Naturkatastrophen - Wissenschaftler fordern mehr Schutzmaßnahmen. Dabei investieren die Gemeinden schon

Kreis Tübingen im Kampf gegen Hochwasser

VON ARNFRIED LENSCHOW, MAREIKE SPAHLINGER UND PHILIPP FÖRDER

KREIS TÜBINGEN. Die Bedrohung durch Hochwasser wird zunehmen. Davon sind Wissenschaftler vom Potsdamer Institut für Klimaforschung überzeugt. Sie halten deshalb mehr Investitionen in den Hochwasserschutz für erforderlich. Dabei sind die Kommunen nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre schon aktiv.

FOTO: Jürgen Meyer
So haben nach Angaben des Regierungspräsidiums die Kommunen im Kreis Tübingen seit 2010 mehr als 16 Millionen Euro in den Hochwasserschutz investiert, für die es über zehn Millionen Euro vom Land gab. Dazu kommen weitere Maßnahmen an Neckar, Starzel und Eyach, die allein vom Land finanziert wurden.

»Das Land und die Gemeinden sind sich des Problems bewusst«, beobachtet der Rottenburger Ingenieur Markus Heberle, der mit seinem Büro für Wasserwirtschaft und Siedlungsentwässerung in etlichen Gemeinden der Region an der Arbeit ist. Unter anderem hat er das Hochwasserschutzkonzept für Gomaringen ausgearbeitet.

Hier gab es zuletzt im Jahr 2013 ein Hochwasser, das allerdings lediglich als »Zehnjähriges« eingestuft wurde - als Hochwasser also, wie es statistisch betrachtet alle zehn Jahre zu erwarten ist. Damals staute sich das Wasser an sechs der elf Brücken über die Wiesaz. Weil aber nicht alle Brücken als potenzielle Hindernisse abgebaut werden können, schlägt Heberle den Bau eines Hochwasserrückhaltebeckens mit einem Fassungsvermögen von bis zu 70 000 Kubikmetern zwischen Gomaringen und Bronnweiler vor.

Ein kritischer Punkt ist aber die Wiesazbrücke in der Kirchstraße, mitten im Dorf. Sie sollte aus Heberles Sicht entweder erneuert oder um eine 65 Meter lange Schutzmauer entlang der Straße ergänzt werden. Insgesamt müsste Gomaringen mehr als 800 000 Euro investieren.

Becken-Bau in Belsen

Ein in der Vergangenheit eher unterschätztes Problem rückt nun ebenfalls ins Blickfeld: das Wasser, das bei kleinräumigen Starkregen, wie sie klimabedingt nun häufiger werden, von Hängen herab in die Siedlungen schießt und riesige Schäden anrichten kann wie im Mai 2016 in Braunsbach. Das könnte in Gomaringen etwa den Siedlungsrand an der Albert-Schweitzer-Straße zur Alb hin betreffen. Um diese Gefährdungen zu dokumentieren, werden Starkregenkarten erstellt.

»Wir haben keine Angst vor Prognosen, dass Mössingen überschwemmt wird.« Baubürgermeister Martin Gönner sieht die Voraussagen der Klimaforscher mit Gelassenheit. Schließlich macht die Stadt Mössingen schon einiges, um sich vor Gefahrenlagen durch Wasser zu bewahren. Das drei Millionen Euro teure Hochwasserrückhaltebecken in Belsen, das im Mai fertig sein soll, ist nur der sichtbarste Teil dessen, wie die Stadt reagiert.

»Das ist eine ständige Aufgabe«, sagt Gönner und verweist darauf, dass in der Nachkriegszeit Bäche verdolt und Plätze asphaltiert wurden. Ausgleichsflächen, die jetzt vorgeschrieben sind, waren unbekannt. Jetzt ist die neue Linie: Rücknahme, wo es geht. Die Devise ist, frühzeitig etwas gegen mögliche Gefahren unternehmen. Ein Gedanke, von dem auch die Zusammenarbeit mit Ofterdingen bestimmt ist, auf das die Mössinger Bemühungen Auswirkungen haben.

«Mit Mössingen sollten wir zusammen ein Konzept haben«, sagt der Ofterdinger Bürgermeister Joseph Reichert. Denn der Ort für ein neues Regenüberlaufbecken liege nicht mehr auf Ofterdinger Gemarkung. »Was die Mössinger bisher getan haben, wie etwa das Hochwasserschutzbecken in Belsen, bringt auch uns etwas«, sagt Reichert. Mit großen baulichen Maßnahmen hat Ofterdingen bisher noch nicht auf Hochwassergefahren reagiert, die durchaus da sind. Beim THW und der Feuerwehr wurden aber insgesamt 1 500 Sandsäcke eingelagert, die im Bedarfsfall für Dämmungsmaßnahmen genutzt werden könnten.

Ansonsten hat die Gemeinde beim Rottenburger Büro Heberle ein Hochwasserschutzkonzept in Auftrag gegeben, das noch nicht vorliegt. Im Frühjahr soll aber im Gemeinderat darüber beraten werden. Reichert geht davon aus, dass auch die neuesten Erkenntnisse noch darin Eingang finden.

Baugebiet als Schutz in Nehren

Ein Konzept wie in Ofterdingen wird es in Nehren nicht geben. »Gegen Oberflächenwasser kann ich nichts machen«, erklärt Egon Betz, Bürgermeister von Nehren. Damit habe die Gemeinde vor allem bei Starkregen wie 2011 oder 2012 ein Problem. Die Bebauung des neuen Baugebiets Südwest Ehrenberg II sei dabei aber bereits ein guter Schutz. Zudem sei man dabei, die unterirdischen Kanäle umzuleiten. Bisher führen alle Wege zum ehemaligen Metzger in der Kappelstraße, sagt Betz. »Dieser Bereich soll nun entlastet werden.« Zusätzlich wird ein neues Regenauffangbecken, das den Zulauf von der Bubengasse zur Talstraße eindämmen soll, gebaut.

Keine Befürchtungen bezüglich Hochwasser hat Dußlingens Bürgermeister Thomas Hölsch, was den B 27-Tunnel durch die Gemeinde betrifft. Ein 1,80 Meter breiter Kanal soll garantieren, »dass der Tunnel nicht absäuft«, sagt Hölsch. Da sieht er in der Gemeinde selbst, die noch bis 2020 ein Regenüberlaufbecken bauen will, stärkere Probleme. Deshalb sind weitere Ausgleichsflächen und Renaturierungen im Gespräch. Außerdem versucht die Gemeinde, versiegelte Flächen zurückzubauen. (GEA)











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