Ehrenamt - Erfahrungsaustausch im Landratsamt. Forscher der Uni Tübingen mit zwei Projekten beteiligt

Helfer wünschen sich mehr Anerkennung

TÜBINGEN. Zwischen Skepsis und einer anhaltenden »Willkommenskultur« bewegt sich die öffentliche Flüchtlings-Diskussion seit 2015. Auch im Landkreis Tübingen haben sich Hunderte von Ehrenamtlichen in etwa 40 Initiativen vor Ort engagiert und tragen seitdem zur Betreuung und Integration Geflüchteter bei. Auf einer Tagung unter der Leitung von Kreisarchivar und Honorarprofessor Wolfgang Sannwald im Landratsamt ging es um die Erfahrungen der Helfer. Einbezogen wurden die Erkenntnisse zweier Feldforschungsprojekte der Uni Tübingen in Kooperation mit dem Landkreis.

So haben 20 Studenten eines Seminars am Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft 20 Interviews zu zehn Unterstützerkreisen geführt und ausgewertet. Das Soziologische Institut hat die Erfahrungen Ehrenamtlicher in einer Online-Befragung ermittelt. In einer Ausstellung unter dem Titel »Geflüchtet - hiesig werden. Ehrenamtliche Flüchtlingshilfe«, die noch bis 2. März im Landratsamt zu sehen ist, haben die Studenten die Ergebnisse ihrer Recherchen zusammengefasst.

Die Motivation der Ehrenamtlichen hat unterschiedliche Gründe. Sie reichen von Pflichtgefühl bis Empathie. Die Helfer sind in erster Linie gut gebildete Frauen, zur Hälfte bereits im Rentenalter und im Schnitt über zwei Jahre dabei. Sie stehen den Geflüchteten bei der Bewältigung von Alltagsproblemen bei, unterstützen sie beim Spracherwerb, bei der Suche nach Wohnraum und Arbeit. Sie organisieren Veranstaltungen für Geflüchtete und fungieren als Vermittler von Werten und als Netzwerker.

Stimme gegen Rassismus

Im Laufe der Zeit haben sich viele patenschaftliche Beziehungen zu Freundschaften entwickelt. »Wir haben sehr viel zurückbekommen«, sagt eine Helferin aus einem Tübinger Unterstützerkreis. »Das sind Freunde geworden, nicht nur irgendeine Familie, der man mal zeitweise unter die Arme greift.«

Eine große Rolle spielen bei vielen Interviewten die Wahrnehmung, eigentlich staatliche Aufgaben wahrnehmen zu müssen, und der Wunsch nach besseren Rahmenbedingungen. Das heißt unter anderem eine größere Wertschätzung ihrer Arbeit vonseiten der Behörden und mehr Transparenz. Kritisiert werden häufig gesetzliche Hürden und bürokratische Hindernisse.

Landrat Joachim Walter versprach, mehr Klarheit zu schaffen und die Ehrenamtlichen »auf Augenhöhe mit an den Tisch zu holen«. Die Integration von Geflüchteten sei nach wie vor eines der zentralen Themen seiner Behörde und ohne die Mithilfe der Ehrenamtlichen nicht zu leisten. Der Prozess der Eingliederung müsse weiter verfeinert werden. Die Forscher wollten auch wissen, ob das erlernte Netzwerken zu weiter gehendem politischen Engagement führt. Tatsächlich verstehen sich die Helferkreise auch als politische Stimme gegen Rassismus.

Neues Verständnis des Islams

Professor Reinhard Johler vom Ludwig-Uhland-Institut wies auf die lange Tradition der Beschäftigung mit Geflüchteten hin. 12,5 Millionen Menschen seien nach dem Zweiten Weltkrieg in das zerstörte Deutschland geflohen. Auch die Erfahrungen mit Geflüchteten aus den Balkankriegen in den 90er Jahren lassen sich nutzen. Ein wesentlicher Unterschied: die geografische, sprachliche und rechtspolitische Nähe der damaligen Flüchtlinge im Gegensatz zu den jetzigen aus dem arabischen Raum und Afrika.

Aber auch das großflächige zivilgesellschaftliche Engagement, das man mit rund fünf Millionen Flüchtlingshelfern durchaus als eine neue Bürgerbewegung bezeichnen könne, sei einzigartig und führe zu Veränderungen von Kultur und Gesellschaft: Die Integrationsprozesse verändern nicht nur die Geflüchteten, sondern auch die Aufnehmenden, unter anderem über eine neue Form der Solidarität und ein neues Verständnis des Islams.

Professor Martin Groß vom Institut für Soziologie berichtete von der Online-Befragung, an der 100 Flüchtlingshelfer teilnahmen, und über Motivation wie Verantwortung und Mitleid sowie über Belastungen wie Zeitaufwand und das Schicksal der Geflüchteten Auskunft gaben. Die Zusammenarbeit mit den Flüchtlingen sei dagegen in der Regel gut. In diversen Workshops konnten die Tagungs-Teilnehmer sich dann noch mit Studenten und Redaktionsmitgliedern der für Geflüchtete erscheinenden Zeitschrift »Tünews« austauschen. Immer wiederkehrendes Thema ist die Kommunikation. (ist)

www.kreis-tuebingen.de

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