Medizin - Bundesweit erstes Kompetenzentrum für Essstörungen am Tübinger Uniklinikum eröffnet

Im Team gegen Magersucht

VON INES STÖHR

TÜBINGEN. Die einen können nicht mehr aufhören zu essen, während andere sich zu Tode hungern. Warum das so ist und wie sich Essstörungen behandeln oder sogar verhindern lassen, wollen Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen am Tübinger Uniklinikum jetzt in dem neu gegründeten Kompetenzzentrum für Essstörungen (Komet) gemeinsam herausfinden und neue Therapieformen entwickeln.

Magersucht ist die dritthäufigste Erkrankung bei Mädchen.  FOTO: FOTOLIA
Magersucht ist die dritthäufigste Erkrankung bei Mädchen. FOTO: FOTOLIA
»Magersucht zählt zu den gefährlichsten und folgenschwersten psychischen Erkrankungen«, weiß Professor Stephan Zipfel. Sie ist nach Asthma und Fettleibigkeit die dritthäufigste Erkrankung bei Mädchen und jungen Frauen. Jedes dritte Mädchen zwischen elf und 17 Jahren leidet an Symptomen von Essstörungen. Ein Großteil finde da selbst wieder raus, sagt der Ärztliche Direktor für Psychosomatik und Psychotherapie am Uniklinikum. »Je früher, desto besser.« Andere brauchen professionelle Hilfe – und zwar auf mehreren Ebenen.

Vernetzt mit dem regionalen Arbeitskreis Essstörungen und niedergelassenen Ärzten gehören die Abteilungen Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie die Kinderpsychiatrie und weitere Einrichtungen des Uniklinikums wie Sportmedizin und Frauenklinik zu dem bundesweit ersten Kompetenzzentrum dieser Art. Gemeinsam will man Krankenversorgung, Forschung sowie Aus- und Weiterbildung optimieren. »Eine Aufgabe, die uns sehr herausfordert«, sagt Zipfel.

Zwölfjährige mit Diäterfahrung

Magersucht ist seit über 200 Jahren bekannt. 95 Prozent der Betroffenen sind Mädchen. von der »heimlichen Schwester« der Magersucht, der Bulimie, sind zu 90 Prozent ebenfalls Mädchen und Frauen betroffen. 18 Prozent der Zwölfjährigen haben bereits erste Diäterfahrungen, ergänzt Professor Tobias Renner von der Kinder-Psychiatrie. An der neuesten Form der Essstörung, der Binge-Eating-Störung, mit Essanfällen, die zu Übergewicht führen, leiden vor allem Erwachsene. »Wir haben hier ein breites Spektrum an Patienten«, sagt Zipfel: Vom 1,70 Meter großen jungen Mädchen, das nur noch 28 Kilogramm wiegt bis zur 250 Kilo schweren gleichgroßen Frau.

Während man auch bisher fachübergreifend zusammengearbeitet hat, wollen die Spezialisten nun gemeinsam die Ursachen von Essstörungen erforschen und neue Behandlungsmethoden entwickeln. Das bedeutet unter anderem auch, den langen Verlauf der Krankheit zu berücksichtigen: Im Schnitt sind das bei Magersucht-Patienten sechs Jahre. »Es gibt aber auch Patientinnen, die seit 20 Jahren darunter leiden«, sagt Zipfel. Bei einer oft monatelangen stationären Behandlung kann der Bezug zum Umfeld verloren gehen. Deshalb wird auch über Tagesstationen nachgedacht, um den normalen Alltag möglichst beizubehalten.

Therapie übers Internet

Lange Wartezeiten auf einen ambulanten Therapieplatz von rund sechs Monaten nach einer stationären Behandlung sollte es nicht mehr geben. Auch die Therapie übers Internet sei sehr erfolgversprechend. Außerdem ist ein deutsches Essstörungsregister im Internet angedacht. Die Prävention unter anderem durch die Stärkung des Selbstbewusstseins junger Menschen in Zusammenarbeit mit den Schulen soll verstärkt, ein digitales Lernspiel entwickelt und Spezialsprechstunden eingeführt werden.

»Wir müssen aber auch verstärkt mit der Politik zusammenarbeiten«, betont Gaby Resmark, Geschäftsführerin des neuen Zentrums. Das Thema Essstörungen soll auch im Medizinstudium mehr Beachtung finden. Auch ein Masterstudiengang Schulpsychologie ist geplant. »Die Schulsozialarbeit ist in Deutschland so wenig beachtet wie in keinem anderen Industrieland«, so Resmark. (GEA)



ESSSTÖRUNGEN

Zu den Essstörungen gehören insbesondere Magersucht (Anorexia nervosa), Essanfälle mit Erbrechen (Bulimia nervosa) sowie Essanfälle mit Übergewicht (Binge-Eating-Störung). Betroffen sind vorwiegend Mädchen und junge Frauen. Am Uniklinikum Tübingen werden jedes Jahr etwa 500 Patienten vom Kindes- bis Erwachsenenalter wegen einer Essstörung behandelt. (ukt)


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