Umwelt - Die Tübinger Foodsharing-Initiative bewahrt jede Woche rund 240 Kilo Lebensmittel vor der Tonne

Tübinger Foodsharing-Initiative rettet Lebensmittel

VON INES STÖHR

TÜBINGEN. Der Roggen-Brotlaib macht einen appetitlichen Eindruck, und auch die Orangen sehen sehr gut aus. Bei einer Aktion auf dem Holzmarkt fragten Vertreter der Tübinger Foodsharing-Initiative kürzlich Passanten nach Unterschieden zwischen Lebensmitteln in einer Mülltonne und in einem Einkaufswagen. Während der eine Teil entsorgt werden sollte, stammte der andere Teil aus dem Verkauf. Ein Unterschied war jedoch kaum festzustellen. »Der Salat sieht nicht mehr ganz so frisch aus«, stellte eine ältere Dame fest, nahm ihn aber trotzdem gerne mit. Ebenso wie eine Honigmelone.

Vertreter der Tübinger Foodsharing-Initiative bei einer  Aktion auf dem Holzmarkt anlässlich des fünfjährigen Bestehens der Gruppe (von links): Kristin Maurer, Annette Sandkötter, Maren Reinhardt, Julia Wagner und Jens Lerch.
Vertreter der Tübinger Foodsharing-Initiative bei einer Aktion auf dem Holzmarkt anlässlich des fünfjährigen Bestehens der Gruppe (von links): Kristin Maurer, Annette Sandkötter, Maren Reinhardt, Julia Wagner und Jens Lerch. FOTO: Ines Stöhr
Lebensmittel werden häufig weggeworfen, wenn sie den Ansprüchen der Verbraucher nicht mehr genügen oder das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) überschritten haben, weiß Raika Slomma. Sie ist Betriebsverantwortliche der Tübinger Initiative, die sie aus Berlin kommend vor einem Jahr wiederbelebt hat.

Kooperation mit zehn Betrieben

Zehn Tübinger Betriebe überlassen ihre aussortierte Ware den ehrenamtlichen Lebensmittelrettern. Vor allem Produkte, bei denen die Mindesthaltbarkeit abgelaufen ist, werden oft nicht mehr verkauft. Da es sich um ein Mindesthaltbarkeits- und nicht um ein Verfallsdatum handelt, ist die Ware in der Regel aber auch - zum Teil lange - nach dem angegebenen Datum noch verzehrbar. In Industriestaaten wären rund 40 Prozent der entsorgten Lebensmittel noch bedenkenlos genießbar. Produkte mit abgelaufenem MHD dürfen daher weiter verkauft werden, sofern der Verkäufer sich davon überzeugt hat, dass sie einwandfrei sind.

»Es ist schön, mit anderen zusammen etwas Gutes zu tun und dafür zu sorgen, dass weniger weggeworfen wird«, sagt Jens Lerch. Überwiegend junge Leute machen von dem Angebot der kosten-losen Lebensmittel Gebrauch, weiß der Krankenpfleger, der selbst kaum noch Geld für Lebensmittel ausgibt. Dadurch würde er eine Menge sparen. Aber auch »die typische schwäbische Hausfrau« kommt vorbei. Nur ältere Männer fehlen unter den Nutzern. Stammkunden in der Abholstelle in der Schellingstraße sind auch Bewohner aus dem benachbarten Flüchtlingsheim, sagt Kristin Maurer. Julia Wagner erzählt, dass sie in Uniseminare oft gerettetes Obst und Gebäck mitbringt. Sie erntet jedes Mal Erstaunen über die einwandfreie Qualität der Lebensmittel, die eigentlich zur Entsorgung bestimmt waren.

Neue Abgabestellen gesucht

Auch Anna Neusel holt sich regelmäßig Foodsharing-Produkte an der Abgabestelle in der Münzgasse. Sie verarbeitet dann Brezeln vom Vortag zu Semmelknödeln und angeschlagenes Obst zu Saft oder Marmelade. Der 29-Jährigen gefällt der Nachhaltigkeitsgedanke. Seit der Schulzeit beschäftigt sie sich mit dem Thema. Ziel der Initiative ist es, die Lebensmittelverschwendung weiter zu reduzieren. Am besten wäre es, wenn es in den Supermärkten nichts mehr abzuholen gäbe, weil dort nichts mehr weggeworfen wird, sagt Neusel.

Die Lebensmittelretter sind immer auf der Suche nach Orten, an denen die Lebensmittel weitergegeben werden können. Erst kürzlich wurde eine Verteilstelle in Mössingen eingerichtet. Vor allem auch in Reutlingen sollen ein paar Standorte entstehen. Über 200 sogenannte Foodsaver gehören der Tübinger Initiative mittlerweile an. Sie retten jede Woche etwa 240 Kilogramm Lebensmittel vor der Tonne, indem sie wöchentlich 20 aussortierte Ladungen bei ihren Kooperationspartnern abholen. (GEA)

Foodsharing

Foodsharing bedeutet zu vermeiden, dass genießbare Lebensmittel in der Mülltonne landen, indem man sie weitergibt und mit anderen teilt. Die Initiative »Foodsharing Tübingen« des Vereins Foodsharing gibt es seit fünf Jahren. Erst kürzlich wurde sie von den Stadtwerken Tübingen mit dem Umweltpreis 2017 ausgezeichnet.

Fair-Teiler sind Orte, an denen gerettete Lebensmittel weitergegeben und fair-teilt werden können. Sie stehen allen Menschen offen: Jeder darf dort Lebensmittel mitnehmen oder abgeben. In Tübingen gibt es folgende Stellen: Münzgasse 13Schellingstraße 6Ludwigsstraße 15 sowie Reinigung Nobel, Jakobsgasse 6 und Blumen Hamm, Dorfackerstraße 6 in Lustnau.

tuebingen@lebensmittelretten.de

Das könnte Sie auch interessieren
Regionen

Wählen Sie Ihre Region

Karte mit einzelnen Regionen Tübingen Reutlingen Pfullingen Eningen Lichtenstein Über der Alb Neckar und Erms
Mitarbeiter gesucht!
  • Stellenanzeigen werden geladen...


Winterzeit

Promi-Auflauf beim Deutscher Filmball in München

Komiker Bülent Ceylan macht sich locker. Foto: Matthias Balk

München (dpa) - Es war eine Hommage an die wohl be... mehr»

SPD-Spitze geht auf GroKo-Skeptiker zu

Gefüllte Stuhlreihen beim SPD-Sonderparteitag in Bonn. Foto: Oliver Berg

Bonn (dpa) - Auf Drängen der GroKo-Skeptiker in de... mehr»

Tränen im TV-Dschungel - die Quoten bröckeln

Model Tatjana Gsell im Dirndl 2013 in München. Sie ist eine Kandidatin des diesjährigen RTL-Dschungelcamp. Foto: Felix Hörhager

Berlin (dpa) - Wenn Tränen wie Dünger wirken könnt... mehr»

Kollegen gehen auf Distanz zu Woody Allen

Woody Allen 2015 beim Filmfestival in Cannes. Foto: Tristan Fewings

Los Angeles (dpa) - In seinen Filmen spielt Woody ... mehr»

Aktuelle Beilagen