Kunst - Hans-Jürgen Kohler gehört zum Kreativen Gomaringen und macht an der Jahresausstellung mit

Nur nichts Geradliniges

VON ANGELA HAMMER

GOMARINGEN. Vielleicht sollte man nachts in der Schillerstraße auf der Hut sein: Es könnten einem phantastische Tierwesen auf spinnedürren Kritzelbeinen begegnen, die im Schein der Lampe bunt aufleuchten und anmuten, als könne sie der nächste Windhauch zerreißen. Wenn in Hans-Jürgen Kohlers Dachwohnung das Fenster zur Straße offensteht, liegt der Verdacht nahe, dass sie da entschlüpft sind.

FOTO: Angela Hammer
Jedenfalls wohnen solche Wesen in den Regalen und Mappen des Künstlers. Sie können so klein sein, dass sie auf seine unzähligen Karteikarten passen, aber man weiß ja nie. Jedenfalls hat Hans-Jürgen Kohler mit feinstem Grafikmarker und Aquarellfarben einen Kosmos an krakeligen, spinnwebzarten, noch nie gesehenen Geschöpfen erschaffen. Immer neu scheinen sich zoomorphe Formen zu erfinden, verlocken scheinbare Körperteile, sich zu erinnern - an Maden, Spinnen oder Schaben. Oder doch Pflanzen? Wenn man mehrmals hinschaut, keimt der Verdacht, dass dieses Etwas doch vorher anders ausgesehen hat.

»Meine Gebilde haben aber nie Gesichter«, sagt Kohler. Seit vier Jahren bereichert der gebürtige Reutlinger die jährliche Themenausstellung des Kunstkreises Kreatives Gomaringen mit seinen linearen Schöpfungen. Sie drücken heute noch aus, was dem gelernten Fliesenleger bereits Anfang der Achtziger Jahre unangenehm war: »Geradliniges ist nichts für mich.«

Über Keramik kam er zur Kunst, belegte VHS-Kurse und besaß Töpferscheibe und Brennofen - als Ausgleich zum Fliesenlegen zunächst. »Ich hätte mir das als Beruf vorstellen können.« Aber eine Umschulung war nicht möglich. Krankheitsbedingt ruhte dann die kreative Arbeit ab 1991 ein Jahrzehnt.

Erst 2001 konnte Kohler wieder so starke Impulse aus einem Kurs aufnehmen, dass der Schwung blieb. Bei Thomas Nolden am Zeicheninstitut Tübingen arbeitete er überwiegend mit Farbe; Frieder Palmer nahm ihn an der VHS Reutlingen mit auf die Suche nach der Form. »Sein Experimentieren kam mir sehr entgegen«, sagt er m Rückblick. Auch, dass einige seiner Wesen heute an Aliens erinnern, kommt nicht von ungefähr: HR Giger, der 2014 verstorbene Schweizer Künstler, hat Hans-Jürgen Kohler mit seinen Kreaturen stark beeinflusst.

In den Kursen entwickelte Kohler die technischen Möglichkeiten für sein Bestreben, die reine Linie zum Leben zu erwecken. Nicht genug, dass er sie Kapriolen schlagen lässt - auch der Linienkörper selbst sollte ausbrechen dürfen. Der Gomaringer Künstler ist fasziniert von den Möglichkeiten der Monotypie: »Die Linie franst aus, sie entwickelt ein Eigenleben.«

Eigentlich sei die Technik einfach. Gemalt oder gezeichnet wird etwa auf Glasplatten, und diese wird auf Papier gedruckt, solange die Farbe noch feucht ist. Die Bilder können ein-, aber auch mehrfarbig gestaltet werden. Bestechen Kohlers »Netzbilder«, die er seit Ende der Achtziger Jahre immer wieder aufgreift, meist durch klares Schwarz-Weiß, so leben die kleinen skurrilen Skizzen auch aus der Spannung zwischen dem wasserfesten schwarzen Grafikmarker und leuchtenden Farben. Sie entstehen spontan, sagt Kohler, »ich schau mal, was die Hand macht«.

Sein Werk, meint der 55-Jährige, schaut vielleicht chaotisch aus. Es hat aber System: Kohler arbeitet stets in Serien, die inhaltlich und technisch ineinandergreifen und sich befruchten mögen, aber in sich abgeschlossene Themen behandeln. Wie seine kleinen, auf der Fläche nur mit sich selbst beschäftigten Teilchen, die in Anlehnung an die Ursubstanzen von Leibniz »Monaden« heißen. Oder die fragilen »Brücken« - schwierig zu überqueren, wie's halt auch bei Menschen sei. Und die Netzbilder, die stets über den vorgegeben Raum hinausgreifen. Aus diesen schöpfen sich nun auch seine Beiträge für die Ausstellung des Kreativen Gomaringen: Klare Bögen wachsen aus einem eindeutigen Unten, verweben sich mit anderen Bögen und spannen über sich ein dynamisches Gewebe auf. (GEA)

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