Medizin - Melissa und Tamina haben Nabelschnurblut gespendet. Die Stammzellen können Leben retten
Kleine Helden im Strampelanzug
Von Angela Hammer
TÜBINGEN/REUTLINGEN. 57 Milliliter Blut aus einer Nabelschnur - das ist gerade mal knapp die Hälfte von einem Achteleglas. Und doch birgt diese kleine Menge ein ungeheures Potenzial: Die Stammzellen aus diesem Blut könnten ausreichen, einem leukämiekranken Kind das Leben zu retten.
Melissa mit ihren Eltern Heiko und Sonja Mezger aus Gönningen.
FOTO: Angela Hammer
Steinenberg-Klinikum Reutlingen, 5. August: zwei junge Mütter entbinden, beide ein Mädchen. Aber nicht nur dieser Geburtstag verbindet die Babys Melissa und Tamina, sondern sozusagen ihr erster Akt bürgerschaftlichen Engagements: die Eltern waren einverstanden, nach der Entbindung die Nabelschnur nicht entsorgen zu lassen, sondern das Blut daraus einer öffentlichen Nabelschnurblutbank zur Verfügung zu stellen. »Uns hat das sehr interessiert«, erklärt Sonja Mezger aus Gönningen, »zumal meine Mutter an Krebs gestorben ist. Und die Geburtsklinik hat uns sehr gut informiert«.
Auflagen wie bei Arzneimitteln
Sie und ihr Mann Heiko hatten sich am Tag der offenen Tür im Steinenberg-Klinikum umgeschaut. Dort trafen sie auch Sabine Mauersberger mit ihrem Infostand von der DKMS Deutschen Knochenmarkspenderdatei in Tübingen. Ihre Aufgabe ist es, Entbindungskliniken zu informieren und zur Mitwirkung bei der öffentlichen Spende zu motivieren: »Aktuell arbeiten wir bundesweit mit knapp 150 Krankenhäusern zusammen; dazu gehören auch die Universitätsfrauenklinik Tübingen und die Frauenklinik Reutlingen.
»Die DKMS hat einen hohen Qualitätsanspruch. »Die Konservierung von Nabelschnurblut«, erklärt Sabine Mauersberger, »unterliegt dem Arzneimittelgesetz, und die Beteiligten müssen strenge Kriterien erfüllen«. Dazu zählen fundierte Informationen für das Klinikpersonal, regelmäßige Schulungen und Rückmeldungen über die Qualität der Präparate.
Dr. Peter Kristen, Chefarzt der Frauenklinik Reutlingen, arbeitet seit zwei Jahren mit der DKMS zusammen. Seitdem hat die Bereitschaft der Eltern zur Nabelschnurblutspende kontinuierlich und deutlich zugenommen. Aber immer noch sind es nur fünf Prozent des verwendbaren Nabelschnurbluts, die für eine Spende oder Einlagerung aufbewahrt werden. Für Peter Kristen schwer nachvollziehbar, denn in Deutschland wird täglich etwa alle 45 Minuten eine Erkrankung des blutbildenden Systems diagnostiziert - und für einen Großteil der beispielsweise an Leukämie leidenden Patienten bedeutet die Stammzellspende die möglicherweise lebensrettende Therapie.
Verena und Nikolai Eberhard aus Bodelshausen fiel die Entscheidung nicht schwer; beide sind selbst als Stammzellspender registriert. Bei einem der regelmäßigen Info-Abende des Steinenbergklinikums erfuhren sie außerdem, dass die Nabelschnurblutspende für Eltern und Kind weder mit Risiko noch mit Schmerzen, Kosten oder Aufwand verbunden ist.
Letzterer liegt eher bei den Kliniken. Doch die bekommen das Material von den Spenderdateien, wie der DKMS, zur Verfügung gestellt. Den Eltern steht es frei, wem sie das Blut zukommen lassen; Leukämiepatienten weltweit, der Stammzellforschung oder eines Tages möglicherweise sogar dem eigenen Kind.
Private Konkurrenz
Sonja Mezger bekam während der gesamten Zeit der Schwangerschaft häufig unaufgefordert Post von privaten Nabelschnurblutunternehmen. Diese bieten den werdenden Eltern die Einlagerung des Bluts als Reserve für den Fall an, dass ihr Kind es später einmal für eine eigene Krankheit brauchen könnte. Offenbar ein Geschäft mit der Angst der Eltern, und kein billiges: Rund 2 000 bis 3 000 Euro verlangen Firmen dafür, das Blut-Präparat tiefgefroren zu archivieren.
Dabei ist der Nutzen umstritten, und das sogenannte autologe Nabelschnurblut-Banking wird kontrovers diskutiert. Taminas Vater Nikolai Eberhardt hatte sich auch darüber informiert, aber: »Der Unsicherheitsfaktor war uns aber viel zu groß. Wer weiß denn, ob das Präparat dann, wenn es wirklich gebraucht werden sollte, auch noch gut ist und helfen kann?« (GEA)
Nabelschnur-Blutbanken
Multitalente werden tiefgefroren
Seit Ende der 1980er-Jahre wieß man, dass Nabelschnurblut reich an hochwertigen Stammzellen ist - kleine "Multitalente", die unter anderem in der Lage sind, das blutbildende System wiederherzustellen. Die Verwendung des Bluts bedarf allerdings einer Einverständniserklärung. Seit 2008 gehört zur DKMS-Familie auch die Nabelschnurblutbank Dresden, wo die Blutpräparate kryokonserviert eingelagert werden. Sie ist eine der öffentlichen Nabelschnur-Blutbanken wie beispielsweise die in Freiburg, München, Mannheim, Düsseldorf oder Erlangen. Infos mit einer Liste der Entbindungskliniken, die kooperieren, gibt es im Internet. (ham)
www.dkms-nabelschnurblutbank.de