Wissenschaft - Schmiedel im Gespräch mit Forschern des Hertie Instituts Tübingen. Entgegen dem Koalitionsvertrag will seine Fraktion ein Verbandsklagerecht verhindern

SPD unterstützt Tierversuche

Von Martin Schreier

TÜBINGEN. »Die SPD-Fraktion im Landtag ist überzeugt, dass die Forschung und Wissenschaft nicht ohne Tierversuche auskommt«, sagt Claus Schmiedel, Fraktionsvorsitzender der SPD im Landtag, nach einem Gespräch mit Forschern vom Hertie Institut für klinische Hirnforschung in Tübingen.

Im Gespräch: (von links) Professor Hans-Peter Thier vom Hertie Institut für klinische Hirnforschung, Uni-Rektor Professor Bernd Engler, SPD-Landtagsfraktionsvorsitzender Claus Schmiedel und die Tübinger SPD-Landtagsabgeordnete Rita Haller-Haid. FOTO: SCHREIER
Im Gespräch: (von links) Professor Hans-Peter Thier vom Hertie Institut für klinische Hirnforschung, Uni-Rektor Professor Bernd Engler, SPD-Landtagsfraktionsvorsitzender Claus Schmiedel und die Tübinger SPD-Landtagsabgeordnete Rita Haller-Haid. FOTO: Martin Schreier
Wo Versuche mit Primaten unerlässlich sind, müssten diese möglich sein. Wo Versuche mit niedrigeren Arten oder gar Computersimulationen ausreichten, müssten diese - schon allein aus Kostengründen - genutzt werden.

Zuvor hatten die Wissenschaftler dem SPD-Politiker und seiner Kollegin Rita Haller-Haid einen Einblick in einzelne Labor- und Käfigräume mit Primaten gewährt. Wie sensibel und kontrovers das Thema Tierversuche ist, zeigt sich auch im Kleinen. Fotografieren ist dort nicht erlaubt. Der Neurowissenschaftler Professor Hans-Peter Thier befürchtet, dass die Tiere in einem unglücklichen Moment abgelichtet würden und so ein falsches Bild entstünde.

Allerdings bekamen die Politiker ohnehin kaum Tiere zu sehen - und wenn, nur aus größerer Entfernung durch ein kleines Fenster in einer Tür.

Angesprochen auf den Koalitionsvertrag zitiert SPD-Mann Schmiedel lediglich, dass darin vereinbart wurde, die Zahl der Tierversuche zu verringern. Doch das ist nicht alles. Die Vereinbarung, sich »für ein Verbandsklagerecht für staatlich anerkannte Tierschutzverbände« einzusetzen, lässt er unerwähnt, obwohl gerade das Verbandsklagerecht der zentrale Anlass für das Gespräch mit den Wissenschaftlern war.

Strategie statt Ethik

Der Neurowissenschaftler Thier schildert die Auswirkungen des Verbandsklagerechts anhand eines Beispiels aus Bremen. Dort habe es dazu geführt, dass eine Forschungsgruppe sechs Jahre bis zur Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts ihre Arbeit aussetzen musste. »Das ist das Ende für eine Arbeitsgruppe, die sich international behaupten muss«, sagt der Wissenschaftler.

Seiner Ansicht nach führt das Verbandsklagerecht lediglich zum systematischen Verzögern und Verhindern von Versuchen mit Tieren. Die Vorwürfe seien immer die selben. »Wenn das Verbandsklagerecht angestrengt wird, dann nicht aus ethischen Erwägungen, sondern aus der Strategie, diese Forschung zum Erliegen zu bringen.« Firmen könnten auf solche Situationen flexibel reagieren. Die gingen dann für die Forschung nach Boston oder in ein asiatisches Land. »Staatliche Forschungslabore haben diese Flexibilität nicht«, so Thier.

Die Tübinger Universität sei nicht zuletzt wegen der auf Tierversuchen basierenden Forschung zur Excellenz-Uni aufgestiegen. In der Universitätsstadt arbeiten etwa 200 bis 300 Forscher in vier Institutionen (am Max Planck Institut für biologische Kybernetik, im Fachbereich Biologie der Universität, am Hertie Institut sowie im Zentrum für Integrative Neurowissenschaften) mit 60 bis 80 Primaten. Für Wissenschaftler, deren Arbeit von Tierversuchen abhängt, ist die mögliche Einführung des Verbandsklagerechts also ein bedrohliches Szenario.

Thier hält ein Verbandsklagerecht für unnötig. Sonst entstünde ein zu hoher bürokratischer Aufwand. Tierversuche durchliefen jetzt schon ein langes Genehmigungsverfahren, in das auch eine Ethikkommission einbezogen sei.

Der Ansicht ist auch SPD-Mann Schmiedel. Seine Sorge ist, dass die Grünen als Koalitionspartner dem Thema zu einseitig und dogmatisch gegenüberstünden. Deshalb will er mit ihnen erneut das Gespräch suchen. (GEA)



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