Tübingen
Medizin - Parkinson lässt sich nicht heilen, aber lindern: Neurologen und Neurochirurgen berichten beim Patiententag an der Tübinger Uniklinik über die tiefe Hirnstimulation

Schrittmacher fürs Hirn

VON BRIGITTE GISEL

TÜBINGEN. Die Frage kommt halb im Spaß und halb im Ernst. »Kann man da nicht einen Chip einpflanzen für die Fernsteuerung?« Alireza Gharabaghi, Professor für Neurochirurgie an der Tübinger Uniklinik, reagiert souverän. Die Sorge sei nicht ganz unberechtigt, bescheinigt er dem Fragesteller, doch »wir in Tübingen sind rechtschaffene Leute«. Patienten seien in der Neurochirurgie in besten Händen. »Die Fernsteuerung kann ihre Frau übernehmen.« Gelächter bei den rund 200 Zuhörern.

Dabei war das Thema durchaus ernst. Gharabaghi und weitere Neurologen der Tübinger Uniklinik stellten am Dienstag beim Patiententag Parkinson Behandlungsmöglichkeiten bei fortgeschrittener Erkrankung vor. Große Hoffnungen ruhen auf dem »Hirnschrittmacher«, der sogenannten tiefen Hirnstimulation. Rund 60 Patienten pro Jahr wird in Tübingen eine Elektrode ins Gehirn eingepflanzt, um Parkinson-Symptome oder ähnliche Krankheiten zu lindern.

Weltweit schon 55 000 Eingriffe

Die Methode, die seit 15 Jahren weltweit praktiziert wird, ähnelt einem Herzschrittmacher. Eine Elektrode stimuliert, millimetergenau platziert, einen Knotenpunkt im Mittelhirn und blockiert damit Areale, die für typische Krankheitssymptome verantwortlich sind. Verbunden ist die Elektrode per Kabel mit Sender und Batterie, die dem Patienten im Bereich des Schlüsselbeins unter die Haut gepflanzt wurden. Mittels eines Steuerungsgeräts, ähnlich einer Fernbedienung, wird der Schrittmacher ein- und ausgeschaltet.

Die Operation, die weltweit schon 55 000 Mal ausgeführt wurde, stoppt in vielen Fällen das für die Krankheit typische Zittern, den Tremor, und hilft gleichzeitig, die Beweglichkeit wieder herzustellen. Die Erfolge sind gut, sagt der Neurologe Tobias Wächter: »Studien aus den USA zeigen, dass das Zittern um über 90 Prozent reduziert wird.«

Der Eingriff kann das Leben von Parkinson-Patienten radikal verändern. »Wir können die Erkrankung sechs bis acht Jahre zurückdrehen«, berichtet Wächter. Doch während die Operation Tremor und schlechte Beweglichkeit lindert, ist der Effekt bei anderen Parkinson-Symptomen wie Darmproblemen, Schwindel oder Gangstörungen weniger stark. Die Operation heilt nicht, aber sie verbessert die Lebensqualität. Die meisten brauchen danach nur noch halb so viel Medikamente. »Es gibt Patienten, die gar keine Medikamente mehr benötigen«, sagt Wächter. In Tübingen wird gerade in einer Studie untersucht, ob sich die Ergebnisse verbessern lassen, wenn eine andere Hirnregion stimuliert wird.

Dennoch wissen die Ärzte, dass es Patienten nicht leicht fällt, sich für den Eingriff zu entscheiden. Sie müssen beispielsweise abwägen, ob eine Medikamentenpumpe nicht ähnlich gut hilft. »Und Zahlen sagen nichts über Gefühle aus«, weiß Gharabaghi. Der Eingriff selbst dauert vier bis sechs Stunden - der Patient spürt zwar keine Schmerzen, ist aber bei Bewusstsein. Weil Gharabaghi weiß, dass das vielen Angst macht, hat Tübingen ein eigenes Betreuungskonzept entwickelt. Patienten lernen verschiedene Entspannungstechniken und werden von einer Vertrauensperson in den Operationsaal begleitet.

Psychisch belastend

Bei bestimmten Vorerkrankungen, etwa bei Problemen mit der Blutgerinnung, raten die Ärzte vom Eingriff ab. Gharabaghi und Wächter verschwiegen auch die Risiken nicht: Bei manchen Patienten ist hinterher die Sprache etwas verwaschen, nach der Operation leiden einige unter psychischen Problemen.

»Für die Beweglichkeit ist es ein absoluter Gewinn«, erzählt ein Patient, der sich zehn Jahre nach der Diagnose eine Elektrode hat einsetzen lassen. Doch seither sei seine Sprache beeinträchtigt. Ein anderer Patient war nach der Operation begeistert: »Der Tremor war total weg.« Doch Komplikationen warfen ihn um Monate zurück. (GEA)


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