Wetter - Die Rückkehr des Winters hat den bereits blühenden Pflanzen zugesetzt. Ernteausfälle beim Obst unterschiedlich

Rückkehr des Winters: Ernteausfälle beim Obst

VON JÜRGEN MEYER

TÜBINGEN/REUTLINGEN. Es ist wie in der Landespolitik – die vorherrschende Stimmungslage schwankt zwischen Grün und Schwarz.

FOTO: Jürgen Meyer
In den zurückliegenden Frostnächten vollzog sich auch in der Natur – ohne allerdings eine Wahl gehabt zu haben – ein Wechsel der Farben: Bei vielen Obstbäumen ist der sogenannte Stempel – die miteinander verwachsenen Fruchtblätter der Blüte – nach dem überraschenden Wintereinbruch erfroren: Gesunde Exemplare sind grün, stirbt der Stempel ab, wird er schwärzlich. Wie groß und damit gravierend für die Obstbauern der Stimmungsumschwung, sprich Ernteausfall ist, muss jeder Obstbaumbesitzer bei sich selbst abschätzen. Eine Gesamtübersicht wird es erst in den nächsten Wochen geben.

Zumal viele Faktoren darüber entscheiden, ob und wie ein Baum oder Strauch den Kälterückfall überstanden hat. Wobei die Eiseskälte keinen Unterschied zwischen bereits bestäubten und noch geschlossenen Blüten macht. Je stärker der Frost, umso tiefer dringt er in die Zellen der gerade zum Leben erwachten Austriebe ein und zerstört Gewebe.

In der Vollblüte erwischt

Dabei fing alles so schön an. Nach einer mäßigen Ernte im letzten Jahr hatten die dermaßen erholten Bäume bereits Ende März damit begonnen, zu blühen. Der April lieferte einen rekordverdächtigen, weil sonnenverwöhnten Traumfrühling, an den man sich noch lange erinnern wird. Der mittlere Blühbeginn bei Kirschen lag in den letzten 40 Jahren meist um den 18. April. Dieses Jahr war die Natur gute zwei Wochen früher dran. Ebenso die Äpfel, die im Schnitt erst um den 28. April blühen, und sich nun bereits zu Ostern öffneten – fatalerweise fiel damit die Vollblüte mitten in die Rückkehr des Winters. Selbst die Spätsorten stehen gerade in der Hauptblüte, gerade mal die spät blühenden Quitten konnten dem Frost entkommen.

»Der kritische Punkt liegt bei minus drei Grad«, sagt Tübingens Kreisfachberater für Obst und Garten, Joachim Löckelt. »Ab dieser Temperatur muss man definitiv mit Frostschäden bei den Blüten rechnen. Aber auch die Fruchtknoten, die sich schon gebildet haben, beginnen bei spätestens fünf Grad unter Null abzusterben.« Das betrifft Birnen, Zwetschgen, Pflaumensorten und vor allem Süßkirschen. Der Frost schädigt auch Triebe, die eine Blütenanlage umschließen, aber noch nicht blühen. Das ist bei Gartenliebhabern der Fall, die etwa Kiwis anbauen – und natürlich bei den Weinreben.

Löckelt, der in Ohmenhausen einen Hausgarten hat, sah sich gestern konfrontiert mit »stark beeinträchtigten Rosenpflanzen. Der Rhabarber hatte sich zusammengerollt; in meinem Kräuterbeet lag das winterharte Maggikraut sichtlich geknickt am Boden.«

Hinsichtlich der Frostschäden im Streuobst macht er sich und Leidgenossen aber etwas Hoffnung: »Wir haben im Kreis eine Höhendifferenz von rund 500 Metern und damit ein unterschiedliches Kleinklima. Im Neckartal waren die Fröste nicht so streng, wie sie an ungeschützten Nordhängen oder in Senken vorkommen.« Bäume im Hausgarten profitieren überdies von der Abwärme des Wohngebäudes. Und selbst innerhalb eines Baumes gebe es ein Mikroklima, das Blüten, die »in der zweiten Reihe« sitzen, besser schütze.

Frost bildet in der Regel am Boden eine Kaltluftschicht, die bis zu anderthalb Meter hoch ist. Daher sind die oberen Partien bei Hochstämmen gegen Bodenfrost besser gewappnet. In den Regionen, wo sich aber die Kälte in Form von Schnee auf die Bäume gelegt hat, muss mit großflächigen Erfrierungen gerechnet werden.

Während der Gartenbesitzer noch die eine odere andere Pflanze mit Planen oder Vlies überdecken und gegen die Kälte schützen kann, bleibt dem Streuobstwiesenbesitzer nur die Hoffnung.

Albhochfläche mehr gefährdet

Besitzer von Obstanlagen haben die Möglichkeit ihre blühenden Baumreihen zu beregnen. Sie nutzen die wesentlichen Eigenschaften des Wassers, nämlich, dass es Energie abgibt, wenn es vom flüssigen in den festen Aggregatzustand wechselt. Durch die Vereisung wird die Temperatur im Innern, also an Knospen und Blüten, bei null Grad Celsius gehalten, und schützt die Obstbaumteile vor dem Erfrieren. Die Frostschutzberegnung funktioniert aber nur, solange Frost herrscht, ständig Wasser auf die Blüten gesprüht wird.

Löckelts Reutlinger Amtskollege Thilo Tschersich von der Grünflächenberatungsstelle des Landratsamtes hat Rückmeldungen, dass die Nachtfröste »nicht so gravierend waren, wie befürchtet.« Generell sei natürlich die Albhochfläche für Frostschäden mehr gefährdet als die Hänge im Ermstal. »Dort kann sich die Kaltluft schneller verflüchtigen. Nicht umsonst gedeihen hier die Kirschen so gut.«

Indessen bleibt erst abzuwarten, wie sich die Rückkehr der Kälte beispielsweise auf frühe Apfelsorten ausgewirkt hat. »Wir werden es daran sehen, ob und wie viele Blütenblätter in den nächsten Tagen fahl werden.« Auch er macht aber Hoffnung: »Für einen Vollertrag genügt es, wenn zehn Prozent der Blüten Früchte tragen. In ungeschützten Lagen muss man aber auch bei einer Vollblüte mit einem Vollausfall rechnen.« Erst im letzten Frühjahr haben Fröste zu einem Totalausfall der Birnenernte im Albvorland geführt. (GEA)



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