Tübingen
Solarenergie - Tübingen engagiert sich stark für Fotovoltaik. Genossenschaft als Alternative zu eigenen Modulen

Strom von fremden Dächern

Von Brigitte Gisel

TÜBINGEN. Was zahlt sich denn jetzt noch aus: Das eigene Dach per Fotovoltaik zum Stromproduzenten machen? Oder die Sonne lieber Warmwasser für Dusche oder Heizung wärmen lassen? Für den Klimaschutz beides. Für den Dachbesitzer lässt sich das so leicht nicht sagen. Auch Bernd-Thomas Hamm, der Leiter der Klimaagentur Tübingen, hat keine Zauberformeln parat. Nachdem die Einspeisevergütung für Fotovoltaik gesunken ist und der Bund nur noch Solarthermie-Anlagen fördert, die auch die Heizung unterstützen, hängt jetzt noch stärker von Standort, Dachneigung und Größe der Fläche ab, ob sich eine Investition in Solarenergie rechnet.

Es muss nicht immer ein Dach sein: An der Paul-Horn-Arena wurden die Fotovoltaik-Module an der Wand montiert. GEA-ARCHIVBILD: PACHER
Es muss nicht immer ein Dach sein: An der Paul-Horn-Arena wurden die Fotovoltaik-Module an der Wand montiert. FOTO: Uschi Pacher
Aber: »Fotovoltaik ist ein Käufermarkt«, sagt Hamm. Stimmen die Rahmenbedingungen, sind die Anlagen weiter lukrativ, sagt er. Das liegt mal wieder an den Asiaten. Zwar ist in Deutschland die Einspeisevergütung von 2004 bis Anfang 2012 von 57,4 auf 24,4 Cent pro Kilowattstunde gesunken. Gleichzeitig ging aber der Preis für eine Aufdach-Fotovoltaikanlage mit einer Nennleistung bis 100 kW von 2006 bis 2011 um 56 Prozent zurück. In die private Kalkulation mit eingehen darf ruhig auch der Anstieg der Energiekosten in den vergangenen zehn Jahren: Heizöl plus 60 Prozent, Erdgas um 61 und Strom um 56 Prozent.

Ein Dach versorgt 46 Haushalte

Wer die Sonne für sich als Stromerzeuger nutzen möchte, braucht dazu aber nicht zwingend ein eigenes Dach. Fotovoltaik ist in Tübingen auch Baustein kommunaler Klimapolitik - nicht erst seit Ende Dezember die Bürger-Energie-Tübingen (BET) auf dem Dach des Materiallagers der Stadtwerke eine Anlage in Betrieb nahm, die 46 Vierpersonenhaushalte rund um die Uhr mit Strom versorgen kann. Die bislang größte Anlage im Tübinger Stadtgebiet erreicht auf über 4 700 Quadratmetern eine Leistung von 204 kWpeak. Sie kann pro Jahr 184 000 Kilowattstunden Strom erzeugen und dabei 165 Tonnen CO2 einsparen. Die Genossenschaft BET wurde innerhalb von gut zwei Jahren mit 270 Mitgliedern und 1,9 Millionen Euro Genossenschaftskapital zu einer der größten Bürgersolargenossenschaften des Landes. Zeitweise hatte sie sogar ein Luxusproblem: Mehr Geld als Dächer.



In Tübingen hat sich allein von 2003 bis 2009 die Menge des eingespeisten Stroms aus Fotovoltaik verzehnfacht. Ende 2011 gab es im Stadtgebiet 618 Anlagen mit einer Gesamtleistung von über 7 157 kWpeak im Netz der Stadtwerke. Tendenz stark steigend.

Im Zuge der Klimaschutzkampagne »Tübingen macht blau« richtete die Stadt seit 2008 zunächst eine Solardachbörse ein, für die die Kommune geeignete städtische Dächer kostenlos zur Verfügung stellte. Bis März 2011 wurden so 28 Anlagen mit einer Leitung von 765 kWpeak installiert. In den vergangenen Jahren waren es meist Schuldächer, aber auch das Feuerwehrhaus in Weilheim wurde so zum Stromproduzenten.

Anders als bei Schulprojekten, wo sich meist Eltern zu privatwirtschaftlichen Gesellschaften zusammenschließen, steht die Genossenschaft Bürger-Energie Tübingen jedem offen - falls nicht gerade Aufnahmestopp herrscht. Geschäftsanteile beginnen bei 500 Euro. »Wir haben das so kalkuliert, dass die Oma dem Enkel einen Anteil zu Weihnachten schenken kann«, sagt Tübingens Umweltbeauftrager Bernd Schott.

Auch den Wind im Blick

Die sieben Anlagen der BET beschränken sich nicht aufs Stadtgebiet: Neben einer Anlage in Nehren ging im Dezember eine weitere auf Dächern der Reha-Klinik in Bad Sebastiansweiler mit knapp 69 KWpeak Spitzenleistung in Betrieb, außerdem ist die BET an der Fotovoltaik-Anlage auf der ehemaligen Hechinger Deponie beteiligt. Und Stadtwerke und BET haben schon wieder ein neues Großprojekt im Blick: Auf einer Erddeponie bei Horb ist eine neue Anlage mit drei Megawatt Leistung geplant.

Bürgersolaranlagen an sich sind indessen keine Tübinger Besonderheit. Auch in Gomaringen und Dußlingen haben sich Menschen zusammengeschlossen, um gemeinsam die Sonne als Stromproduzentin zu nutzen. In Mössingen erzeugt eine genossenschaftliche Anlage auf dem Dach des Quenstedt-Gymnasiums pro Jahr im Schnitt 33 000 Kilowattstunden Strom.

Die BET blinzelt inzwischen nicht nur in die Sonne, sondern hört auch, wo der Wind weht, wie Wilfried Kannenberg, technischer Geschäftsführer der Stadtwerke und BET-Vorstandsmitglied bestätigt. »Wir haben aber noch kein Projekt, das so weit wäre«, sagt er. »In wirklich guten windhöffigen Gebieten«, so Kannenberg könne man sich ein Engagement in einen Windpark aber durchaus vorstellen. Kannenberg denkt dabei vor allem an den Schwarzwald. Zwar wehe der Wind auch bei Pfrondorf oder Kressbach, doch seien diese Gebiete »nicht erste Priorität«. Zudem müssten vielerorts erst einmal die Flächennutzungspläne geändert werden. (GEA)



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