Medizin - Der Bisinger Arzt Harald Banzhaf erklärte in Gomaringen, wie's geht

Wie Sie mit Achtsamkeit Stress begegnen

VON CLAUDIA HAILFINGER

GOMARINGEN. Augen zu und auf den Atem fokussieren. »Mehr ist es eigentlich nicht«, sagt Harald Banzhaf, der jetzt im Gomaringer Schloss auf Einladung der VHS rund 50 Interessierten die Achtsamkeitsmethode näher brachte. Ein kurzer Praxistest aber zeigt schnell: So leicht ist das gar nicht. Hab ich das Auto abgeschlossen? Was mach ich zu essen, wenn ich nach Hause komme? Wann muss ich morgen den Wecker stellen?

Achtsam sein heißt, sich eine Auszeit von der täglichen  Reizflut zu nehmen. FOTO: FOTOLIA
Achtsam sein heißt, sich eine Auszeit von der täglichen Reizflut zu nehmen. FOTO:  Fotolia
Einer »renitenten Affenbande«, so der Bisinger Arzt und Achtsamkeitstrainer, gleicht unser Gehirn. Wie beim Liveticker der Nachrichtensender schieben sich permanent Gedanken ins Bewusstsein, die aufgenommen, begutachtet und bewertet werden wollen. Zwischendurch der Blick aufs Smartphone, ein paar Sekunden dem Radiosprecher gelauscht, dabei den Verkehr nicht aus dem Auge verloren und später im Kaufhaus die eine richtige Hose unter Hunderten ausgewählt.

Mit einem Reiz zufrieden

Erschwerend kommen innere Zweifler hinzu: Das ist nicht gut! Jenes könnte besser sein! Bist du dir sicher? »Neuronales Geschwätz« nennt sich das, erklärt Banzhaf. Das Resultat all dessen liegt auf der Hand: ein dauergestresster Mensch.

Das Problem: Ein Körper, der unter Stress steht, läuft auf Hochtouren. Das kann auf lange Sicht gefährlich werden. 90 Prozent aller Krankheiten, davon geht etwa der renommierte US-Biologe Bruce Lipton aus, sind stressbedingt. Das gilt für den Burnout ebenso wie für Herzkreislauferkrankungen oder Alzheimer. Kein Wunder also, dass die Nachfrage nach einem ultimativen Entstresser groß ist.

MBSR, Mindfulness Based Stress Reduction oder achtsamkeitsbasierte Stressreduktion, nennt sich eine Methode, die sich in der Medizin und Verhaltenstherapie inzwischen etabliert hat. Sogar Großunternehmen wie SAP, weiß Banzhaf, setzen auf das Konzept und trainieren Tausende Mitarbeiter darin.

Ihre Ursprünge hat die Achtsamkeitsmethode im Buddhismus. Später hielt sie Einzug in fernöstliche Meditationstechniken, bevor sie 1979 ihren Weg auch in die westliche Welt fand. Im Kern geht es dabei um Innehalten. Um die bewusste Entscheidung, die ganze Aufmerksamkeit auf eine Sache - etwa das Atmen - zu lenken und sich für eine Weile mit diesem einzigen Reiz zufriedenzugeben. »Es geht darum, in dem Moment bei sich zu sein und zu bleiben«, erklärt Banzhaf. Täglich, so empfiehlt er, mindestens fünf, besser zehn Minuten auf diese Art zu meditieren - quasi eine Verabredung mit sich selbst einzuplanen. Achtsam können auch ganz alltägliche Dinge getan werden: Statt beim Duschen am Morgen schon ans Büro zu denken, bewusst das warme Wasser auf der Haut spüren. Statt beim Treppenlaufen den Blick nach rechts und links fliegen zu lassen, wahrnehmen, wie die Holzstufen unter dem Fuß nachgeben.

Meditation, so Banzhaf, kann sich wie Ernährung und Bewegung positiv auf die Telomere, die Enden der Chromosomen, auswirken, was wiederum das Altern der Zellen verlangsamt. Zudem helfe die Methode zu entschleunigen, geistige Klarheit und Gelassenheit zu erlangen und wieder mit dem Körper und dem eigenen Fühlen in Kontakt zu kommen. »Glück im Sinne von Zufriedenheit können wir nicht denken - aber spüren.«

Nur 30 Prozent tragen die Gene Anteil an der Gesundheit, betont Banzhaf. »70 Prozent haben wir selbst in der Hand.« Eine große Bedeutung komme dem eigenen Denken und Wahrnehmen zu, weil es direkte Auswirkungen auf unser Handeln und somit auf unsere Realität hat. »Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion«, zitiert Banzhaf den Psychiater Viktor Frankl. Ob beim Anblick einer auf Rot schaltenden Ampel lauthals geschimpft wird, oder ob es als Chance für ein kurzes Zur-Ruhekommen gesehen wird, liegt bei jedem Einzelnen.

Ein bisschen Training braucht es für so viel Bedächtigkeit freilich schon. Für den Fall, dass es mal schneller gehen muss, hat der Mediziner auch ein paar Notfallmittel gegen Stress parat: Tief ausatmen, gähnen oder einfach mal lachen - »die Freude kann später kommen«. (GEA)

Harald Banzhaf

Harald Banzhaf ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Umweltmediziner und Spezialist für naturheilkundliche Verfahren. Er ist Lehrer für MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction) und berät und therapiert in Sachen Stressmanagement und Burnout-Prophylaxe sowie Mind/Body-Medizin. Zusammen mit vier Ärzten betreibt er das Heilkundezentrum Zollernalb in Bisingen.

Vortrag

»Mein Körper, mein Trauma, mein Ich: Anliegen aufstellen - aus der Traumabiografie aussteigen« heißt das im Oktober erschienene Buch von Harald Banzhaf und dem Münchner Psychologen Franz Ruppert. Banzhaf stellt es unter dem Titel »Warum werden wir krank« am Montag, 20. November, 19.30 Uhr, im Bildungshaus St. Luzen in Hechingen vor. Der Eintritt ist frei. (hai)

Das könnte Sie auch interessieren
Regionen

Wählen Sie Ihre Region

Karte mit einzelnen Regionen Tübingen Reutlingen Pfullingen Eningen Lichtenstein Über der Alb Neckar und Erms
Mitarbeiter gesucht!
  • Stellenanzeigen werden geladen...


Merkel würde CDU erneut in den Wahlkampf führen

Berlin (dpa) - Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel w... mehr»

Anklage fordert Haftstrafen für Schlecker und seine Kinder

Der ehemalige Drogeriekettenbesitzer Anton Schlecker und seine Tochter Meike erreichen das Stuttgarter Landgericht. Foto: Marijan Murat

Stuttgart (dpa) - Die Staatsanwaltschaft will Ex-D... mehr»

Bonn verliert in Wahl um Sitz der EU-Arzneimittelagentur

Brüssel (dpa) - Die frühere Bundeshauptstadt Bonn ... mehr»

Anklage fordert Haftstrafen für Anton Schlecker

Stuttgart (dpa) - Die Staatsanwaltschaft will Ex-D... mehr»

Kauder: SPD widersetzt sich Wunsch des Bundespräsidenten

Berlin (dpa) - Unions-Fraktionschef Volker Kauder ... mehr»

Aktuelle Beilagen