Tübingen
Soziales - »Die Menschen möchten nicht mehr 'verheimt' werden«: Der Sozialpsychologe Klaus Dörner stellte in Ofterdingen seine Gedanken zur Pflege der Zukunft vor

Mehr Zuwendung im »dritten Raum«

OFTERDINGEN/MÖSSINGEN. Viel Geld fließt in die Pflege. In Heime, Einrichtungen, professionelle Helfer. Bald wird das System vielleicht nicht mehr zu bezahlen sein. Der Sozialpsychologe Klaus Dörner macht sich Gedanken darüber, wie die Hilfe zu den Menschen kommt, dorthin, wo sie leben, wo sie hingehören. Über seine Thesen sprach er jetzt in Ofterdingen.

»Will you still need me, will you still feed me?« Was die Beatles noch für die 64-Jährigen fragten, ist heute aktueller denn je: Immer mehr Menschen werden immer älter. Noch nie gab es so viele chronisch Kranke, Demente und Alterspflegebedürftige. Aber wie wollen Menschen leben, wenn sie pflegebedürftig werden?

Ganz im Glück waren die Pflegedienstleiterinnen Cornelia Schmidt und Bärbel Wellhäuser von der Diakonie Sozialstation Mössingen-Bodelshausen-Ofterdingen, als Klaus Dörner ihrer Einladung folgte. Die Appelle und Visionen des emeritierten Professors für Sozialpsychologie sprechen ihnen aus dem Herzen - für sie eine Bestätigung des Netzwerks, das die Station in den vergangenen Jahren aufgebaut hat.

Rund 130 Zuhörern stellte der lebhafte 77-Jährige im Gemeindehaus Ofterdingen Beobachtungen und Ideen aus seinem neuen Buch vor. »Leben und Sterben, wo ich hingehöre« - das ist ein ganz besonderer Reisebericht Dörners, der jahrelang quer durch die Republik rund 1 500 Städte und Gemeinden besuchte, um etwas über den Umgang mit pflegebedürftigen Menschen im ambulanten Bereich zu erfahren. Sein Fazit: Die Entwicklungen seien zutiefst beeindruckend.

Helfer-Mix und Nachbarschaft

Seit den achtziger Jahren beobachtet Dörner ein immer stärker zunehmendes und sehr kreatives bürgerschaftliches Engagement im Bereich Alten- und Krankenpflege, aber auch ein Umdenken in der städtebaulichen Vorsorge. Er nennt Bielefeld als Vorbild, aber auch dörfliche Gemeinden wie Eichstetten am Kaiserstuhl. Dort ist heute fast das ganze Dorf vernetzt engagiert; es existieren ambulante Wohngruppen mit pflegebedürftigen Menschen - egal, ob jung und querschnittsgelähmt oder alt und dement.

Darum geht es Dörner: die Einbindung der Hilfe in die Gesellschaft durch bürgerschaftliches Engagement. Am besten im »Dritten sozialen Raum«, in der überschaubaren Nachbarschaft, zwischen der Privatsphäre der Familie und dem öffentlichen Raum der Institutionen. Es ist der Bereich des »Wir«, ein Stück Heimat, in dem man sich kennt.

»Als professionelle Pfleger können wir in den Heimen astronomisch viel, nur eines nicht: integrieren. Die Menschen möchten nämlich nicht mehr 'verheimt' werden«, hat Klaus Dörner beobachtet. Mit einem Helfer-Mix aus Profis und »einfach nur Bürgern« könnten ambulante Wohngruppen zwei- bis dreimal mehr menschliche Zuwendung »erwirtschaften« als kostengleiche Heime.

Die Diakonie Sozialstation Mössingen sieht sich in diesem Sinn auf einem guten Weg zu den Menschen. Neben den bereits vorhandenen Einrichtungen wünscht sie sich jedoch mehr kleine und wohnortnahe Pflegeheime, wo das Wohngruppenmodell verwirklicht werden kann. Bärbel Wellhäuser: »Wir sind in den Gemeinden bereits sehr präsent. Aber den Netzwerkgedanken müssen wir noch viel intensiver in der breiten Öffentlichkeit verankern.« (ham)


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