Fettleibigkeit - In Tübingen arbeiten Mediziner verschiedener Fachrichtungen an einem Therapiekonzept

Medikamente allein helfen nicht

TÜBINGEN. »Fast jeder fünfte Bundesbürger ist krankhaft übergewichtig«, sagt Stephan Zipfel, Professor an der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Mit ihrer »Plattform Adipositas« wollen Ärzte der Uniklinik aus den Bereichen Psychosomatik, Endokrinologie, Sportmedizin und Chirurgie Menschen, die unter krankhafter Fettleibigkeit leiden, die Kontaktaufnahme zu Experten aus den verschiedenen Fachbereichen ermöglichen und gemeinsam für die Betroffenen einen individuellen Therapieplan erstellen.

Der Kampf gegen den Ausschlag der Waage: Fast jeder Fünfte ist krankhaft übergewichtig. Gegen Fettleibigkeit arbeiten Ärzte verschiedener Fächer zusammen. FOTO: DPA
Der Kampf gegen den Ausschlag der Waage: Fast jeder Fünfte ist krankhaft übergewichtig. Gegen Fettleibigkeit arbeiten Ärzte verschiedener Fächer zusammen. FOTO: DPA
Die meisten Patienten haben, bevor sie sich an das Expertenteam wenden, »schon viele Abnehmversuche hinter sich«, erklärt Zipfel. Von einer »adipösen Erkrankung« sprechen Experten, wenn der Body-Mass-Index (BMI), der sich aus Körpergewicht und Körpergröße errechnet, die Größe 30 übersteigt.

Es sind viele Faktoren, die zu einer Adipositas-Erkrankung führen können. Gene und Umwelt spielen dabei eine wichtige Rolle. Diabetes mellitus und Gefäßerkrankungen sind einige Folgen der Fettleibigkeit. Medikamente, die beispielsweise die Fettaufnahme am Darm verhindern sollen und so Gewicht reduzieren, existieren bereits. Andreas Fritsche von der Abteilung Innere Medizin würde jedoch keinesfalls ausschließlich »ein Medikament geben«. Nur die Verbindung von Maßnahmen aus verschiedenen Fachbereichen mache eine Therapie sinnvoll.

Eine Minute Gehen

»Die Patienten müssen sich einer differenzierten Beurteilung unterwerfen«, sagt Zipfel. Dazu gehört auch die Sportmedizin. Hier klären Experten wie belastbar der Patient ist, ob er früher Sport gemacht hat und welche Bewegungsformen für seinen Trainingsplan realistisch sind. »Eine Minute Gehen ist für manchen Patient schon Training«, erklärt Professor Andreas Nieß.

Körperliches Training sei bei einer Gewichtsabnahme sehr hilfreich, »allein aber relativ ineffektiv«, führt Nieß aus. Die Zusammenarbeit der verschiedenen Abteilungen eröffnet seiner Meinung nach mehr therapeutische Möglichkeiten. Von dem Spektrum der Patienten, die zum Teil bis zu 250 Kilogramm wiegen, leiden viele auch an psychischen Störungen wie etwa dem Borderline-Syndrom. Im psychiatrischen Bereich gehen Experten den Ursachen der verschiedenen Krankheiten auf den Grund. Bei einer Untersuchung, bei der Betroffenen Bilder von Nahrung präsentiert wurden, reagierten die Patienten »mit Stress«, erzählt Zipfel.

Abgesaugtes Fett kommt wieder

Frank Granderath von der Chirurgie unterstützt ebenfalls den interdisziplinären Ansatz des seit einem Jahr existierenden Projekts. Zusammen mit Chirurg Michael Kramer betreut er Adipositas-Patienten. »Wir möchten die Bildung eines Schlauchmagens in Tübingen vermehrt einsetzen«, sagt Granderath. Bei diesem Eingriff entfernen Chirurgen einen Teil des Magens, was zur Folge hat, dass das Sättigungsgefühl beim Betroffenen früher einsetzt. »Das ist ein effektives und sehr schonendes Verfahren mit wenig Komplikationen«, versichert Granderath.

Beim Einsetzen eines Magenbands, einer anderen Methode, besteht die Gefahr, dass der Körper den verstellbaren Silikonring als Fremdkörper abstößt. Komplikationen können hier häufiger auftreten. Der Chirurg betont aber, dass eine Operation der letzte Schritt ist: »Erst wenn alle anderen Verfahren nicht greifen«, wird geschnitten.

Das Besondere an der Tübinger Plattform sind laut Zipfel »die Expertisen in jedem Bereich, die jedem Patienten zur Verfügung gestellt werden«. Neben der vielseitigen Herangehensweise legen die Mediziner zudem Wert darauf, dass der Patient auch in Zukunft sein Gewicht halten kann und nicht in alte Verhaltensmuster verfällt.

Fettabsaugung hält Chirurgie Granderath für »kein kausales Therapiekonzept«, denn das abgesaugte Fett komme wieder. Außerdem spreche diese Methode ein anderes Patientenklientel an. Zur- zeit arbeiten Uniklinik Tübingen und Universität Hohenheim zusammen an einem Ernährungszentrum, das dieses Jahr noch gegründet werden soll. (GEA)

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