Ausstellung - Ballett im Tübinger Stadtmuseum

Tanz während der NS-Zeit

TÜBINGEN. »Wir haben weitergetanzt, bis die Bomben fielen, dann mussten wir schnell in den Keller«, erzählt Christa Steyer, die als Ballerina den Zweiten Weltkrieg miterlebt hat. Sie ist eine der Zeitzeugen, auf deren Berichten die Miniatur-Ausstellung in der Straßenvitrine am Stadtmuseum beruht. Die andere Zeugin wurde durch ihren Sohn Viktor Randolf Munteanu vertreten. Seine Mutter Yvonne von Solti ist verstorben.

Auszubildende des Internationalen Zentrums für Tanz (InzTanz) haben die Schau in Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseum Tübingen und den Zeitzeugen erstellt. Sie ist Teil ihrer Berufsausbildung im Bühnentanz.

Korrumpierung des Tanzes

Die Ausstellung geht sowohl auf die Erzählungen und Biografien der Zeitzeugen ein als auch auf die aktuelle Forschung zum Thema Tanz in der NS-Zeit. Die Vitrine ist deshalb in mehrere Ebenen aufgeteilt. Auf dem Boden der Vitrine steht ein Koffer – Christa Steyers wichtigster Besitz: »Darin waren meine Tanzschuhe und Essensmarken.« So hatte sie das Wichtigste sofort parat. »Ihr Beruf war ihr letzter Halt«, meint auch Munteanu. »Meine Mutter hat sogar zwei Diktaturen überlebt«: die NS-Diktatur und die rumänische Diktatur, weil sie nach dem Krieg dahin emigriert war.

Die Erzählungen der beiden Frauen zeichnen ein Bild von der Korrumpierung des Tanzes durch die Politik, aber sie zeigen auch, wie der Tanz ihnen Hoffnung gab und half zu überleben.

1945 tanzte Steyer an der Berliner Staatsoper vor, die damals in den Admiralspalast umziehen musste. Sie bekam ein Engagement und hatte dadurch Vorteile wie gehobene Lebensmittelmarken und warmes Wasser. »Wer diese Zeit nicht miterlebt hat, kann sich das gar nicht vorstellen«, sagt sie. Trotzdem gab es Zeiten, in denen sie hungern musste. »Aber wenn man unbedingt tanzen wollte und ehrgeizig war, hat man es geschafft.« Einmal habe sie ein Weißbrot in der Sonne getrocknet, damit es nicht mehr so gut schmeckt und sie es deshalb langsamer aß.

Die Infoblätter in der Vitrine geben einen wissenschaftlichen Einblick in die Grundlagen des Tanzes, dessen Funktion in der NS-Zeit und das Schicksal jüdischer Tänzer. Dazu wird auf die Biografien und Erzählungen der Zeitzeugen eingegangen. So verbindet die Ausstellung, die bis 28. September zu sehen ist, Subjektives mit Objektivem. (pat)



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