Wahl - Unser Huhn in Tübingen: Bundesweit kandidiert erstmals ein Stammtisch. »Demokratie muss Spaß machen«

Unser Huhn in Tübingen: Mit Satire in den Gemeinderat

TÜBINGEN. »Um das gleich zu klären: Wir sind das Huhn. Die sind das Ei.« Ulrich Stolte lässt bei der Vorstellung vor der Presse erst gar keinen Zweifel aufkommen. 1988 wurde der Stammtisch »Unser Huhn« in Tübingen gegründet. Stolte war maßgeblich beteiligt. 2004 entstand »die Partei«. Oliver Maria Schmitt, Ex-Tübinger und Ex-Chefredakteur des Satire-Magazins »Titanic«, hatte beide Male die Hände mit im Spiel. Aber die Reihenfolge steht damit unumstößlich fest.

Ein Flughafen auf der Neckarinsel, ein nukleares Endlager im Französischen Viertel, statt Schule Unterricht via i-Phone: (von links) Ulrich Stolte, Häns Dämpf und Jürgen Eichenbrenner stellen am Stammtisch Teile aus ihrem Wahlprogramm für Tübingen vor. GEA-FOTO: -JK
Ein Flughafen auf der Neckarinsel, ein nukleares Endlager im Französischen Viertel, statt Schule Unterricht via i-Phone: (von links) Ulrich Stolte, Häns Dämpf und Jürgen Eichenbrenner stellen am Stammtisch Teile aus ihrem Wahlprogramm für Tübingen vor. FOTO: Joachim Kreibich
Nun machen das Huhn und das inzwischen aus dem Ei geschlüpfte Küken gemeinsame Sache und treten allen Ernstes am 25. Mai mit einer Liste bei der Kommunalwahl an. Zwölf Kandidaten bewerben sich um einen Sitz im Tübinger Gemeinderat. Auf Platz eins Häns Dämpf alias Markus Vogt (Musiker und Suchmaschinen-Marketing-Analyst), auf Platz zwei Lokführer Ivo Dommer.

Eine Partei braucht ein Programm, und um Ideen sind die Initiatoren nicht verlegen. Als wichtigstes Vorhaben nennt Häns Dämpf den künftigen Hölderlin-Flughafen auf der Neckarinsel. Der werde natürlich nie vollendet, als effektive Bauzeit seien sieben Tage im August vorgesehen. Und die Uni werde tiefergelegt: U 21 will man das Projekt nennen. Was man damit bezweckt? Stolte betont naiv: »Genauso gut könnte man fragen, warum ein Bahnhof tiefergelegt wird.«

Gut ankommen wird nach Einschätzung der Beteiligten die wichtigste bildungspolitische Forderung, nämlich nach Schließung der Schulen. Der Unterricht soll künftig via i-Phone erfolgen. »Die Schüler spielen sowieso immer damit rum.« Dadurch könne man die Unterrichtszeiten auch problemlos auf zwölf bis 14 Stunden täglich erhöhen. Die leeren Gebäude sollten zu Party-Häusern und Diskotheken umgewidmet werden – wodurch wiederum gesichert sei, dass die Kinder gerne hingehen.

Beitritt zur Schweiz gefordert

Ein nukleares Endlager im Französischen Viertel werde die Mietpreise purzeln lassen und »nachhaltige Protestkultur vor Ort ermöglichen«. Jürgen Eichenbrenner merkt an, dass Tübingen der Schweiz beitreten solle. Auch Rottweil habe ja zeitweilig zu den Eidgenossen gehört. Dabei schaut er so unschuldig, dass man nicht weiß, ob er das erfunden hat oder sich einfach gut in der Historie auskennt. Bei einem Computer-Administrator wie ihm wäre zudem denkbar, dass er den entsprechenden Internet-Eintrag selbst geschrieben und ins Netz gestellt hat.

Innerparteilichen Diskussionsbedarf offenbaren die Vier, als das Stichwort Spaßpartei fällt und die Frage gestellt wird, ob man mit Jux nicht andere Kandidaten und ernsthafte Anliegen blockiert. Stolte verkündet schließlich kategorisch: »Demokratie muss Spaß machen.« Das immerhin scheint allgemein akzeptiert.

In Lübeck und »irgendwo in Bayern« hat es die Partei schon zu Sitzen in Kommunalparlamenten gebracht. Das Besondere in Tübingen: Hier tritt bundesweit erstmals ein Stammtisch an. (-jk)



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