EU-Projekt - Damit die Kabine größer wirkt: Wissenschaftler erforschen, wie Störendes ausgeblendet werden kann

Tübinger erforschen Flugkomfort der Zukunft

Von Joachim Kreibich

TÜBINGEN. »Das kennt fast jeder«, weiß Mirabelle D’Cruz. »Nach langem Warten sitzt man endlich im Flugzeug. Der Sitz ist schmal, der Fußraum eng. Die Nachbarn belegen die Armlehnen. Als wäre das noch nicht unangenehm genug, beginnt in der Reihe davor ein Kleinkind zu schreien.« Die Wissenschaftlerin der Uni Nottingham macht geplagten Passagieren Hoffnung. Forscher arbeiten daran, ihnen zwar nicht mehr Platz zu verschaffen, aber trotzdem ein entspannteres Gefühl zu geben.

Der Test-Teilnehmer sitzt in der geschlossenen Kapsel des Simulators und glaubt zu fliegen. Auf dem Computer-Schirm am Regiepult sind die Strandlandschaften zu sehen, die ihm via Brille gezeigt werden. Der Effekt: Die Zeit scheint schneller zu vergehen, der Passagier ist viel entspannter.  GEA-FOTO: PACHER
Der Test-Teilnehmer sitzt in der geschlossenen Kapsel des Simulators und glaubt zu fliegen. Auf dem Computer-Schirm am Regiepult sind die Strandlandschaften zu sehen, die ihm via Brille gezeigt werden. Der Effekt: Die Zeit scheint schneller zu vergehen, der Passagier ist viel entspannter. FOTO: Uschi Pacher
D’Cruz und ihre Kollegen entwickeln Illusionen. Sie wollen die störende Umgebung ausblenden und den Leuten den Eindruck vermitteln, sie säßen wirklich bequem. Ihr vor zwei Jahren begonnenes Projekt läuft unter dem Titel »Virtuelle Realität Hyperspace«. Ein Teil der Ergebnisse wurde gestern in Tübingen und Stuttgart erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt.

Einiges funktioniert nach dem Prinzip: Man sieht mehr Platz und hat das Gefühl, das sei tatsächlich so. »Die virtuelle Realität macht das Fliegen angenehmer«, sagt D’Cruz. Heinrich Bülthoff, Direktor des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik (MPI), verweist darauf, dass Test-Teilnehmer den Raum als größer wahrnehmen, wenn ihnen die virtuelle Welt suggeriert, sie selber seien kleiner.

Im Cyberneum des Tübinger MPI war am Donnerstag alles bereit für die Demonstration. Ein Flug-Simulator mit Roboterarm und Kapsel macht’s möglich. Der Testkandidat steigt hinein, schnallt sich an, setzt Kopfhörer auf und eine Art Brille.

Wie Schweben über Palmwipfeln

Als die Maschine startet, erklingt Meeresrauschen. Die Brille registriert jede Kopfbewegung und erlaubt freie Sicht auf ein idyllisches Eiland mit Lagune, Sandstrand und Palmen, über das der Passagier scheinbar hinwegschwebt. Blickt er an sich hinab, sieht er gut gebräunte Beine in Shorts und Turnschuhen. Er sitzt keineswegs beengt in einem Flugzeug, sondern lümmelt ganz allein auf einem fliegenden Teppich.

Wer von draußen zuschaut, sieht moderate Bewegungen des Roboterarms und der Kapsel vor und zurück sowie minimal gekippt. Nichts Aufregendes. Der Passagier drinnen glaubt hingegen Kurven zu fliegen, über die Palmwipfel zu gleiten und will gerade ins Schwärmen geraten, als die Regie ihn durch Turbulenzen schickt und ihm ein wenig flau im Magen wird. Alles sehr realistisch.

Strandszenen am beliebtesten

Betty Mohler, Leiterin der Forschungsgruppe »Raum und Körperwahrnehmung«, weiß: Strandszenen stehen bei den meisten Leuten an erster Stelle, wenn sie nach Idylle und Entspannung gefragt werden. Gleich dahinter auf Platz zwei: Berg-Panoramen. Die Tübinger Forscher wollen nicht nur herausfinden, welche Vorstellungen das Fliegen angenehm machen, sondern auch, ob diese einen positiven Effekt gegen Reiseübelkeit bewirken – daher das Rütteln und die Turbulenzen.

Das Fraunhofer Institut in Stuttgart ist die Sache etwas anders angegangen. Dort hat man eine Flugzeugkabine entwickelt, bei der die Außenhaut und der Innenraum virtuell transparent geschaltet werden können. Die Kabine besteht nahezu komplett aus Display–Flächen. Projektoren lassen Bilder an den Kabinenwänden erscheinen. Im Boden sind Flachbildfernseher verbaut, und auch die Rückenlehnen der Sitze bestehen aus Displayflächen.


Gläsernes Flugzeug?

»Hier ist nun nahezu jede Szene darstellbar«, sagt Matthias Bues. Vielleicht möchte man das Fliegen voll auskosten durch freie Sicht auf die Landschaft wie in einer gläsernen Kabine? Bei Höhen- oder Flugangst kann die Displayfläche beispielsweise einen Bachlauf im Wald abbilden. »Erste Untersuchungen zeigen bereits, dass Probanden eine unkomfortable Situation mit den beschriebenen Szenarien länger ertragen können und die Zeit scheinbar schneller vergeht.«


Wann das alles Standard in Flugzeugkabinen sein wird? Die Wissenschaftler sind vorsichtig mit Prognosen. Markus Leyrer, der in Eningen lebt und am MPI seine Doktorarbeit macht, nennt das Jahr 2050 – aber so genau kann das niemand sagen. MPI-Direktor Bülthoff betont, dass die beteiligten Industrie-Unternehmen wie Airbus und Thales Alenia Space großes Interesse an der Realisierung zeigen.

Bülthoff selbst ist mit Zukunfts-Szenarien bestens vertraut. Im ebenfalls EU-geförderten Projekt Mycopter erforscht er, ob es fliegende Autos geben kann. Der Verkehr der Zukunft: ohne Straße, ohne Stau? (GEA)

www.vr-hyperspace.eu

Projekt Hyperspace


Bei VR-Hyperspace haben sich neun europäische Partner zusammengetan: Die Unis Nottingham, Barcelona und Weimar, Forschungsinstitute wie das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart, das Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik Tübingen, das finnische VTT (Valtion Teknillinen Tutkimuskeskus) und das griechische Institute of Communications and Computer Systems sowie die Unternehmen Airbus und Thales Alenia Space Italia (Satelliten und Raumfahrttechnik). Für das Projekt wurden 4,6 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, 3,4 Millionen davon steuert die Europäische Union bei. Die Forscher sind bereits in der Endphase. Bis Oktober 2014 soll es abgeschlossen sein. (-jk)

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