Medizin

Herz-Lungen-Maschine: Das gestoppte Herz

Von Claudia Hailfinger

TÜBINGEN. Zum 25 0000. Mal wurde gestern an der Uniklinik Tübingen mithilfe einer Herz-Lungen-Maschine operiert. Das Gerät übernimmt für einige Stunden die Funktionen der beiden lebenswichtigen Organe und ermöglicht so präzise Eingriffe am Herzen. Bei der Mitralklappen-Rekonstruktion der 66-jährigen Reutlingerin Franziska Brinks ließ sich der Tübinger Herzchirurg Christian Schlensak jetzt im Operationssaal über die Schulter schauen

Herzoperation Uniklinikum Tübingen 2013
Etwa sechs Zentimeter lang ist der Schnitt unter der rechten Brust von Franziska Brinks. Von hier aus repariert Chirurg Christian Schlansek die defekte Herzklappe. FOTO: Gerlinde Trinkhaus
Die grüne Linie auf dem Monitor zeigt keine Ausschläge mehr an, das gleichmäßige Piepen ist nicht mehr zu hören - das Herz hat aufgehört zu schlagen. Alles läuft nach Plan. Denn in nur zwei Metern Entfernung bewegt sich etwas. Kleine Propeller beginnen sich zu drehen und Blut bahnt sich mühsam in fingerdicken Schläuchen seinen Weg aus dem Körper. Die Herz-Lungen-Maschine hat ihre Arbeit aufgenommen und wird für die nächsten Stunden die Aufgabe der beiden lebensnotwendigen Organe übernehmen und so die Patientin am Leben halten.

Dass sie nun hier unter dem grellen Licht der OP-Lampe liegt, den Körper bis auf ein klaffendes Loch abgedeckt und abgeklebt, den Kopf unter einem Wirrwarr von Kabeln und Kanülen begraben, das hätte sich Franziska Brinks vor vier Wochen nicht vorstellen können. Anfang Februar kehrte sie nach Reutlingen zurück, nachdem sie eine Woche auf ihre drei Enkelkinder in Friedrichshafen aufgepasst hatte. Viel war in der Zwischenzeit zu Hause liegen geblieben und auch der nächste Termin mit einer Kundin stand schon an. Ohne Anzeichen von Müdigkeit erledigt die Innenarchitektin alles, kommt erst am Abend zur Ruhe.

In der Nacht setzt dann eine heftige Übelkeit ein. »Ich wollte mich hinlegen, aber das ging nicht, ich habe so schwer Luft bekommen«, erinnert sich die 66-Jährige. Bis zum Morgen des nächsten Tages harrt sie aus, frühstückt sogar noch. Ihr Mann ist es schließlich, der entscheidet, sie ins Krankenhaus zu bringen. Als Franziska Brinks dann aber auch noch starke Platzangst bekommt, ist klar, dass es weder mit der morgendlichen Dusche noch mit der Autofahrt etwas wird. Ihr Mann ruft die Ambulanz.

Zwölf Tage liegt Franziska Brinks in der Reutlinger Klinik. Gleich bei ihrer Ankunft habe der »pfiffige Notarzt« vermutet, dass mit ihrer Herzklappe etwas nicht stimme, erzählt sie. Schnell ist auch klar, dass operiert werden muss - und zwar von den Experten der Tübinger Klinik für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie.

Abgeklemmt

Professor Christian Schlensak hält ein kleines, zusammengeschrumpeltes weißes Fädchen mit einer Pinzette fest - die Ursache des Übels. Der Sehnenfaden ist gerissen und verhindert so, dass die Mitralklappe, eine der vier Klappen des Herzens, richtig schließt. Mit Spezialinstrumenten gilt es nun, einen künstlichen Sehnenfaden anzubringen. Millimeterarbeit, die der ärztliche Direktor der Herzchirurgie mithilfe einer in das Herz eingeführten Kamera vollbringen muss. Schließlich operiert er nicht am offenen Herzen, sondern minimal-invasiv, das heißt durch einen kleinen Schnitt, den er unterhalb der rechten Brust gesetzt hat. Das erfordert höchste Konzentration vom Arzt und Stillhalten vom Operationsobjekt. Das Herz wurde daher von der Blutversorgung abgeklemmt und mit einer Kaliumlösung zum Stillstand gebracht.

Ihren Weg fand die Flüssigkeit durch eine feine Kanüle, die der Arzt zuvor über einen Schnitt in der Leiste in die Hauptschlagader eingeführt und bis ans Herzen vorgeschoben hat. Alle 20 bis 30 Minuten muss der Chirurg seine Arbeit kurz unterbrechen, damit neue Flüssigkeit in den wichtigsten Muskel des Körpers fließen, ihn mit schützenden Substanzen versorgen und kühlen kann.

In die Wege leitet das der Kardiotechniker Walter Jost, der Mann an der Herz-Lungen-Maschine. »Das Herz hat jetzt eine Temperatur von etwa zehn Grad«, erklärt er, da der Körper drum herum aber wärmer sei, müsse nachgekühlt werden. Im kalten Zustand fährt der Stoffwechsel runter und Schäden am Gewebe können gering gehalten werden.

Jost sitzt den ganzen Eingriff über auf einem kleinen Hocker. Heute sind es rund zwei Stunden, es waren aber auch schon zehn. Auf einem Monitor überwacht er den Zustand der Patientin. Neben dem nicht mehr vorhandenen Herzschlag sind das etwa Köpertemperatur, Sauerstoffsättigung und Blutdruck. Der Anästhesist ruft ihm einen Wert zu - »zu niedrig«, urteilt Jost und gibt dem Blut, das vor ihm durch die Maschine zirkuliert, etwas Heparin zu. Das soll die Gerinnung des Blutes vermeiden. Fatal wäre es, würden Klümpchen entstehen, die mit der Maschine wieder in den Körper gepumpt würden. Nicht von der Seite des Kardiotechnikers weicht eine Assistentin. Alle 15 Minuten wird sie mit einer kleinen Blutprobe ins Zimmer nebenan geschickt, wo sie den Lebenssaft maschinell überprüft.

Routiniert

Am OP-Tisch hat Christian Schlensak alles im Griff. Es wird schnell, aber nicht hastig gearbeitet, Blut wird abgesaugt, vollgesaugte Tupfer werden in den Mülleimer geworfen. Hin und wieder gibt der Herzchirurg kurze Anweisungen, sonst ist es still. Lediglich die Lüftung sorgt für ein Dauerrauschen.

Einiges an Fettgewebe sei im Weg, abgesehen davon laufe die Rekonstruktion der Herzklappe wie geplant, bilanziert er zur Mittagszeit, nach zwei Stunden OP. Am Ende des Eingriffs, wenn alles vernäht ist, die Kanüle aus dem Körper gezogen werden und das Blut ins Herz läuft, muss der Muskel wieder selbst arbeiten.

»Sehr routiniert« laufe diese Art der Operation ab, erklärte Schlensak bei einem Vorgespräch. Am Abend, so prognostizierte er, erwache die Patientin aus der Narkose. Nach rund einer Woche könne sie in die Reha entlassen werden. Beruhigende Worte, die die Reutlingerin zwar gerne hört, aber nicht braucht. Sie sehe sich nicht als »Betroffene« sagt sie, habe die Erkrankung nach anfänglichem Hadern (»dass mir so was passiert«) angenommen und fühle sich in besten Händen, erklärte sie vor der OP.

»Und wenn etwas schief geht, ist das Schicksal, da kann man nichts machen.« Die höheren Mächte scheinen es aber gut mit ihr zu meinen. Nach zwei Stunden ohne Reaktion schlägt die grüne Linie auf dem Monitor wieder aus und zeigt zurückgekehrtes Leben. (GEA)

In falscher Richtung


Die Mitralklappe befindet sich zwischen linkem Vorhof und linker Herzkammer, dort wo das Blut aus dem Lungenkreislauf in die linke Herzhöhle einströmt. Sie besteht aus zwei Segeln und sorgt dafür, dass das Blut in Richtung des Körperkreislaufs gepumpt wird und nicht zurück in die Lungen fließt. Schließt eines der Segel nicht mehr richtig, strömt Blut zurück in den Vorhof und staut sich bis in die Lunge zurück. Es kommt mitunter zu Atemnot. (hai)



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25000. Eingriff mit Herz-Lungen-Maschine

Herzoperation am Uniklinikum Tübingen

Herzoperation Uniklinikum Tübingen 2013
FOTO: Gerlinde Trinkhaus
 
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