaltung. Waizenegger findet es richtig, dass das Denkmal heute noch mitten auf der Neckarinsel steht: Es sei nicht nur ein Denk- sondern auch ein Mahnmal dafür, wie ein totalitäres System populäre Menschen zweckentfremdet.
Vom Silcher-Monument zog der »Kennen Sie Tübingen?«-Tross weiter zum Pfleghof. Von dort zum katholischen Stift, zum Lamm auf dem Marktplatz und dann hinauf zum Schloss. An den einzelnen Stationen ging es Narr und Waizenegger vor allem um die musikalische Leistung Silchers. Er war einer der wichtigsten Protagonisten des Chorgesangs, arrangierte in Sammlungen zahlreiche Chorsätze von deutschen und internationalen Volksliedern. Silcher gründete und leitete viele Chöre, wie etwa die »akademische Liedertafel«.
In seinen Sammlungen hinterließ er Volkslieder, die bis heute zum festen Bestandteil vieler Chöre gehören. Das bewies zum Abschluss des über zweistündigen Rundgangs auch der Liederkranz der Tübinger Weingärtner. Er sang gemeinsam mit den Silcher-Interessierten »Am Brunnen vor dem Tore« und »Wenn alle Brünnlein fließen«. (GEA)