TÜBINGEN. Kindertagesstätten vergeben einer Studie zufolge viele Chancen, weil sie kaum auf die verschiedenen Religionen der Kinder eingehen. Obwohl in manchen Einrichtungen jedes zweite Kind muslimisch sei, spielten dort dennoch häufig nur christliche Feste wie Weihnachten und Ostern eine Rolle, kritisierte ein Team Tübinger Religionspädagogen am Dienstag. Für ein friedliches Zusammenleben sei es aber wichtig, dass die Kinder schon im Vorschulalter verschiedene Kulturen kennenlernen könnten.
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Die Tübinger Wissenschaftler haben für ihre repräsentative Studie im Auftrag der Stiftung Ravensburger Verlag mehr als 2800 Erzieher an 487 Kitas befragt. 77 Prozent hatten in ihrer Gruppe Kinder mit verschiedenen Religionen. 58 Prozent betreuten Kinder, die wegen ihrer Religion bestimmte Lebensmittel nicht essen durften.
Interreligiöse Kita-Gruppen seien also längst völlig alltäglich - umso unverständlicher sei es, dass die interreligiöse Bildung kaum eine Rolle spiele, sagte Religionspädagoge Friedrich Schweitzer. Ein Besuch in einer Kirche sei in vielen Kitas selbstverständlich. Doch nur sieben Prozent der Kita-Gruppen hätten auch einen Moscheebesuch im Programm. »Daran kann man exemplarisch ablesen, wie schlecht es um diesen Bereich steht«, sagte Schweitzer.
Wenn Kinder schon im Vorschulalter die Gewohnheiten und Rituale anderer Religionen kennenlernten, sei das ein wichtiger Grundstein für Integration und Toleranz. »Wir dürfen nicht aus Angst vor Konflikten die Religion aus den Kitas verbannen, sondern müssen Religion als positive Ressource, nicht als Problemfaktor betrachten«, sagte der Theologie-Professor.
Das Team aus evangelischen und katholischen Religionspädagogen fordern deshalb, auch muslimische Feste wie das Opferfest oder das Fastenbrechen oder jüdische Feste wie Chanukka zu thematisieren. Neben Geschichten aus der Bibel sollten auch Geschichten aus dem Koran vorgelesen und gemeinsame Figuren wie Abraham, Mose und Jesus besprochen werden.
Vor allem Kindergärten in kommunaler Trägerschaft trauten sich an solche Themen aber häufig nicht heran - meist aus Angst, gegen das Gebot der religiösen Neutralität zu verstoßen, sagte Schweitzer. Aber auch in evangelischen und katholischen Kindergärten gebe es Vorbehalte, muslimische Feste zu thematisieren. »Auch für christliche Kindergärten gilt, dass jedes achte Kind Moslem ist. Und dann muss man überlegen, wie man deren religiöse Bildung fördert. Der Bildungsauftrag richtet sich ja nicht nach den persönlichen Voraussetzungen der Erzieherinnen, sondern nach dem Kind«, betonte Schweitzer.
Allerdings seien viele Erzieherinnen gar nicht auf die Aufgaben einer religiösen Bildung vorbereitet. Die Politik müsse deshalb dafür sorgen, dass Erzieherinnen in der Ausbildung und bei Fortbildungen für ihren interreligiösen Bildungsauftrag sensibilisiert würden, forderten die Wissenschaftler. (dpa)
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