Kultur - Wo der Schriftsteller in Tübingen einst Buchhändler lernte, entsteht eine Gedenkstätte. Stadt sammelt Spenden

Gedenkstätte für Hermann Hesse

Von Brigitte Gisel

TÜBINGEN. Es ist staubig. Und duster. Mitten im Raum windet sich eine gusseiserne Wendeltreppe ins Nirgendwo. Boris Palmer ahnt, was hier allen durch den Kopf geht. »Sie werden sagen. Wo sind die Bücher?« Der Tübinger OB gibt auch gleich die Antwort. »Eingelagert im Kulturamt.« Dort steht auch das rote Sofa, auf dem schon Udo Lindenberg Platz nahm. In den historischen Räumen des Antiquariats Heckenhauer am Holzmarkt regieren derzeit die Handwerker. Im nächsten Sommer soll an dieser Stelle die Hesse-Gedenkstätte eröffnet werden.

Das Haus an der Ecke Holzmarkt/Lange Gasse wird derzeit restauriert. Es teilt sich mit dem Nachbargebäude das Treppenhaus.
Das Haus an der Ecke Holzmarkt/Lange Gasse wird derzeit restauriert. Es teilt sich mit dem Nachbargebäude das Treppenhaus. FOTO: Brigitte Gisel
»Das hier ist der einzige historische Ort in Tübingen, wo Hesse mehrfach täglich die Treppe rauf und runter ging«, sagt Dagmar Waizenegger vom Kulturamt und blickt zur restaurierten Stiege. In der Buchhandlung Heckenhauer hat Hermann Hesse, bevor er Schriftsteller wurde, von 1895 bis 1899 eine Buchhändlerlehre absolviert. Von den Fenstern des Kontors aus wird er das Treiben auf der Langen Gasse beobachtet haben.

Wenn die Bauarbeiten beendet sind, ist in dem Gebäude am Holzmarkt auf 65 Quadratmetern die original restaurierte Buchhandlung aus dem 19. Jahrhundert mit all ihren Regalen und Büchern wieder da. An der Konzeption des Museums wird auch die Arbeitsstelle für literarische Museen, Archive und Gedenkstätten aus dem Marbacher Literaturarchiv mitarbeiten. Schon nächsten Sommer werden hier Besucher durch die Räume schlendern. Das Hesse-Haus soll nicht das einzige literarische Museum in der Stadt bleiben. Auch der Hölderinturm wird, wie berichtet, mehr öffentliche Präsenz zeigen.

Antiquariat hinter Glas

Ein Investor hat das Haus am Tübinger Holzmarkt 2010 gekauft. Es wurde 1613 gebaut und gehört damit zu den ältesten der Stadt. Im Obergeschoss entstehen drei Wohnungen, das Antiquariat Heckenhauer residiert künftig in einem 25 Quadratmeter großen Raum, den eine Glaswand vom Museum trennt, ihn aber gleichzeitig auch verbindet. Dort wird Roger Sonnewald, der Urenkel von Hesses Lehrmeister sitzen. Das Haus erhält Schallschutz und wird nach den Regeln der Kunst wärmegedämmt. Die historischen Vorsatzfenster bleiben erhalten und bekommen Isolierglasscheiben.

All das kostet Geld, weswegen die Stadt kurz vor Weihnachten zum Lokaltermin geladen hatte. Palmer rechnet mit 240 000 Euro für Kauf und Sanierung der Räume. Ein Großteil davon soll mit Spenden finanziert werden. Denkmalstiftung, Kreissparkasse und ein anonym bleiben wollender dritter Großspender haben bereits 100 000 Euro gegeben. Weitere 49 000 Euro kamen durch größere und kleine Spenden zusammen, 40 000 Euro fehlen noch. »Es tun uns auch kleine Beiträge gut«, lockt Dagmar Waizenegger.

Tiefer in die Tasche gegriffen hatte kurz vor Weihnachten der Verein der Freunde der Tübinger Kultur. Geschäftsführer Wilfried Setzler hatte quasi die Kopie des Schecks über 10 000 Euro dabei, den der Verein gespendet hatte.

Auch der frühere Leiter des Tübinger Kulturamts verbindet persönliche Erinnerungen mit dem Haus und das nicht nur, weil er ein Buch über Hermann Hesses Jahre in Tübingen geschrieben hat. Setzler hat sich schon früh auf die Spuren des Autors begeben. »Als Abiturient habe ich hier für 60 Pfennig die Stunde gejobbt.«.

Als Hesse-Fan outet sich nicht nur OB Boris Palmer, der vor allem das Glasperlenspiel schätzt. Im Sommer vor einem Jahr war Udo Lindenberg da. Er fühle sich mit Hesse seelenverwandt, ließ er damals wissen und sich dann auf dem roten Sofa unter der Wendeltreppe ablichten. Und er hat etwas versprochen: »Zur Einweihung werde ich auch kommen, wenn es möglich ist.« (GEA)

www.tuebingen.de/hesse



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