Gesundheit - Tübinger Kompetenzzentrum für Essstörungen will Behandlung mit innovativen Therapien optimieren

Tübinger helfen, wenn die Torte zur Bedrohung wird

VON INES STÖHR

TÜBINGEN. Essstörungen nehmen in Deutschland zu. Als ernste Erkrankung können sie die körperliche und psychische Gesundheit nachhaltig schädigen. Unter dem Titel »Innovative Versorgungskonzepte bei Essstörungen - regional und international« hat das Kompetenzzentrum für Essstörungen in Tübingen (KOMET), eines der international führenden Behandlungszentren für Essstörungen, kürzlich eine Fortbildungsveranstaltung organisiert. Dort wurden neue Erkenntnisse ausgetauscht und aktuelle Therapieformen vorgestellt.

Essstörungen nehmen zu. Ein großes Problem ist die fehlende Einsicht.
Essstörungen nehmen zu. Ein großes Problem ist die fehlende Einsicht. FOTO: dpa
Vor zehn Jahren hat Professor Stephan Zipfel, Ärztlicher Direktor des Zentrums und der Abteilung Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Tübinger Uniklinik, die weltweit größte Behandlungsstudie mit Magersüchtigen initiiert und vor Kurzem erfolgreich abgeschlossen. Da geht es vor allem darum, mit innovativen Therapieangeboten die Behandlung zu optimieren, sagt der Wissenschaftler.

?Welche Erkenntnisse hat man in den vergangenen Jahrzehnten über Essstörungen gewonnen? »Man weiß inzwischen besser, wie beispielsweise die Neurobiologie funktioniert«, sagt Zipfel. So spiele bei etlichen Essstörungen das Belohnungsprinzip eine wichtige Rolle. »Aktuelle Studien zeigen, dass Bilder von hochkalorischen Nahrungsmitteln wie eine Torte bei Patientinnen mit einer Magersucht eher eine Bedrohung bedeuten, während die gleichen Bilder bei Essgestörten mit einer Bulimie oder einer Binge-Eating-Störung als Belohnungsreiz empfunden werden.« Für Magersüchtige sei dagegen die sportliche Aktivität positiv besetzt und wirke als Belohnung.

Während Auslöser für die Entstehung der Krankheit zumeist in einer Therapie gemeinsam herausgefunden werden könne, sei vor allem die Frage, warum die Betroffenen mit dem krankhaften Essverhalten nicht mehr aufhören können, deutlich schwieriger zu beantworten. »Die Betroffenen zeigen häufig einen sozialen Rückzug und drohen weiter zu vereinsamen«, sagt Zipfel. »Mit der Konsequenz, sich noch mehr nur noch mit der Essstörung zu beschäftigen.«

Je länger die Krankheit unbehandelt bleibt, desto schlechter ist die Chance auf Genesung. Nach zehn Jahren Magersucht geht es zum Beispiel zumeist nur noch darum, besser mit der Krankheit zu leben und zu überleben. »Deshalb ist die Früherkennung extrem wichtig«, so Zipfel. Dazu sei unter anderem eine breite Aufklärung schon in der Schule über die Störungen notwendig. Dort müsse es auch eine Sensibilisierung von Vertrauenslehrern und Schulsozialarbeitern geben.

? Warum erkranken Menschen an Essstörungen?

»Die Motive, warum zumeist junge Frauen eine Magersucht entwickeln, haben sich über die Jahre verändert«, sagt der Forscher. »Aber der Wunsch nach einem scheinbar idealen Aussehen, das von Werbung und Medien geprägt wird, ist nicht das alleinige Problem.« Auch familiäre Gründe und psychologische Faktoren wie ein geringes Selbstwertgefühl oder ein zu stark ausgeprägter Perfektionismus, seelische oder körperliche Traumata oder Verletzungen können diese vielschichtige Krankheiten auslösen. In der Regel sind es mehrere Faktoren, die zusammenkommen. Vor allem die Magersucht kann lebensgefährlich werden. Bei Mangel- und Fehlernährung kann es zu schweren Organschäden bis hin zum Tod kommen. Sie ist daher die psychosomatische Krankheit mit der höchsten Sterblichkeitsrate.

Mit dem Hungern werden Gefühle unterdrückt, Autonomie und Kontrolle ausgelebt und die sexuelle Entwicklung in der Pubertät eingefroren. Selbstbewusstsein und ein gesundes Körpergefühl machen dagegen vor allem junge Menschen weniger anfällig für Essstörungen. »Obwohl wir über die vergangenen Jahre viel beforscht und gelernt haben, sind wir von einem umfassenden wissenschaftlichen Verständnis der Essstörung noch weit entfernt«, gesteht Zipfel.

?Welche innovativen Therapieansätze gibt es? Die Zentralisation an Kompetenzzentren dient der Verbesserung der Behandlungsqualität in der Verbindung zwischen Körper und Psyche, so der Wissenschaftler. »Außerdem wurden in einem innovativen Projekt hier in unserer Region für den Kinder- und Jugendbereich Behandlungslotsen eingeführt, die den Betroffenen mit der Entwicklung eines Gesamtbehandlungsplans durch den Behandlungsdschungel helfen.« Sie leisten auch Hilfe bei der Überwindung einzelner Hürden. »Falls es der körperliche Zustand und das psychische Befinden der Patienten zulassen, sollte der Umgang mit alltagsrelevanten Dingen in einer Tagesklinik oder in einer ambulanten Behandlung erlernt werden.« Unter anderem bei der Frage: Was kann ich tun, wenn es mir nicht gut geht? »Auch Neue Medien wie Videolernspiele finden Anwendung, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen mit Übergewicht. Allerdings müssen sich die Betroffenen hierbei dann auch körperlich aktiv durch eine virtuelle Lernumgebung navigieren.«

?Was macht eine wirksame Therapie aus?

Während die Patienten in einer Fachklinik während des stationären Aufenthalts meist gut zurechtkommen, da dort die Therapie intensiv und die Gruppendynamik hilfreich ist, wird es dann zu Hause wieder schwierig, und viele kehren zu alten Gewohnheiten zurück. Zumal die Angehörigen vorher häufig zu wenig in die Therapie eingebunden sind, kritisiert Zipfel. »Die Behandlung muss erreichen, dass alle gemeinsam an Lösungen arbeiten.« Und dass die Patienten lernen, ihren Körper nach der Gewichtsnormalisierung zu akzeptieren und diesen wieder positiv einzuschätzen. Dazu ist nach der stationären Behandlung eine engmaschige ambulante Betreuung notwendig. Ein großes Problem ist aber oft die weiterhin fehlende Einsicht der Patientinnen: »Sie erleben die Essstörung häufig als Lösung ihrer Probleme und nicht als Krankheit.« (GEA)

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