Handwerk - Faszination Technik: Eine historische Schuhpflockmaschine wird von Otto Fauser zum Leben erweckt
Koloss sorgt für solides Schuhwerk
VON RALF EBER
TÜBINGEN/OFTERDINGEN. Ihr Name »die Geräuschlose« lässt vermuten, dass es seinerzeit noch lautere Maschinen ähnlichen Typs gegeben haben mag: Sehr vernehmlich geht das stählerne Ungetüm aus den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts zu Werke. Seit dem Wochenende ist die in der Ofterdinger Museumsscheune Sattlergasse 12 beheimatete Schuhpflockmaschine im Tübinger Stadtmuseum zu sehen.
Die Schuhpflockmaschine, die sonst in der Museumsscheune in Ofterdingen steht, ist vorübergehend in Tübingen zu sehen. FOTOS: EBER
Schuhpflöcke, muss man in Zeiten fernasiatischer Billigschuhimporte erklären, sind kleine Holzstifte, dicker und kürzer als Zahnstocher, mit einem spitzen Ende. Damit wurden in Handwerksarbeit die verschiedenen Sohlen des Schuhwerks miteinander verbunden. Ein bisschen viel Maschine für so wenig Holzstift? Otto Fauser aus Ofterdingen, eine der Triebfedern im Arbeitskreis Sattlergasse 12, schüttelt den Kopf. Der frühere Schuhmacher weiß natürlich, dass die Maschine aus Rudolf Leys Fabrik in Arnstadt/Thüringen viel mehr kann als ein Holzspalter. Und er lässt gerne die Besucherschar, die rasch anwächst, an seinem lebendigen Wissen teilhaben.
Laufsohle bald angenagelt
Eine Ahle sticht nämlich zuerst ein Loch durch Lauf- und Brandsohle sowie das dazwischenliegende Oberleder. Dann wird in trickreichem Zusammenwirken von Wellen und Gestängen ein solcher Pflock von einem Lindenholzstreifen abgetrennt und sogleich von einem herniedersausenden Hammer in den Schuh getrieben.
Dreht der Schuhmacher den Schuh, wie es Otto Fauser zeigt, ist bald die Laufsohle angenagelt. Und damit sich der künftige Schuhträger nicht an den Pflöcken piekst, trennt »die Geräuschlose« auch gleich die innen überstehenden Spitzen ab.
Ursprünglich wurde die mannshohe Schuhpflockmaschine mittels eines Transmissionsriemens angetrieben, inzwischen sorgt ein Elektromotor dafür, dass der erstaunliche Mechanismus in Gang gehalten wird. »Sogar mit einem Planetengetriebe«, so Gerhard Hibbeler.
600 Kilo machen Umzug schwer
Technisch versierte Zuhörer nicken bei diesem Begriff beinahe andächtig, die übrigen verbergen ihr Unwissen und staunen einfach. Der traditionelle blaue Kittel und das rote Halstuch weisen Hibbeler und seinen Kollegen Oliver Wiens ebenfalls als Ofterdinger Museumsleute aus. Das Exponat war in der Werkstätte des 1999 gestorbenen Ofterdinger Schuhmachers Otto Lutz im Einsatz, bis es einen Platz in der Museumsscheuer fand. Genauer gesagt: Auf der zweiten Ebene der Scheune, was den vorübergehenden Umzug des 600-Kilo-Kolosses nach Tübingen nicht vereinfachte.
Unter Mithilfe von Arbeitern des Ofterdinger Bauhofs gelang aber der Umzug dann doch ohne Schäden an Mensch und Material. (GEA)
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