Aleppo - Syrischer Archäologe setzt sich noch im Exil für die Rettung des Weltkulturerbes seines Heimatlands ein

Syrer kämpft im Exil für die Rettung des Weltkulturerbes

VON MILENA OTTE

TÜBINGEN/GOMARINGEN. »Syrien ist ein kleines Land, aber seine strategisch gute Lage prägte die Vergangenheit und machte das Land zu einem der wichtigsten Orte in der Erforschung der Menschheitsgeschichte.« Mit ruhiger Stimme und sehr bedacht erzählte Youssef Kanjou im Sitzungssaal des Tübinger Landratsamts mit vielen Bildern die Geschichte seines Heimatlandes Syrien.

Foto: Otte
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Trotz seines gefassten Auftretens merkte man dem Archäologen an, wie stolz er auf die lange Geschichte und kulturelle Bedeutung seines Landes und vor allem seines ehemaligen Arbeitsorts Aleppo ist. Hier arbeitete er 15 Jahre lang im Nationalmuseum als Direktor und Archäologe.

Jetzt spricht er auf Englisch und Arabisch dort, wo sonst die Kreisräte das Wort haben. Sein Vortrag ist ein Beitrag in der Reihe »Refugees' Homelands«. Hier haben geflüchtete Menschen die Möglichkeit, ihr Heimatland zu präsentieren und zu zeigen, aus welcher Kultur sie kommen.
»Wer syrische Geschichte erforscht, der erforscht Menschheitsgeschichte«
 

Youssef Kanjou schätzt Aleppo als die älteste dauerhaft besiedelte Stadt der Welt ein. Der Name tauche erstmals 3 000 v. Chr. auf und auch im Osmanischen Reich habe die damals drittgrößte Stadt nach Konstantinopel und Kairo eine wichtige Rolle gespielt, so Kanjou. »Wenn wir hier Dorffeste feiern, weil wir auf ein paar Jahrhunderte zurückblicken können, sind wir schon extrem stolz«, machte Kreisarchivar Wolfgang Sannwald die lange Geschichte deutlich.

Vor einem Jahr kam Kanjou nach Deutschland. Nachdem er Syrien verließ, zog er zuerst nach Japan. Jetzt lebt er mit seiner Frau und seinen fünf Kindern in Gomaringen. Ermöglicht wurde ihm die Einreise durch das Institut für die Kulturen des Alten Orients an der Uni Tübingen und die Gerda Henkel Stiftung. Das Institut setzte sich schon vor dem Krieg dafür ein, syrische Archäologen für die akademische Ausbildung nach Tübingen zu holen, damit diese ihr Fachwissen nach dem Studium in Syrien wieder einbringen können.

»Wer syrische Geschichte erforscht, der erforscht Menschheitsgeschichte«, verdeutlicht Kanjou, wie wichtig der Erhalt archäologischer Stätten für die Wissenschaft ist. Insgesamt 10 000 solcher Stätten gibt es, und etwa hundert archäologische Forschungsmissionen, auch mit Beteiligung aus Deutschland und Tübingen, wurden jedes Jahr in Syrien durchgeführt. Seit dem Beginn des Krieges mussten viele Forschungen jedoch unterbrochen werden.

Im Januar besuchten Mitarbeiter der Unesco Kanjous ehemaligen Arbeitsort Aleppo, um die aktuelle Situation einzuschätzen. Demnach sind 60 Prozent der Stadt teilweise, 30 Prozent komplett zerstört. Die Generaldirektorin der UN-Organisation, Irina Bokova, hatte im März nach der zweiten Besetzung der Oasenstadt Palmyra im Zentrum von Syrien durch den sogenannten Islamischen Staat, noch einmal dazu aufgerufen, die archäologischen Stätten zu sichern und die Anstrengungen, das syrische Kulturerbe zu schützen, zu verdoppeln. Palmyra gehört seit 1980 zum Weltkulturerbe.
»Wir haben ein StückGeschichte fürimmer verloren«
 

Um ein Bewusstsein zu schaffen für die historische Bedeutung Syriens setzt der Archäologe unter anderem auf Aufklärung. Mit seinem Buch »A History of Syria in one Hundred Sites« möchte er Syrern in ihrem eigenem Land, aber auch Menschen im Irak, Jordanien, der Türkei, Ägypten und Nordafrika ihr kulturelles Erbe näher bringen. Das Buch ist auf Englisch und Arabisch erhältlich und beinhaltet Artikel von über hundert Autoren mit unterschiedlichen politischen Ausrichtungen.

Ob es möglich sei, die Gebäude wieder aufzubauen, fragt eine Besucherin, nachdem Kanjou Bilder von dem zwölf Hektar großen Bazar in Aleppo gezeigt hat. Zuerst Bilder, wie der Bazar vor dem Krieg aussah und dann, nachdem er zerstört wurde. Kanjou befürchtet, dass das bei den fast komplett zerstörten Gebäuden kaum möglich ist. »Wir haben ein Stück Geschichte für immer verloren. Es ist nur möglich, die Stätten nachzubauen, aber nicht, sie wieder aufzubauen«, bedauert der Archäologe. (GEA)

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