Neurofeedback - Wie es sich anfühlt, mit der eigenen Hirnaktivität Symbole über einen Bildschirm fliegen zu lassen

Neurofeedback: »Das ist wie Fahrradfahren«

TÜBINGEN. Ich denke an meinen Garten. Ganz fest. Das bunte Herbstlaub, der Apfelbaum, die taufeuchte Wiese und langsam sinkt der Storch. Ganz unten ist er erst, als sich dieses Bild verflüchtigt und für einen kurzen Augenblick die reine Leere im Hirn ist. Total entspannt sitze ich vor dem Bildschirm und eine kräftig gelbe Sonne erscheint als kleine Belohnung. Andersherum funktioniert es nicht ganz so gut. Den genauen Punkt abzupassen, an dem das Gehirn auf Aktivität umschaltet, ist ganz schön schwierig. An was bitte soll man da denken? »An was Aufregendes«, sagt Luisa Brokmeier und fügt wenig ermutigend hinzu: »Aber es gibt kein Rezept.«

Über Elektroden am Kopf wird die Hirnaktivität gemessen.
Über Elektroden am Kopf wird die Hirnaktivität gemessen. FOTO: Ines Stöhr
Neurofeedback heißt allein mit der eigenen Gehirnaktivität, Bewegungen auf einem Computer zu erzeugen. In diesem Fall der Flug eines Storches über oder unter ein Dreieck. Was sich anhört wie Zauberei, ist der bewusste Umgang mit der eigenen Hirnaktivität. Wer sie beherrscht, kann sein Gehirn aktivieren oder entspannen. Das hilft bei Epilepsie, aber auch bei ADHS.

Sieben Elektroden am Kopf

Bevor der Storch fliegen kann, werde ich eingestöpselt. Sieben Elektroden klebt die wissenschaftliche Mitarbeiterin an meinen Kopf, getränkt in Salzpaste, damit es auch gut leitet. Zuvor vermisst Luisa Brokmeier meinen Schädel. So bestimmt sie den Kopfmittelpunkt. Dort wird die entscheidende Elektrode angebracht. Zwei Referenzpunkte kommen hinter die Ohren, zwei Elektroden an die Schläfe und zwei ans linke Auge. So können die Augenbewegungen aufgenommen werden. Das Ganze wird an einen Verstärker eingestöpselt, der die Signale an den Computer weiterleitet.

Bevor der eigentliche Versuch starten kann, müssen die Augenbewegungen getestet werden. Denn die spielen in das Elektroenzephalogramm mit rein, erklärt Brokmeier. Damit sie das Ergebnis nicht verfälschen, müssen sie herausgerechnet werden. Für die Patienten bedeutet das Muskeltraining an ungewohnter Stelle: Augäpfel so lange nach oben und unten, nach rechts und links rollen, bis der Computer zufrieden ist. Manche Patienten finden die sogenannte Augenkalibrierung am anstrengendsten, erzählt die Psychologiestudentin.

Jetzt kann das eigentliche Neurofeedback beginnen. Dazu ist Ruhe von Nöten. Jedes Lächeln, jedes Wort schlägt sich in wilden Kurven auf dem Bildschirm nieder. Erst wenn die Signale aus den Elektroden am Kopf und den zwei Messpunkten hinterm Ohr zwei gleichmäßig parallel verlaufende Linien zeigen, kann mit dem Versuch begonnen werden. Das fühlt sich wie konzentrierte Entspannung an. Und plötzlich ist da ein Dreieck auf dem Bildschirm. Zeigt die Spitze nach unten, muss ein Symbol untendurch bewegt werden, zeigt die Spitze nach oben, muss es oben herum. Die Symbole sind wählbar. Die Kollegin entscheidet sich für den freundlichen Kugelfisch, ich für den Storch.

Acht Sekunden Zeit

Acht Sekunden lang wird er auf dem Bildschirm erscheinen. Das ist wenig Zeit. Beim ersten Mal ist der Storch so schnell über den Bildschirm gehuscht, dass ich ihn nur verblüfft vorbeifliegen sehe. Beim zweiten Versuch setzt er zum leichten Sinkflug an. Kaum zu glauben, nur durch die Kraft des eigenen Gehirns. Wie es funktioniert, die eigene Hirntätigkeit bewusst einzusetzen, können die meisten nicht sagen, erzählt Brokmeier. »Das ist wie Fahrradfahren.«

Eines ist aber sicher: Es muss eingeübt werden. Eine Sitzung dauert rund eine Stunde. 25 bis 30 Sitzungen benötigen die Patienten in der Regel, bis sie es gelernt haben. Nach einem einzigen Mal ist also nicht viel zu erwarten. Das Rätsel um die Aktivierung habe ich jedenfalls noch lange nicht gelöst. Da half alles heftige Denken an die anstrengendsten Momente in meinem Leben nichts. (iwa)



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