Tübingen
Landwirtschaft - Auf einem Kartoffelacker bei Stockach wachsen in 29 Reihen 29 Kartoffelsorten aus aller Welt

Knollenvielfalt in der Senke

Von Angela Hammer

GOMARINGEN. »Da, schauen Sie mal...« Ein Einmachglas voll weißer - ja, was eigentlich? Seidenkokons? Kieselsteine? Süßigkeiten? Maruja Salas schüttelt lachend den Kopf: »Das sind Chuños, peruanische Anden-Kartoffeln. Allerdings können die in unserem Klima gar nicht gedeihen.« Sie muss es wissen, schließlich hat Dr. Salas über Kartoffelanbau promoviert. Sie und ihr Mann Dr. Timmi Tillmann leben, wenn es ihre Arbeit im Ausland zulässt, seit Jahren in einem wunderschönen Fachwerkhaus in Stockach.

Guck mal, was da wächst: Maruja Salas und Timmi Tillmann bei der Ernte auf ihrem internationalen Kartoffelacker. Die Ethnologin Salas hat über Kartoffelanbau promoviert. FOTO: HAMMER
Guck mal, was da wächst: Maruja Salas und Timmi Tillmann bei der Ernte auf ihrem internationalen Kartoffelacker. Die Ethnologin Salas hat über Kartoffelanbau promoviert. FOTO: Angela Hammer
In der Senke zwischen Gomaringen und Stockach haben die beiden Ethnologen eine Möglichkeit gefunden, einen Teil ihrer Arbeit und ihrer Überzeugung für sich selbst und einen Freundeskreis zu verwirklichen. Sie bauen Kartoffeln an. Auf den ersten Blick herrscht buntes Durcheinander, zumal sich da auch Dill, Bohnenkraut und viele Ringelblumen tummeln. Bei näherem Hinsehen offenbart sich Systematik: 29 Reihen, 29 ganz verschiedene Kartoffelsorten, akribisch beschriftet und dokumentiert. Die wenigsten sind dem Laien bekannt, vielleicht Linda, Annabelle, Granola oder Bamberger Hörnchen. Highland Burgundy Red, La Ratte, Vittelotte, Puikula, Nag- lerner Kipfler und Rosa Tannenzäpfchen - das ist dann schon eher etwas für Feinschmecker und Züchter.

»Aber gerade diese Artenvielfalt ist ungeheuer wichtig«, erklärt Tillmann, »wir beobachten, was sich wie unter welchen Bedingungen entwickelt - und wir drücken damit unmittelbar aus, dass wir über unsere Lebensmittel selbst entscheiden«. Allzu gleich geschaltet seien Saatgut, Sorten und Geschmack mittlerweile durch die weltweite Industrialisierung der Nahrungsmittel.

Gedüngt wird ausschließlich mit Kompost und Urgesteinsmehl, was natürlich viele »Begleitpflanzen« und -tiere zur Folge hat. Kartoffelkäfer werden einzeln abgelesen und entsorgt. Das größte Problem sind die Werren, Maulwurfsgrillen, die große Löcher in die Kartoffeln fressen. Aber das sind eher Schönheitsmängel. Nematoden sorgen auf biologischem Weg dafür, dass sie nicht überhandnehmen. Für die Feldversuche stellte der Gomaringer Jürgen Hirning vor zwei Jahren einen Teil seines Gartens zur Verfügung. Begonnen hatte alles mit einer schönen Geschichte: Salas und Tillmann beobachteten von zu Hause aus einen doppelten Regenbogen, der genau auf dem Fleck endete, wo Hirning gerade am Werkeln war.

Daraus entwickelte sich eine fruchtbare Zusammenarbeit - und eine enge Freundschaft. Zu diesem Kreis gehören auch Geraldine und Michael Stadelmann aus Immenhausen. Gemeinsam werden die Kartoffeln übers Jahr betreut und schließlich geerntet.

Und Zuwendung brauchen die Pflanzen viel. Das ist es aber auch, was die Kartoffelbauern in die Nähe von Demeter bringt: »Wir schätzen jede einzelne Pflanze, und sehen die größeren Zusammenhänge.«

Und welche Kartoffel ist denn nun die Beste für Kartoffelsalat? Maruja Salas lächelt: unbestritten die Sieglinde, und ihr liebster Salat ist der von Frieda Kuttler aus Stockach. Doch die gibt ihr Geheimnis nicht preis: »Sie wisset vielleicht älles über Kartoffel - aber i woiß, wie m'r d'r Salat macht!« (GEA)


Kartoffelfest


Freundliches Wetter vorausgesetzt, wird am Sonntag, 5. September, von 12 bis 17 Uhr auf dem internationalen Kartoffelacker ein Kartoffelfest ausgerichtet - mit Hintergrundinformationen, Jürgen Hirnings Most, Gomaringer Apfelsaft, Kartoffelgedichten und Kartoffelfeuer. Alle Sorten werden mit dem Kartoffelpflug ausgegraben und präsentiert. Das Gelände liegt in der Senke zwischen Gomaringen und Stockach, aus Richtung Gomaringen betrachtet auf der linken Seite. Als Orientierung dient das einzige Sonnenblumenfeld weit und breit. (ham)

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