Bauen - Tübingen vor Kurs-Änderung beim Wachstum. Architektur-Kritiker lobt bisherige Linie

Nur noch wenige Brachen übrig

VON JOACHIM KREIBICH

TÜBINGEN. An der Blauen Brücke wird gebaut. Am Güter-Bahnhof entsteht ein großes neues Wohnviertel. Aber dann? Ende Gelände? Oder kann Tübingen noch wachsen? Eine Gesprächsrunde im Gemeindehaus Lamm hat auf Einladung der Tübinger Liste eine Bestandsaufnahme vorgenommen.

Das Mühlenviertel war eines der großen innerstädtischen Baugebiete in Tübingen. Heute gilt es als Beispiel für vorbildliche Stadtentwicklung. GEA-ARCHIVFOTO: JIRASEK
Das Mühlenviertel war eines der großen innerstädtischen Baugebiete in Tübingen. Heute gilt es als Beispiel für vorbildliche Stadtentwicklung. GEA-ARCHIVFOTO: JIRASEK
Baubürgermeister Cord Soehlke kam zum Schluss: Brachliegende Flächen innerhalb der Stadt gibt’s nicht mehr viel. Nicht zufällig hat OB Boris Palmer verkündet, man werde in jedem der Teilorte außer dem idyllischen Bebenhausen ein neues Baugebiet ausweisen. (siehe »Ortschaften ziehen mit«). Ansonsten bleibt als letzte große noch unberührte Fläche nur der Saiben.

Den Oldenburger Stadtplaner und Architekten Daniel Fuhrhop hatten die Veranstalter dazugebeten, weil er in seinem Buch provokant »Verbietet das Bauen« gefordert hatte. Für Tübingen ist er aber offenbar bereit, eine Ausnahme zu machen. »Wenn überall so gebaut würde wie im Französischen Viertel ...«, befand der Buchautor und bescheinigte der Unistadt eine ökologisch vorbildliche Stadtentwicklung – »meilenweit besser als das, was sonst überall entsteht«.
»Wohnen in Tübingen muss bezahlbar bleiben. Sonst wird das wie Baden-Baden mit Universität«
 
Cord Soehlke bestätigt: Tübingen hat es als einzige Kommune geschafft zu wachsen, ohne neue, unberührte Flächen anzutasten. Der Herrlesberg am Rande von Lustnau war davor das letzte herkömmliche Baugebiet. Doch jetzt gehen die Brachen aus. Am Zentrum Zoo, auf dem Kast und Schlecht-Gelände oder dem Queck-Areal könnte man noch mal Ähnliches verwirklichen wie im Französischen Viertel oder in Loretto, aber insgesamt kommt man auf nicht mehr als 15 bis 20 Hektar – das entspricht anderthalbmal der Fläche des Güterbahnhofs. »Das ist der Bedarf von zwei oder drei Jahren.«

Soehlkes erklärtes Ziel ist es, Wohnraum in Tübingen bezahlbar zu halten. »Sonst wird das wie Baden-Baden mit Universität.« Und irgendwann bleiben eben nur noch neue Baugebiete in den Teilorten – und der Saiben als »letzte große sinnvolle Fläche«. Mit dem Areal zwischen Bahnbetriebswerk und Derendingen werde man sich 2022/2023 intensiv beschäftigen müssen. Die bisherigen Prinzipien will der Baubürgermeister dabei nicht über Bord werfen. Er denkt an eine Art Eco-City. Geringere Effekte erhofft sich Soehlke von Dingen wie einer Wohnungstausch-Börse.

Mit dem Wohnen allein ist es allerdings nicht getan. Auch Gewerbe braucht Platz und soll sozusagen »gestapelt« werden. Und mit der Uniklinik ringt man derzeit um jeden Quadratmeter auf dem Schnarrenberg. Die Grenze zum Grün sei nahezu heilig.

»Verdichtung auf dem Schnarrenberg« heißt die Devise für Michael Bamberg. Der Klinikchef spielte an diesem Abend gemischtes Doppel im Team mit der Personalratsvorsitzenden Angela Hauser. Der CDU-Kreisrat und die Ex-Kreisrätin der Linken waren sich einig: Kann die Uniklinik keinen Wohnraum für Pflegekräfte und das Personal in Ausbildung bieten, besteht die Gefahr, dass man Betten schließen muss. Längst wirbt man um Kräfte aus dem Ausland. »Und die kommen nicht, wenn sie hier keine Wohnung bekommen.« (GEA)



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