Tübingen
Werkrealschule - Kompromissmodell beschlossen. Kusterdinger Räte sehen Gesprächsbedarf mit Kirchentellinsfurt

Mit bitterem Nachgeschmack

VON MATTHIAS ERNST

KUSTERDINGEN. »Ein Dilemma«, »Zwickmühle«, »Vertrauensverlust«, »zerschlagenes Geschirr« und »fast schon Erpressung«: Mit diesen Worten machten die Gemeinderäte in einer Sondersitzung am Mittwoch ihren Unmut über den Ablauf des Konflikts über die Werkrealschule zwischen Kusterdingen einerseits und Kirchentellinsfurt und Wannweil andererseits deutlich. Während Bürgermeister Jürgen Soltau sich bis zuletzt kämpferisch gab, neigte der Gemeinderat zum pragmatischen Denken: »Die Felle sind davon geschwommen«, stellte Albrecht Hoß (Härtenliste) fest.

Ein 2009 vorgebrachter und angenommener Vorschlag sah vor, dass Kusterdingen die Schulträgerschaft und das Rektorat an Kirchentellinsfurt abgab, dafür sollten die Werkrealschulklassen auf Kirchentellinsfurt und Kusterdingen verteilt werden. Das Regierungspräsidium (RP) untersagte diese Regelung, die als »Bürgermeister-Modell« bekannt wurde. Die drei Gemeinden einigten sich daraufhin auf ein vom RP genehmigtes vorübergehendes Alternativmodell.

Gegen die Ablehnung des Bürgermeistermodells hatte Kusterdingen erfolgreich geklagt. Der Gemeinderat in Kirchentellinsfurt beschloss hingegen Anfang des Jahres ein Kompromissmodell des Regierungspräsidiums, das ab dem kommenden Schuljahr zwei siebte Klassen vorsieht: eine in Kirchentellinsfurt, eine in Kusterdingen. Die Acht- und Neuntklässler sollen künftig nur noch in Kirchentellinsfurt unterrichtet werden. Für Jürgen Soltau ein klarer Vertragsbruch.



Schon der erste Redner im Kusterdinger Rat, Alfred Lumpp (FWV), brachte die Stimmung im Saal auf den Punkt. Es sei »unverständlich und enttäuschend«, dass sich die Gemeinden Wannweil und Kirchentellinsfurt nicht der Klage gegen die Ablehnung des ursprünglich beschlossenen Bürgermeistermodells angeschlossen hätten.

Vor allem für Kusterdinger Schüler mit Behinderung sei es eine deutliche Erschwernis, wenn sie nach Kirchentellinsfurt müssten. Jedoch sei die Werkrealschule ohnehin ein »Auslaufmodell«. Kirchentellinsfurt wolle die Gemeinschaftsschule, und da die Gemeinde jetzt die Schulleitung habe, könne und werde sie die wohl auch bekommen.

Dem Kompromissvorschlag sei zuzustimmen, damit wenigstens die kommende siebte Klasse in Kusterdingen bleiben könne, alle anderen wenigstens Bescheid wüssten, wo sie in Zukunft zur Schule gehen.

Sein Fraktionskollege Siegfried Maier gab zu bedenken, dass das »Bürgermeistermodell« zwar juristisch gewonnen habe, aber von der Realität überholt worden sei. Die kommende fünfte Klasse in Kusterdingen werde voraussichtlich nur vier Schüler haben. Auf lange Sicht müsse man daher sowieso umplanen.

Soltau brachte, bevor es zur Abstimmung kam, noch eine »Komplikation« zur Sprache: Gerüchte besagten, dass zwei Lehrkräfte aus Kusterdingen nach Kirchentellinsfurt abgezogen werden sollten. Er schlug vor, die Zustimmung zum Kompromissmodell an die Bedingung zu knüpfen, dass diese Lehrer in Kusterdingen bleiben.

Wunsch nach Gemeindefrieden

Jörg Kautt (FWV) stellte den Antrag, dem Kompromiss »ohne Wenn und Aber« zuzustimmen. Personalia seien nicht im Gemeinderat zu diskutieren, schon gar nicht auf Basis von Gerüchten. Er stieß damit unter seinen Kollegen auf breite Zustimmung. Ursula Laxander-Digel (Härtenliste) betonte, dass Kusterdingen die Schulleitung abgegeben habe und Kirchentellinsfurt nichts mehr vorschreiben könne.

Mit einer Enthaltung wurde dann dem bedingungslosen Kompromissvorschlag zugestimmt. Auf Anregung von Ursula Laxander-Digel wurde noch ein zweiter Antrag auf ein zeitnahes Gespräch zwischen den Kusterdinger und Kirchentellinsfurter Gemeinderäten vorgeschlagen. Gudrun Witte-Borst (Härtenliste) unterstütze diesen Antrag. Es müsse langfristig wieder der Gemeindefrieden hergestellt werden.

Momentan sei das Vertrauen erschüttert, da im Raum stehe, dass Kirchentellinsfurt mit der Schulleitung alles aus dem Deal bekommen hat, was es wollte, und jetzt seinen Anteil nicht zu liefern bereit ist. Sowohl einfach nachzugeben als auch die Zustimmung zum Kompromiss an eine Bedingung zu knüpfen, sei schwierig. Der Antrag der beiden Frauen wurde mit großer Mehrheit angenommen. (GEA)


Reaktion aus Kirchentellinsfurt


Auch Knauss will runden Tisch mit Räten der beteiligten Gemeinden
Erleichterung auch am Schulsitz Kirchentellinsfurt. "Ich bin froh über diese Entwicklung", kommentierte Bürgermeister Bernhard Knauss die Entscheidung des Kirchentellinsfurter Gemeinderats. "Die Lösung ist für beide Schulen von Vorteil." Außerdem sei es "keine gute Sache, mit unterschiedlichen Auffassungen für ein gemeinsames Ziel zu kämpfen". Der Kirchentellinsfurter Rathauschef ist "selbstverständlich dazu bereit", mit Gemeinderäten aus Kusterdingen und der eigenen Kommune im kleinen Kreis oder in einer gemeinsamen Sitzung über das Thema zu reden. Er habe das Gespräch bisher aber nicht am Bürgermeister vorbei suchen wollen. Knauss selbst hat indessen die Gemeinschaftsschule im Visier. Er sei bewusst jetzt schon mit Referenten des Kultusministeriums im Gespräch, um Möglichkeiten auszuloten. "Ich glaube aber, dass wir mit unserer Realschule gute Karten haben." (sel)

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