Wirtschaft - »Casino-Kapitalismus«: Experten diskutieren im Weltethos-Institut über eine Reform des Geldsystems

Gegen die Macht der Banken

VON NORBERT LEISTER

TÜBINGEN. »Steckt unser Geld in der Krise?« So lautete die Frage über der sechsten Veranstaltung aus der Reihe »Klüger wirtschaften« des Weltethos-Instituts in Tübingen. Natürlich steckt das Geld in der Krise, behauptet Professor Joseph Huber mit seinem Buch »Monetäre Modernisierung«. Seit rund 100 Jahren wird laut Professor Karl-Heinz Brodbeck eine »Banken-Industrie« aufgebaut, »ein international verflochtenes Bankensystem«, das kaum mehr zu entflechten und aufzubrechen sei, betonte der Kollege von Huber, der als Volkswirtschaftler, Philosoph und Wirtschaftsethiker arbeitet und Hubers Buch rezensiert hat.

Das Ergebnis präsentierte Brodbeck am Freitagabend in einem prall gefüllten Veranstaltungsraum: »Es bräuchte eine Weltbehörde, die die Banken kontrolliert.« So manche Kritikpunkte fand er an Hubers These des »Vollgelds«, also einem Zahlungsmittel, das nicht mehr von den Banken als reiner Buchwert ausgegeben werden könnte, sondern in zwei getrennten Kredit- und Zahlungskreisläufen zirkuliert. Herausgeben dürfte das »Vollgeld« nur noch der jeweilige Nationalstaat. Brodbrecks Hauptkritik an Hubers These: In den heute eng verflochtenen globalen Wirtschaftssystemen seien Geldströme »nicht mehr national kontrollierbar«.

»Vollgeld« als erster Schritt

Einig waren sich die beiden Ökonomen hingegen, dass das jetzige Geldsystem mit der viel zu großen Macht der Banken aufgebrochen werden müsste. Nur wie? »Das Geldsystem hat sich seit 500 Jahren entwickelt«, so Huber. Seine These des »Vollgelds« sei zwar nicht das Optimum, aber immerhin ein erster Schritt, um mehr Kontrolle über den Geldmarkt zu erhalten. Um nicht mehr solche »Kredit- und Staatsschuldenblasen« zu produzieren wie 2008. »Globalen Casino-Kapitalismus« nennen Brodbeck und Huber das heutige Geldsystem.

Ob denn nicht die Macht und die Aufgaben der Banken beschnitten werden könnten, kam eine Frage aus dem Publikum. »Natürlich wäre das möglich«, antwortete Brodbeck. Aber nur rein theoretisch, denn: »Die Macht der Banken ist so groß geworden, sie bestimmt Denkformen und die Politik.« Ein Beweis? »Mario Draghi war als Chef der Europäischen Zentralbank vorher Vizepräsident von Goldmann Sachs«, so Brodbeck.

Zustimmung kam dazu von Joseph Huber. Er verteidigte aber seine Theorie des »Vollgelds«. Ein gewichtiger Grund: »Wenn man das ›Giralgeld‹ durch ›Vollgeld‹ austauschen würde, dann wären Deutschlands Staatsschulden getilgt.« Und die Gewinne aus dem ausgegebenen »Vollgeld« würden jeweils den Staatshaushalten zukommen, den Schuldenabbau somit deutlich vorantreiben.

Ob denn die »Finanz-Elite«, die mit Spekulationen und Investmentbanking ein gigantisches Vermögen angehäuft habe, vor allen anderen Reformschritten nicht zunächst enteignet werden sollte, fragte Dr. Bernd Villhauer augenzwinkernd als neuer Geschäftsführer des Weltethos-Instituts. »Auf diese Frage gehe ich lieber nicht ein«, antwortete Huber schmunzelnd.

Wie eine nukleare Wolke

Professor Claus Dierksmeier hatte als Direktor des Weltethos-Instituts in seiner Einführung das heutige Geldsystem mit der Tschernobyl-Katastrophe verglichen. Wie die nukleare Wolke wirke auch das Geld »unbemerkt unter uns, zeitigt aber Krisen und verändert alles«. Dabei würden die Diskussionen sich sowohl beim Geldsystem wie auch bei der Atomenergie ähneln: Die einen würden für die Beibehaltung plädieren und versuchen, »die dunklen Seiten zu zähmen«. Die andere Seite äußere sich durch strikte Ablehnung und plädiere für den Wandel, den Wechsel. »In beiden Fällen ist guter Rat teuer«, so Dierksmeier. Und »teuer« wollte er durchaus im finanziell wirksamen Sinn verstanden wissen. (GEA)



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