Universität - Ältestes Kriminologisches Institut Deutschlands feiert 50-jähriges Bestehen. Geburt per Vermerk

Tübinger Kriminologen seit 50 Jahren dem Täter auf der Spur

Von Martin Schreier

TÜBINGEN. Eigentlich hätte der Festakt anlässlich des fünfzigjährigen Bestehens des Instituts für Kriminologie (IfK) im Großen Senat der Neuen Aula stattfinden sollen. Doch die Anmeldezahl erforderte einen deutlich größeren Hörsaal. »Fast schon wie bei einer Facebook-Party«, scherzt Professor Jörg Kinzig, aktueller Leiter des Instituts und Dekan der Juristischen Fakultät Tübingen.

Erst der dritte Leiter des Tübinger Instituts für Kriminologie in 50 Jahren: Professor Jörg Kinzig. FOTO: SCHREIER FOTO: dpa
Gekommen sind nicht nur Menschen aus Deutschland, sondern auch aus dem benachbarten Ausland. Es sind mit Kinzigs Worten »Eltern« und »wissenschaftliche Kinder des Instituts«, aber auch »Freunde« aus Ministerien, Politik, Gericht und Staatsanwaltschaft, aber auch vom Bundeskriminalamt, der Rechtsanwaltskammer, der Deutschen Bewährungshilfe und der Universität.

Bereits im Jahr 1958 hatte die damalige Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät einen außerordentlichen Lehrstuhl für Kriminologie beantragt. Kinzig stellt fest, die Begründung sei auch heute noch in weiten Teilen aktuell. Damals beklagten die Verfasser, die Kriminologie in Deutschland stehe ihrem Umfang nach anderen Ländern nach. Sie argumentierten, die Kriminologie gewinne für Gesetzgeber und Gerichte immer größere Bedeutung, weil Strafmaßnahmen individueller auf den Täter zugeschnitten werden und eben das die »genauere Kenntnis der Täterpersönlichkeit und der individuellen kriminogenen Faktoren erfordert«.

Zwar findet sich die Stelle zwei Jahre später im Haushaltsplan des Landes. Die Besetzung gestaltete sich aber schwierig, weil es kaum »psychologisch-medizinisch arbeitende Kriminologen« gibt. Erst mit dem Juristen und Psychiater Hans Göppinger gelang im Jahr 1962 eine adäquate Besetzung. In der Berufungsverhandlung hatte er die Einrichtung des Instituts für Kriminologie durchgesetzt, des ersten in Deutschland.

Die Gründungsurkunde des IfK ist nach Kinzigs Recherche lediglich ein Vermerk - rechtlich ein Erlass, wie er anmerkt - unter dem Anschreiben des Großen Senats an das Ministerium. Unter dem Aktenzeichen »H 5702/1« steht dort lapidar: »Dem Antrag wird zugestimmt. Stuttgart, den 10. August 1962 Kultusministerium Baden-Württemberg im Auftrag.«

Prodekan der Juristischen Fakultät Professor Stefan Thomas hebt hervor, dass die Kriminologie eine selbstständige Erfahrungswissenschaft ist. Das Institut verdanke seine Bedeutung der Weitsicht der damaligen Kollegen. Auch heute müsse sich das Institut aktuellen Themen stellen, etwa der Frage, wie Unternehmensführer zu verantwortlichem Handeln gebracht werden können. Der Heidelberger Professor Dieter Dölling bescheinigt dem Institut für Kriminologie (IfK) eine hohe Strahlkraft. »Wenn es heute in Deutschland eine gute kriminologische Forschung gibt, ist das mit Sicherheit Tübingen zu verdanken.«

Winnenden und die Folgen

Das IfK hatte bislang drei Leiter. Zentraler Forschungsschwerpunkt des ersten Institutsdirektors Professor Hans Göppinger (1962 bis 1986) war die interdisziplinäre Untersuchung von Tätern. Die »Tübinger-Jungtäter-Vergleichsuntersuchung« (TJVU) schaffte mit Einzelfalluntersuchungen sowie statistischen Erhebungen Grundlagenwissen. Doch von der linkspolitischen Bewegung der 60er- und 70er-Jahre wurde diese Täterforschung infrage gestellt. Göppingers Nachfolger Professor Hans-Jürgen Kremer (1986 bis 2011) setzte die TJVU mit einer Folgeuntersuchung fort und weitete den Forschungsbereich aus, unter anderem auf Bereiche der Mehrfachtäteruntersuchung, Delinquenzabbruch und Rückfalluntersuchung. Ein wichtiges Thema war auch der Täter-Opfer-Ausgleich. Das geschaffene Wissen fand Eingang in die Praxis.

Seit 2011 hat Professor Jörg Kinzig die Leitung des IfK übernommen. Mitarbeiter des Instituts stellen auf der Tagung zum Jubiläum drei aktuelle Forschungsprojekte vor, darunter auch die Tübinger Sicherheitsstudie. Anlass für sie war der Amoklauf von Winnenden. Untersucht wird darin die Sicherheit an der Uni Tübingen. Im Jahr 2010 wurden demnach 199 Straftaten bei der Polizei unter dem Stichwort Universität erfasst. In einer Online-Befragung meldeten sich unter anderem acht Personen als Opfer von Raub, zwölf mit Körperverletzungen und 57 Opfer sexueller Belästigung.

Ein anderes Projekt befasst sich mit den Lebenslagen von jugendlichen Strafgefangenen. Dabei zeigt sich, dass immer mehr arme und sozial benachteiligte Jugendliche straftatgefährdet sind und dass der Anteil der Insassen mit Drogenproblemen von 48 auf 58 Prozent gestiegen ist. (GEA)

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