Handwerk - Anne Schneider ist Deutschlands beste Nachwuchs-Holzblasinstrumentemacherin

Junge Tübingerin baut Dudelsäcke

Von Ines Stöhr

TÜBINGEN. Über irische Folkmusik kam sie zu ihrem Beruf. »Eigentlich war es Zufall«, sagt Anne Schneider lachend. Sie kannte jemanden, der Dudelsäcke baut. Er besuchte die gleichen Konzerte wie sie und vermittelte ihr ein Schulpraktikum in der Tübinger Werkstatt von Andreas Rogge. Längst stellt die 25-Jährige selbst Sackpfeifen her und wurde jetzt Bundessiegerin im Leistungswettbewerb des Deutschen Handwerkernachwuchses in der Kategorie Holzblasinstrumentemacher.

Anne Schneider zeigt an ihrer Werkbank zwei verzierte Pfeifen. GEA-FOTO: IST
Anne Schneider zeigt an ihrer Werkbank zwei verzierte Pfeifen. FOTO: Ines Stöhr
»Das Handwerkliche liegt mir«, sagt die ehemalige Schülerin an der Engstinger Waldorfschule. »Ein Bürojob kam nicht in Frage.« In der zweiten Hälfte der zehnten Klasse hat Anne Schneider dann zwei Tage die Woche in der Dudelsack-Werkstatt verbracht, Drechselübungen gemacht und Instrumente zusammengebaut. »Ich habe schnell gesehen, dass sie Talent hat«, sagt der Chef.

Nach der zehnten Klasse ging Anne Schneider aber erst einmal für ein Jahr nach Neuseeland, um nach ihrer Rückkehr die zweite Hälfte der elften Klasse wieder bei Andreas Rogge zu praktizieren. »Ich hatte überlegt, noch ein Praktikum bei einem Fotografen zu machen«, sagt sie. Doch sie fühlte sich in dem Team der Instrumentewerkstatt so wohl, dass sie sich wieder dorthin bewarb.

Hauptauftraggeber: Irland

»Schottische Dudelsäcke machen wir so gut wie gar nicht«, sagt sie. Die Tübinger fertigen in erster Linie deutsche, irische und französische Sackpfeifen als Auftragsarbeiten an. Die meisten Bestellungen kommen aus Irland, weil es dort sehr lange Wartezeiten gibt.

Die Stücke für die Pfeifen, die in erster Linie aus Zwetschgenholz sind, weil das besonders dicht ist, werden in der Werkstatt meist selbst zurechtgesägt. Neben dem Drechseln der Spielpfeife für die Melodie und dem Bordun, das nur einen Ton von sich gibt, werden in der Werkstatt auch die unterschiedlich geformten Ledersäcke mit der Anblaspfeife genäht. Zur Verzierung können Muster eingebrannt werden. Einem Kunden wurde eigens ein Aufsatz in Form eines Kamels gemacht. Bei französischen Dudelsäcken werden die Muster dann noch mit Zinn ausgefüllt. »Das macht das Instrument aber schwerer.«

Das Bauen eines Instruments dauert im Schnitt eine Woche. Je nach Aufwand auch länger. Ein irischer Dudelsack ist besonders kompliziert, weil er Klappen hat. Ein Schulinstrument ist dagegen an einem Tag gedrechselt, für den Ledersack braucht Anne Schneider dann noch einen Tag. Ein solcher Dudelsack kostet etwa 1 000 Euro. Ein Instrument aus Plastik ist bereits ab 600 Euro zu haben. »Nach oben gibt es keine Grenzen«, sagt die junge Frau. Ein irisches Basis-Instrument kostet knapp 6 000 Euro. Teuer wird es durch Elfenbeinaufsätze oder handgeschmiedete Klappen aus Silber.

»Bis zu einem gewissen Grad muss man als Instrumentebauer das Instrument auch spielen können, um es zu stimmen, einzurichten und das Rohrblatt zu machen«, sagt die Gesellin. Während ihrer Praktikumszeit hat sich Anne Schneider daher einen eigenen Dudelsack gebaut und nach dem Abitur Unterricht genommen.

Um Geld für einen weiteren Aufenthalt Down-Under zu verdienen, hat sie nach der Schule noch einmal ein Jahr lang in der Werkstatt gearbeitet. »Neuseeland ist zur zweiten Heimat geworden«, sagt sie. Nach ihrer Rückkehr begann sie in Tübingen die Ausbildung zur Dudelsackbauerin. Über die Berufsschule war jetzt auch die Theorie dabei, einen intensiven Einblick in die Klappentechnik erhielt sie bei einem Oboenbauer.

Fagottklappe im Wettbewerb

Ihr Gesellenstück war eine irische Pfeife mit vier Klappen. Für den Bundesleistungswettbewerb musste sie an einer Fagotthaube eine Klappe feilen und befedern, das Loch bepolstern und bekorken. An ihrer Werkbank, dem sogenannten Bohrböckchen, arbeitet die 25-Jährige derzeit an den Klappenaufsätzen. Sie will auch ihren Meister bei Andreas Rogge machen. Und zwischendurch vielleicht bei einem Klarinettenbauer praktizieren. »Es ist sinnvoll, auch andere Arbeitstechniken kennenzulernen.« (GEA)

Woher der Dudelsack kommt


Die Sackpfeife oder der Dudelsack ist ein selbstklingendes Rohrblattinstrument, dessen Luftzufuhr aus einem Luftsack über eine Windkapsel erfolgt. Das Instrument hat eine Spielpfeife (manche Typen auch mehrere), mit der die Melodie gespielt wird und meist ein oder mehrere Bordunpfeifen (auch Brummer), die je einen andauernden, gleich bleibenden Ton spielen. Die Luftzufuhr zu allen Pfeifen erfolgt aus einem Luftsack aus abgedichtetem Leder oder Synthetik-Material, der vom Spieler durch einen Blasebalg oder mit dem Mund durch ein Anblasrohr aufgeblasen wird. Wissenschaftler vermuten, dass der Dudelsack wohl aus Kleinasien stammt und sich im Mittelalter in ganz Europa verbreitete. Das Wortteil »dudel« soll aus dem Türkischen »duduk« (Flöte) kommen. Im Frankreich des 18. Jahrhunderts war er das wichtigste Instrument der höfischen Musik. Heute existieren europaweit etwa 180 verschiedene regionale Sackpfeifenformen. (GEA)

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