Kultur - Das Tübinger Projekt Folklang verbindet Musiker aller Kulturen und Fähigkeiten in einem großen Orchester

Tübinger Projekt Folklang: Völkerverständigung ohne Noten

VON IRMGARD WALDERICH

TÜBINGEN. Musiker kommen auch ohne Worte aus. Ihre Musik ist die gemeinsame Sprache. Wer das nicht glaubt, muss Folklang hören. Das Tübinger Projekt verbindet Menschen vieler Nationen und Voraussetzungen. Wer mitmachen will, muss nur eines haben: Spaß daran, gemeinsam zu musizieren. Ob das Projekt Zukunft hat, hängt allerdings von der Finanzierung ab.

Wer hier mitspielt, hat vor allem eines: ganz viel Spaß. Von Kathryn Döner (links) stammt die Idee zu einem großen völkerübergreifenden Orchester
Wer hier mitspielt, hat vor allem eines: ganz viel Spaß. Von Kathryn Döner (links) stammt die Idee zu einem großen völkerübergreifenden Orchester FOTO: Irmgard Walderich
Die Zuschüsse des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) endeten im vergangenen Juni. Um Spenden einwerben zu können, machte sich Folklang anschließend von der Volkshochschule selbstständig und gründete einen Verein.

Kathryn Döner, die musikalische Leiterin des Projekts, hat 2012 beim Ethno Histeria Festival in Slowenien erlebt, wie sehr Musik verbinden kann. Dort musizierten über 100 Musiker aus 30 Nationen gemeinsam. Völkerverständigung über Melodien hinweg. Sie steckte Susanne Christel mit ihrer Vision eines kulturübergreifenden Orchesters an. Die beiden entwickelten ein Konzept für Folklang unter dem Dach der Tübinger Volkshochschule. Im Mai 2014 trafen sich zum ersten Mal Musiker im Werkstadthaus, um gemeinsam zu musizieren.

Gelernt wird ohne Noten, die Proben sind offen. Jeder, der möchte, kann bei Folklang vorbeischauen und mitspielen. Am besten mit einem eigenen Lied im Gepäck. Das trägt er dann vor und bringt es anschließend der Gruppe bei. »Jeder kann bei uns Lernender und Lehrender sein«, erklärt Susanne Christel das Prinzip. Und es funktioniert. Besser, als die beiden Gründerinnen je geahnt hätten. Ein halbes Jahr nach dem ersten Treffen trat Folklang zum ersten Mal öffentlich auf. Mittlerweile beteiligen sich rund 300 Musiker in unterschiedlichen Besetzungen. Rund 80 standen erst kürzlich auf der Bühne des Tübinger Sudhauses.

»Das Orchester ist nie gleich«, sagt Christel. Das hat die beiden Initiatorinnen immer mal wieder ins Schwitzen gebracht. Aber sie haben nie an dem offenen Konzept gezweifelt. Schließlich wollen beide möglichst viele Menschen erreichen, völlig unabhängig von ihrer Kultur, ihrem Alter, ihren musikalischen Fähigkeiten und sozialem Status. Was dabei herauskommt, ist eine großartige Mischung unterschiedlicher Klangwelten. »Der Mond ist aufgegangen«, gespielt mit einer arabischen Oud, klingt plötzlich ganz ungewohnt neu und doch vertraut. Der Nabucco-Walzer mischt sich mit einem Schuhplattler und beides wird abgelöst von einem syrischen Volkslied.

Ein besonderes Erlebnis nicht nur für die Zuhörer. Für Mahdi Samadi Khosh-khoo etwa ist Folklang das Orchester, bei dem er dabei sein will »bis zum Rest meines Lebens«. Dabei spielt der Naturwissenschaftler aus dem Iran Barockmusik im Collegium Illustre des Tübinger Wilhelmstifts. Folk und Klassik, das geht für den Iraner ganz gut zusammen. Aber für ihn ist Folklang durchaus mehr als ein Ort zum Musikzieren. Es ist ein Raum für Begegnung mit Musik als Sprache.

Die Musiker stammen aus Mazedonien, Tschechien, Syrien, Pakistan, Iran, Algerien, Spanien, Portugal, Schweden, England und Schottland oder einfach aus Tübingen. So wie Max Kaschek, der ungarische und rumänische Musik liebt. »Ein bisschen gibt es hier das Gefühl, jeder liebt jeden«, sagt der Archäologiestudent. Der Gruppe hat er ein rasantes ungarisches Musikstück mitgebracht. Schnell und immer schneller wird die Musik. Zu schnell am Ende in der Probe. Da kommt nicht jeder hinterher. »Stopp«, ruft Kathryn Döner. Die Musiker brechen ab, lachend. So wird das nichts. Noch mal von vorn.

»Musik als Türöffner. Das hat Potenzial. Da geht noch mehr«
 

Die Stimmung ist ausgelassen und dann wieder ganz konzentriert. Die vier Musiker des Kernteams, Cédric Berner, Christoph Schoenbeck, Kathryn Döner und Jonas Leuther, stehen aufgereiht vor dem großen Orchester. Jeder für eine eigene Instrumentengruppe zuständig. Das reicht von der Rahmentrommel bis zu den Sängern. Mit dabei sind etliche Gitarristen, Akkordeonisten, Bläser, Geiger und Trommler. Das jüngste Mitglied ist 12 Jahre, der älteste ist 63 Jahre alt.

Jesseca Naddaf aus Syrien studiert Psychologie in Tübingen und singt bei Folklang. Sie habe zuerst große Angst gehabt, dass ihre Stimme nicht passt, erzählt die junge Frau. Mittlerweile hat sie den Musikern ein syrisches Lied beigebracht und ist völlig begeistert von dem Projekt. »Folklang besteht aus mehr als Musik«, sagt die Syrerin. Es ist eine große Möglichkeit, andere Kulturen kennenzulernen.

Eine musikalische Neuerfahrung war das Orchester für Paula Rotter. Musik nur nach Gehör spielen ohne Noten, das hat die Biologin bisher nicht gekannt. Viele Freunde hat sie mittlerweile bei Folklang gefunden. Enge Verbindungen sind beim gemeinsamen Musizieren entstanden. »Das wird nicht abbrechen«, ist sich die Geigerin sicher.

Die viel beschworene Integration klappt bei Folklang ganz spielerisch. Viele Flüchtlinge spielen im Orchester mit, auch wenn es eigentlich nie als Flüchtlingsprojekt gedacht war. Für seine integrative Kraft zeichnete das Bamf Folklang aus, in der Stadt Tübingen gewann das Projekt den zweiten Integrationspreis, beim Landeswettbewerb Folk- und Weltmusik im Mai in Reutlingen wurde es mit dem Sonderpreis ausgezeichnet (wir berichteten).

Für Susanne Christel ist das alles nur der Anfang. »Die Musik als Türöffner. Das hat Potenzial, da geht noch mehr«, davon ist die Pädagogin überzeugt. Dafür aber braucht es Geld. Rund 70 000 Euro im Jahr, schätzt Christel, um Personal- und Mietkosten zu decken. Die Finanzierung ist allerdings derzeit noch gänzlich offen. Und damit auch die Zukunft dieses außergewöhnlichen Orchesters. (GEA)

Weitere Informationen

Das könnte Sie auch interessieren
Regionen

Wählen Sie Ihre Region

Karte mit einzelnen Regionen Tübingen Reutlingen Pfullingen Eningen Lichtenstein Über der Alb Neckar und Erms
Mitarbeiter gesucht!
  • Stellenanzeigen werden geladen...


Christian Kohlund freut sich über ersten Enkel

Christian Kohlund ist von seinem Enkel ganz begeistert. Foto: Ursula Düren

Passau (dpa) - Schauspieler Christian Kohlund (67,... mehr»

Widerstand in der SPD gegen Koalitionsverhandlungen wächst

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller, der auch zum SPD-Bundesvorstand gehört, äußerte sich kritisch über das schwarz-rote Sondierungspapier. Foto: Britta Pedersen

Dortmund (dpa) - Vor der Abstimmung über Koalition... mehr»

Baden-Württemberg: Schulbus kracht in Hauswand

Einsatzkräfte von Feuerwehr und Polizei an der Unfallstelle. Foto: Rene Priebe

Eberbach (dpa) - Bei dem schweren Schulbusunfall i... mehr»

Retter bergen zwei Tote nach Explosion in Antwerpen

Helfer und Suchhunde durchkämmen die Trümmer. Foto: Dirk Waem

Antwerpen (dpa) - Nach der schweren Explosion im Z... mehr»

Leicht rückläufiger Euro stützt Dax-Erholung

Im Schriftzug

Frankfurt/Main (dpa) - Der Dax ist mit Rückenwind ... mehr»

Aktuelle Beilagen