Tübingen
Uniklinik - Pflegewissenschaftler Michael Isfort warnt bei Personalversammlung vor Folgen der Arbeitsüberlastung

Uniklinik: Wenn Stress Patienten gefährdet

Von Brigitte Gisel

TÜBINGEN. Zumindest in der Diagnose sind sie sich einig. »Sie haben wirklich den Finger in alle unsere Wunden gelegt«, räumte Jana Luntz, Pflegedirektorin der Tübinger Uniklinik ein, nachdem der Pflegewissenschaftler Michael Isfort zuvor ein düsteres Bild von der Lage der Pflege an deutschen Krankenhäusern gemalt hatte. Nur wenn sich die Arbeitsbedingungen verbessern, sei das medizinische Niveau der Krankenversorgung zu halten, erklärte er am Donnerstag in der Personalversammlung des Klinikums.

FOTO: dpa
Pflegenotstand hat viele Facetten. »Kliniken versuchen, sich gegenseitig ganze OP-Teams abzuwerben«, sagt Isfort, der an der katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen Inhaber eines Lehrstuhls für Pflegewissenschaft ist. Der Arbeitsmarkt in diesem Sektor sei quasi leer gefegt, auch wenn in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren 50 000 Stellen in der Pflege abgebaut wurden. In einer Studie erklärten etwa 40 Prozent der befragten Schwestern und Pflegern, sie würden gerne Arbeitszeit reduzieren, um ständiger Überlastung zu entgehen.

Lange Liste von Defiziten

Stress und Personalmangel werden aber auch zum Sicherheitsrisiko. 93 Prozent der Pflegekräfte räumten in einer Studie Mängel bei der Beobachtung von Patienten ein, 89 Prozent erkannten Defizite bei der Mobilisierung, 57 Prozent wussten von Fehlern bei der Medikamentengabe und knapp jeder Zweite von Nachlässigkeiten bei der Händehygiene. »Wir haben massivste Probleme, Patientensicherheit auf höchstem Level zu stabilisieren«, so Isfort und warnt: »Ich kann nicht dauernd Personal reduzieren und so tun, als sei die Qualität gleich geblieben.«



Der Pflegeexperte rät Klinikbetreibern, Personal nicht als Kostenfaktor, sondern als Investition zu betrachten. Management müsse sich als Steuerungskunst verstehen. Dazu gehört für ihn auch, selbstbewusst um Nachwuchs zu werben und familien- und altersgerechte Arbeitsplätze anzubieten. Krankenhäuser, die ihren Beschäftigten Gestaltungsmöglichkeiten anbieten, ziehen Arbeitskräfte magisch an, so Isfort.

Den Beschäftigten rät er, nicht ausschließlich Defizite in der täglichen Arbeit in den Mittelpunkt zu stellen. Zur Wertschätzung gehöre es auch, den Kollegen zu loben, der trotz Stress ein großes Arbeitspensum bewältigt hat. Isfort warnt auch vor einer »Entsolidarisierung« im Gesundheitsbereich. Personalabbau traf den Pflegebereich in den letzten Jahren überproportional.

Personalratsvorsitzende Angela Hauer hatte zu Beginn die Statistik der Überlastanzeigen vorgelegt. Spitzenreiter mit 69 Meldungen ist die Medizinische Klinik, gefolgt von Kinderklinik (39) und Frauenklinik (20). Fürs kommende Jahr habe der Klinikumsvorstand bereits eine Stellenreduzierung um zwei Prozent sowie drei Monate Besetzungssperre für frei werdende Stellen angekündigt. Auf einer »Sorgenwand« bemängelten Mitarbeiter fehlende Wertschätzung, Personalmangel und zu geringen Lohn.

Gabriele Sonntag, die kaufmännische Direktorin der Uniklinik, sprach vom »wahnsinnigen Hamsterradeffekt«, in dem sich die Kliniken befinden. Mit Personalrat und Referent ist sie sich einig, »die Politik unter Druck zu setzen, uns besser zu finanzieren«. (GEA)



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